Politik

Libanesen auf der Straße "Die Wut ist riesengroß"

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Auch Tage nach dem Inferno sind noch nicht alle Opfer aus den Trümmern geborgen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Was entzündete die Tausende Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut? Unter den Libanesen kursieren viele Gerüchte, doch für die ungesicherte Lagerung scheint vielen die Hisbollah verantwortlich. Die Wut der Menschen wächst, wie der Beiruter Politologe Khaled Amer im Interview mit ntv.de erklärt. Amer heißt eigentlich anders, wir haben seinen Namen geändert, um ihn vor der Hisbollah zu schützen.

ntv.de: Wie geht es Ihnen?

Khaled Amer: Ich bin erschüttert, noch immer. Die Wucht dieser Detonation war jenseits aller Vorstellungskraft. 300.000 Menschen stehen seit Montagabend ohne Bleibe da, einige meiner Freunde gehören dazu. Mehrere sind verletzt, der Vater eines Freundes wird immer noch vermisst.

Was man hier zu sehen bekommt, sind Bilder von Menschen, die zusammenstehen, sich gegenseitig helfen in großer Not.

Daraus schöpfe ich den Mut, hier zu bleiben. Unmittelbar nach der Explosion habe ich gesagt: Das war es mit Libanon. Ich gehe. Keine Sekunde länger bleibe ich mit meiner Familie in diesem Land, das sich ohnehin schon im freien Fall befand. Dann sah ich, was die Menschen auf der Straße taten, und wusste, dass wir hierher gehören.

Seit diesem Wochenende gibt es Proteste gegen die Regierung. Ihr Premier Hassan Diab will dem Kabinett vorschlagen, Neuwahlen vorzuziehen.

Alle sind wütend, die sozialen Medien sind voll davon. Es gibt einen arabischen Hashtag, übersetzt etwa "Knüpft den Strick". Da fordern viele, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, von der Justiz über die Politik - alle, die beteiligt waren.

Sehen Sie das Potenzial für Proteste so groß wie im vergangenen Herbst, als mehr als eine Millionen Libanesen auf die Straße gingen?

Ich sehe diese Möglichkeit, denn die Wut ist riesengroß. Bei diesem Desaster wurde jeder getroffen. Keiner ist ungeschoren geblieben, auch nicht die, die bisher von Korruption und Vetternwirtschaft in der Politik profitiert haben. Darin liegt eine Chance.

Auch die Chance, dass die Wahrheit über die Ursache für die Explosion ans Licht kommt?

Die überwiegende Mehrheit glaubt nicht mehr an die libanesischen Behörden. Sie haben ihr Vertrauen verloren, so dass sie keiner von ihnen durchgeführten Untersuchung glauben würden. Sie hoffen darauf, dass internationale Ermittler das aufklären werden.

Welche Theorien kursieren derzeit zu der Frage, wer für die Explosion verantwortlich ist?

Es war kriminell fahrlässig, die Lagerung von Sprengstoff im Zentrum von Beirut zuzulassen. Davon bin ich überzeugt. Dies liegt in der Verantwortung der libanesischen Behörden. Zur Frage, was die Explosion ausgelöst hat, gibt es widersprüchliche Einschätzungen. Es wird behauptet, dass es aufgrund von Schweißarbeiten in der Nähe eine Brandquelle gab, die die Explosion verursachte. Andere meinen, es habe Sabotage von innen gegeben, also jemand hätte die Explosion absichtlich verursacht.

Was ist da denkbar - aus Sicht Ihrer Landsleute?

Spenden für Beirut

Bereits vor der Explosion litt die Hälfte der Bevölkerung in Beirut Hunger und lebte unterhalb der Armutsgrenze. Die Stiftung RTL will helfen: Unsere Partner CARE Deutschland e.V. und I.S.A.R. Germany e.V. kümmern sich um die Versorgung von Verletzten und um Notunterkünfte für die unzähligen Obdachlosen, aber auch um langfristige Hilfe für Kinder und Familien, die vor dem Nichts stehen. Sie können uns ganz einfach mit 10 Euro unterstützen.

Schicken Sie eine SMS mit dem Wort BEIRUT an die 44 8 44.

Oder spenden Sie per Überweisung:

Stichwort: Beirut
Empfänger: Stiftung RTL
Konto: DE55 370 605 905 605 605 605
Sparda-Bank West

Es gibt Spekulationen, dass dies ein israelischer Luftangriff war, der den Hafen zum Ziel hatte. Befürworter dieser Theorie argumentieren, dass israelische Jets zum Zeitpunkt der Explosion am Himmel über dem Libanon flogen. Andere verweisen auf wiederholte Drohungen der israelischen Regierung, dass sie bereit seien, auf die libanesische Infrastruktur zu zielen. Was auch immer hier die Wahrheit sein mag, es war in jedem Fall eine Straftat zuzulassen, dass dieses gefährliche Material für sechs Jahre die libanesische Bevölkerung bedroht.

Wie lauten die Theorien dazu im Netz?

Dieser Sprengstoff konnte nur mit dem Wissen der Hisbollah dort sein, so sieht es eine Reihe politischer Experten und auch libanesischer Bürger. Ihnen zufolge hat die Hisbollah viel Einfluss im Hafen und wollte das Ammoniumnitrat für militärische Zwecke nutzen. Diese Theorie wird durch die Tatsache gestützt, dass gegen Hisbollah-Mitglieder in mehreren Ländern wegen der Speicherung von Ammoniumnitrat ermittelt wird. Andere Experten meinen, dass dieses Material vorübergehend im Hafen gelagert wurde, um es mit großem Gewinn an Dritte zu verkaufen. Erschreckend ist, dass die Hafenbehörden die Justiz über das im Lager gespeicherte Gefahrgut informiert haben, aber nichts unternommen wurde.

Tel Aviv hat sein Rathaus am Abend nach dem Unglückstag in den Farben der libanesischen Flagge leuchten lassen. Die Regierung hat humanitäre Hilfe angeboten, die der Libanon jedoch ablehnte.

Ein solches israelisches Verhalten ist reine Propaganda. Israels historische Feindschaft mit dem Libanon ist zu gut dokumentiert, um diesen Akt glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Mit Khaled Amer sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de