Politik

Der "Jack in the box"-Effekt Die tödliche Schwachstelle der russischen Panzer

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Im Laufe des Kriegs in der Ukraine mehren sich die Bilder von russischen Panzern, bei denen der Panzerturm abgesprengt wurde.

(Foto: Collage, Fotos dpa)

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Bei den russischen Kampffahrzeugen scheint es ein eklatantes Problem zu geben: abgesprengte Panzertürme. Die Schwäche vor allem der T-72 Kampfpanzer ist so gravierend, dass nicht nur das Fahrzeug zerstört, sondern auch die Besatzung getötet wird. Der Westen kennt das Problem. Und hat daraus für seine Panzer-Konstruktion gelernt.

Die Lage im Krieg zwischen der Ukraine und Russland ist unübersichtlich. Vor allem, was die materiellen Verluste der einzelnen Kriegsparteien betrifft. Aufgrund jüngster Fotos, auf denen abgesprengte Panzertürme zu sehen sind, mutmaßt der britische Verteidigungsminister Ben Wallace in einem auf CNN veröffentlichten Artikel, dass Russland bis jetzt etwa 580 Kampfpanzer verloren hat.

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Zerstörter russischer Panzer vom Typ T-72 in der Region um Kiew.

(Foto: dpa)

Doch Experten entnehmen den Bildern noch mehr: Sie gehen davon aus, dass die russischen Panzer an einem Fehler leiden, der in der Fachsprache als "Jack in the box" bezeichnet wird. Im Deutschen könnte man diesen Ausspruch wohl am ehesten mit "Springteufel" übersetzen. Letztlich bedeutet es nichts anderes, als dass die zusätzlichen Granaten für die Glattrohrkanone der Kampfpanzer in den Türmen gelagert werden.

Selbst ein indirekter Treffer des Turms kann also dazu führen, dass hier eine Kettenreaktion ausgelöst wird, die die eigene Munition im Panzer zur Explosion bringt. Wenn das passiert, wird ein Vorrat von bis zu 40 Granaten zur Detonation gebracht. Die daraus resultierende Druckwelle reicht aus, um den Turm des Panzers in die Höhe eines zweistöckigen Hauses zu katapultieren.

Auch die Panzerbesatzung wird getötet

Die Explosion im Panzer reißt aber nicht nur die Kanzel ab, sondern tötet auch die dreiköpfige Besatzung, bestehend aus Kommandant, Fahrer und Richtschütze. "Wer hier nicht in den ersten Sekunden des Beschusses aus dem Panzer kommt, der wird einfach nur geröstet", erklärt Nicholas Drummond, ein auf Landkrieg spezialisierter Analyst der Verteidigungsindustrie und ehemaliger Offizier der britischen Armee, gegenüber CNN.

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Nicht nur Kampfpanzer wie der T-72 sind von dem Fehler der Munitionslagerung betroffen.

(Foto: dpa)

Drummond sieht den "Jack in the box"-Effekt aber nicht nur bei den russischen Kampfpanzern wie dem T-72, sondern auch bei Infanterie-Fahrzeugen wie einem BMD-4, der ebenfalls drei Besatzungsmitglieder und weitere fünf Soldaten transportiert. Auch der BMD-4 ist nach Aussagen des Spezialisten aufgrund der Lagerung seiner Munition im Innenraum ein "fahrender Sarg".

Für Moskau ist das Problem besonders ärgerlich, denn westliche Militärs hatten den Schwachpunkt bereits während der Golfkriege gegen den Irak im Jahr 1991 und 2003 erkannt. Eine große Zahl der von der irakischen Armee benutzten T-72-Kampfpanzer ereilte nämlich das gleiche Schicksal. Laut Drummond hat es Russland versäumt, entsprechende Veränderungen an den Panzern vorzunehmen, um sie vor der Selbstzerstörung zu schützen. Zwar wurde mit dem T-90, dem Nachfolger des T-72 und T-80, erneut die Panzerung des Fahrzeuges verbessert, aber die Munitionslagerung im Inneren nicht verändert, was auch die moderneren Systeme anfällig macht.

Westen hat aus den Fehlern gelernt

Natürlich gibt es auch Gründe, warum die Munitionslagerung in den russischen Kampffahrzeugen so und nicht anders erfolgt. Die Idee und der Vorteil besteht nämlich darin, dass Platz gespart wird. Das wiederum ermöglicht es, den Panzer sehr flach zu bauen, damit er im Kampfeinsatz schwerer zu treffen ist.

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Bis zu 40 Granaten können im Inneren eines T-72 explodieren.

(Foto: dpa)

Das Wissen um diesen Schwachpunkt hat übrigens dazu geführt, dass westliche Panzer nach einem anderen Prinzip gebaut werden, das es ermöglicht, die Munition so zu lagern, dass die Besatzung bei einem "Jack in the box" unbeschadet bleibt. Drummond verweist hier auf den Stryker-Schützenpanzer der US-Armee, der nach dem ersten Irak-Krieg entwickelt wurde. "Hier ragt der Turm, in dem sich die gesamte Munition befindet, nicht in den Mannschaftsraum", erklärt Drummond. "Sollte also der Turm getroffen und abgesprengt werden, bleibt die Mannschaft unbeschadet", so der Experte auf CNN.

Andere westliche Panzer wie der M1 Abrams schützen sich, indem ein Besatzungsmitglied die einzelnen Granaten aus einem versiegelten Fach holt und sie von dort zum Abschuss in die Kanone bringt. Zwischen jedem Schuss wird das Munitionsfach geschlossen, was beim Beschuss des Panzers garantiert, dass sich immer nur eine Granate im Turm befindet.

Für Russland gibt es zwei Probleme

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Bei der Detonation der Munition im Panzer wird unter Umständen auch die Besatzung getötet.

(Foto: dpa)

Doch wie dem auch sei, es ist im Laufe des Kriegsgeschehens ausgesprochen schwierig, festzustellen, wie viele russische Panzer bis dato tatsächlich zerstört wurden. Legt man aber die oben erwähnten Berechnungen des britischen Verteidigungsministeriums zugrunde, würde das bedeuten, dass auch ein erheblicher Teil der Besatzungen getötet wurde. Und die sind nicht leicht zu ersetzen. Gegenüber CNN erklärt der ehemalige Panzersoldat bei den finnischen Streitkräften, Aleski Roinila, dass die Ausbildung einer funktionierenden Panzerbesatzung bis zu einem Jahr dauern kann.

Russland hätte also das Problem, nicht nur die Panzer, sondern auch deren Besatzungsmitglieder ersetzen zu müssen. Kaum vorstellbar, dass das in den Turbulenzen des Krieges ohne Weiteres möglich ist.

Quelle: ntv.de

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