Politik

Interview mit Botschafter Omar "Die Westsahara ist das größte Gefängnis der Welt"

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Saharauische Soldatinnen und Soldaten nehmen am 27. Februar 2021 an den Feierlichkeiten anlässlich des 45. Jahrestages der Ausrufung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara teil.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Westsahara gilt als letzte Kolonie Afrikas. Fast 50 Jahre nach dem Abzug Spaniens besetzt heute Marokko zwei Drittel des Gebietes. Die Menschen in der Westsahara, die Sahrauis, kämpfen mit ihrer Befreiungsfront Polisario seit Jahrzehnten für ein Referendum und einen eigenen Staat. Sidi Omar, Botschafter der Polisario bei den Vereinten Nationen, erklärt im Interview, warum die Gewalt im Westsahara-Konflikt zunehmen könnte und warum er und die Sahrauis den Glauben an die UN und auch an Länder wie Deutschland verloren haben.

ntv.de: Am 27. Februar 1976 rief die Polisario die Demokratische Arabische Republik Sahara aus. Heute, fast 46 Jahre später, ist dieser Staat immer noch nicht mehrheitlich international anerkannt. Was sind die Gründe dafür?

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Sidi Omar ist Botschafter der Polisario bei den Vereinten Nationen.

(Foto: ntv)

Sidi Omar: Der Hauptgrund ist die anhaltende illegale Besetzung von Teilen der Sahrauischen Republik durch Marokko. Als Spanien seine ehemalige Kolonie verließ, rief die Frente Polisario die Demokratische Arabische Republik Sahara aus, die sofort von einer Reihe von Staaten anerkannt wurde. Die Sahrauische Republik ist zwar nicht Mitglied der Vereinten Nationen, aber sie ist Vollmitglied und Gründungsmitglied der Afrikanischen Union.

Wie ist die Lage der Sahrauis derzeit, insbesondere in dem von Marokko besetzten Teil?

Viele Sahrauis mussten fliehen. Sie wurden von den marokkanischen Streitkräften verfolgt und mit international geächteten Bomben wie Napalm bombardiert. Weniger als die Hälfte der Bevölkerung ist in den besetzten Gebieten geblieben. Sie sind der ständigen Unterdrückung durch die marokkanischen Behörden ausgesetzt. Die Westsahara ist derzeit das größte Gefängnis der Welt, denn sie ist abgeriegelt und internationale Beobachter und Medien dürfen das Land nicht betreten.

Die meisten geflüchteten Sahrauis leben im Nachbarland Algerien. Wie ist die Situation dort?

Die Sahrauis konnten in den Flüchtlingslagern dank der Großzügigkeit Algeriens und der Hilfe der internationalen Gemeinschaft lebenswichtige Einrichtungen sowie Schulen und Krankenhäuser bauen. Wer diese Lager besucht hat, kann bestätigen, dass es sich um einige der am besten organisierten und selbstverwalteten Lager der Welt handelt.

Die MINURSO-Mission der Vereinten Nationen hat seit 1991 die Aufgabe, einen Waffenstillstand und ein Referendum in der Westsahara zu ermöglichen. Das Referendum hat immer noch nicht stattgefunden, der Waffenstillstand ist inzwischen wieder aufgehoben. Wie können Sie sich das erklären?

Offensichtlich konnte die UN-Mission MINURSO in fast 30 Jahren ihr Mandat nicht umsetzen. In erster Linie wegen der Politik Marokkos, aber leider auch wegen der Untätigkeit des UN-Sicherheitsrates, der diese Mission mit einem sehr klaren und präzisen Auftrag eingesetzt hatte. Der Zusammenbruch kam am 13. November 2020, als Marokko den Waffenstillstand im südlichen Teil der Westsahara brach und eine Gruppe sahrauischer Zivilisten angriff, die friedlich gegen die Besetzung durch Marokko und massive Ausplünderung sahrauischer Ressourcen protestierten. Entlang der berüchtigten Mauer der Schande, die Marokko in der Westsahara errichtet hat, kommt es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Parteien.

Erwarten Sie eine Zunahme der Gewalt?

Alles ist möglich. Wir Sahrauis haben nie Gewalt um der Gewalt Willen angewendet. Der erste Krieg wurde uns 1975 aufgezwungen, als Marokko unser Land besetzte. Der Einmarsch im November 2020 war ein weiterer Moment, in dem wir gezwungen waren, zu den Waffen zu greifen. Es liegt in der Verantwortung des UN-Sicherheitsrates, der als Hauptorgan der UNO für Frieden und Sicherheit auf internationaler Ebene zuständig ist, wirklich einzugreifen und Druck auf Marokko auszuüben, damit dieser neue Krieg beendet wird. Andernfalls haben Kriege leider ihre eigene Dynamik und sie neigen zur Eskalation.

Welche Rolle spielt die Europäische Union in diesem Konflikt? Sie hatte mit Marokko ein Abkommen über die Fischerei vor der Küste der Westsahara geschlossen, ohne mit den Sahrauis zu sprechen. Der Europäischen Gerichtshof erklärte das Abkommen für ungültig.

Wirtschaftlichen Interessen wird hier mehr Bedeutung beigemessen als Rechten. Marokko und die Westsahara sind getrennte, unabhängige Gebiete. Niemand kann über Ressourcen verfügen oder sie nutzen, ohne die Zustimmung der Sahrauis, die von der Frente Polisario vertreten werden. Das ist Heuchelei. Sie können nicht auf der einen Seite sagen, dass Sie die Bemühungen der Vereinten Nationen für eine friedliche und dauerhafte Lösung in der Westsahara unterstützen und gleichzeitig Munition nach Marokko liefern. Wer sich mit Marokko über die Ressourcen der Westsahara verständigt, unterstützt rechtlich und politisch die Besetzung der Westsahara.

Welche Rolle spielt Deutschland im Westsahara-Konflikt?

Im Dezember 2020 rief Deutschland ein Treffen für den Sicherheitsrat ein, um den Westsahara-Konflikt zu besprechen. Daraufhin wurde Marokko wütend und brach die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland quasi ab. Das war ein Beispiel dafür, dass Deutschland wirklich daran arbeitet, den Prozess in der Westsahara voranzubringen. Aber leider wurde das mit einer neuen Regierung nicht aufrechterhalten. Aber wir hoffen immer noch, dass Deutschland mit seinem Gewicht in Europa und auf der internationalen Bühne weiterhin wie ein Land arbeitet, das sich für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine aktivere Rolle der Vereinten Nationen bei der friedlichen Lösung von Konflikten einsetzt.

Was erwarten Sie denn in der nächsten Zeit? Sehen Sie eine realistische Chance, dass die Sahrauis irgendwann ihre Rechte bekommen?

Der Sondergesandte der Vereinten Nationen, Staffan de Mistura - mit über 40 Jahren Erfahrung bei den Vereinten Nationen - hat die Region bereist und dabei die Vertreter Marokkos, der Republik Sahara sowie der Nachbarländer Algerien und Mauretanien getroffen. Jetzt warten wir auf seinen nächsten Schritt. Er drückte die Bereitschaft der Vereinten Nationen aus, unsere Arbeit für eine friedliche Lösung fortzusetzen, aber natürlich behalten wir uns gleichzeitig unser Recht auf Verteidigung vor. Wir haben das Vertrauen in die Vereinten Nationen verloren und wir haben gesehen, wie in verschiedenen Teilen der Welt mit zweierlei Maß gemessen wird. Wir sind nicht bereit, noch länger darauf zu warten, dass die UN etwas unternimmt.

Aber haben Sie, die Sahrauis, die Polisario, eine andere Option als abzuwarten?

Praktisch gesehen besteht das Problem darin, dass die Sahrauis am Frieden arbeiten, während Marokko sich dem Prozess verschrieben hat. Wir sind bereit, uns an jedem ernsthaften friedlichen Prozess unter Führung der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union zu beteiligen. Aber wenn das nicht der Fall ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Kampf fortzusetzen.

Mit Sidi Omar sprach Julian Hilgers

Sie wollen mehr über den Westsahara-Konflikt wissen? Dann hören Sie die aktuelle Folge vom Podcast 55 Countries bei AudioNow.

Quelle: ntv.de

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