Politik

Beweis der russischen Macht? Die "praktisch unbesiegbaren" Hyperschall-Waffen

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Abgeschossen werden die "Kinschal"-Raketen von Kampfflugzeugen des Typs MiG-31.

(Foto: AP)

Hyperschall-Technologie wird seit den 1930er-Jahren erforscht und ist ins Zentrum eines neuen Wettrüstens der vergangenen Jahre gerückt. Die Russen sind vorne dabei und führen mit ihrer Hyperschall-Rakete "Kinschal" einen verheerenden Schlag gegen die Ukraine.

Russland hat die Ukraine mit seinem Dolch getroffen. Die Hyperschall-Rakete vom Typ "Kinschal" (Dolch) ist wohl die erste ihrer Art, die jemals in einem Kriegsgeschehen zum Einsatz kam. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenko, sagte in Moskau, die Rakete habe im Westen der Ukraine ein unterirdisches Waffendepot mit Raketen und Munition der ukrainischen Luftwaffe zerstört.

Der Militärexperte und Leiter eines Forschungszentrums in Moskau, Wassili Kaschin, sprach nach der Bekanntgabe des "Kinschal"-Einsatzes von einer "Weltpremiere". Ganz offensichtlich habe das russische Militär die Rakete unter Kampfbedingungen einsetzen wollen.

Dabei ist die Hyperschall-Technologie zwar hochmodern, aber gleichzeitig auch altbekannt. Zahlreiche Länder forschen seit Jahrzehnten daran. Schon im "Dritten Reich" wurde am Hyperschallgleiter "Silbervogel" geforscht. Mit Raketenantrieben stellten die USA etwa bereits in den 1960er-Jahren Geschwindigkeitsrekorde im Hyperschallbereich auf - also mit Geschwindigkeiten über Mach 5, d.h. etwas mehr als 6000 km/h und aufwärts.

Extreme Geschwindigkeit und Manövrierbarkeit

In der Tat gibt es bereits Raketen, die mit Geschwindigkeiten in einem weit höheren Mach-Bereich unterwegs sind und teils höhere Geschwindigkeiten als die "Kinschal" erreichen: die Interkontinentalraketen. Diese gelten jedoch nicht als Hyperschall-Raketen wie jene, die Russland nun erstmals im Kriegsgeschehen erprobt hat - denn die Flugbahn von Interkontinentalraketen ist nach der Antriebsphase voraussehbar, nach dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre sind sie kaum zu manövrieren.

Russlands Hyperschall-Raketen sind in der Lage, bei extremer Geschwindigkeit Höhe und Richtung zu ändern - und somit der gegnerischen Flugabwehr auszuweichen. Anlass für die Entwicklung der Raketen war der Wille Moskaus, den in Europa stationierten US-Raketenschild überwinden zu können. Der erstmalige Einsatz der "Kinschal" bringt die Russen im internationalen Wettrennen um immer bessere Waffen, Drohnen und Zerstörungs-KI nun einen Schritt weiter.

Noch im 20. Jahrhundert wurden meist zwei Raketentypen unterschieden:

  • Ballistische Raketen ("ballistic missiles") wie die Interkontinentalraketen oder auch die berüchtigte "V 2" der Nazis im Zweiten Weltkrieg erreichen ein Bodenziel auf einer Flugbahn gemäß der Gesetze der Ballistik - mit einer Flugbahn, die oft der einer Wurfparabel entspricht, und dementsprechend vorauszusehen ist.
  • Marschflugkörper ("cruise missiles") sind Lenkflugkörper, die in der Erdatmosphäre bleiben, oft sogar sehr niedrig fliegen, und meist langsamer. Sie werden permanent angetrieben und treffen Ziele präziser.

Hyperschall-Raketen ("Hypersonic weapons") sind nun eben hyperschallschnelle Raketen, die dabei manövrierbar bleiben - obschon es verschiedene Meinungen gibt, wie sehr die Manövrierbarkeit bei den aktuellen Typen bereits entwickelt ist. Ist diese gegeben, werden sie für den Gegner praktisch unberechenbar.

Der Mach 10 schnelle Dolch

Die "Kinschal" soll nun als erste von Russland erprobte Waffe letzterer Art bei Tests eine Geschwindigkeit von Mach 10, also rund 12.000 Stundenkilometern erreicht haben. Bei den Versuchen hatte sie nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau alle Ziele getroffen. Diese können sich zwischen 1000 und 2000 Kilometer entfernt befinden. Die russischen Kampfflugzeuge MiG-31 werden mit diesen Luft-Boden-Raketen ausgerüstet, so dass sich deren Reichweite um die zurückgelegte Flugstrecke verlängert.

Nach Einschätzung des Militärexperten Kaschin war das Waffendepot im Dorf Deljatyn ein naheliegendes Ziel für eine "Kinschal"-Rakete. "Solche Infrastruktur ist mit klassischen Raketen nur schwer zu zerstören", sagte der Experte. "Wegen seiner hohen Geschwindigkeit hat die Hyperschallrakete eine höhere Durchschlags- und Zerstörungskraft."

Der Einsatz in der Ukraine kommt zu einem Moment, da die russische Armee trotz gegenteiliger Ankündigungen offenbar noch nicht die gesamte Lufthoheit über der Ukraine errungen hat; die ukrainische Luftabwehr ist nach wie vor in der Lage, der russischen Seite Verluste zuzufügen.

Ist der Vorteil nur psychologisch?

Der russische Militärexperte Pawel Felgenhauer sagte, der Einsatz der Kinschal-Rakete werde Russland im Ukraine-Krieg nicht unbedingt einen strategischen Vorteil verschaffen - wohl aber einen psychologischen. "Am Ende wird es nicht das Kampfgeschehen verändern - aber es hat einen Effekt für die psychologische Propaganda mit dem Ziel, aller Welt Angst einzujagen", sagte Felgenhauer, der für die liberale russische Zeitung "Nowaja Gaseta" und auch für den Washingtoner Thinktank Jamestown Foundation publiziert.

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Ein russischer Techniker begutachtet die "Kinschal" unter einer MiG-31.

(Foto: AP)

Einige Experten sehen dagegen einen ungerechtfertigten Hype um die Hyperschall-Raketen. Der Materialforscher Cameron L. Tracy und der am MIT tätige Physiker David Wright schreiben in einem Artikel im Fachmagazin "IEEE Spectrum": "Diese Raketen sind in Wirklichkeit eine alte Technologie mit einem massiven Preisschild und wenigen bedeutenden Vorteilen gegenüber bestehenden ballistischen Raketen."

Russlands 33.000 km/h schnelle "Awangard"

Mehrere Nationen forschen mitunter seit Jahrzehnten an Hyperschall-Waffen beziehungsweise an deren Abwehr, etwa die USA, China und Nordkorea. Die USA verstärkten ihre Anstrengungen nach 9/11. Auch in Deutschland besteht ein Projekt der Bundeswehrbeschaffungsbehörde, das von einem Manager des beteiligten Rüstungskonzerns MBDA als "rein defensiver Art" beschrieben wurde.

Indessen hat Russland bereits weitere und noch schnellere Hyperschall-Waffen am Start. Zum russischen Arsenal gehören neben der "Kinschal" auch der Hyperschall-Gleitflugkörper "Awangard" sowie eine Waffe mit dem Namen "Zirkon". Die "Awangard" erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 33.000 Stundenkilometern, kann mit einem atomaren Sprengkopf bestückt werden und nach russischen Angaben sogar Ziele in 6000 Kilometern Entfernung treffen. Nach dem ersten erfolgreichen Test einer "Awangard" im Dezember 2018 rühmte der russische Staatschef Wladimir Putin die neuen Raketen als "praktisch unbesiegbar".

Quelle: ntv.de

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