Politik

Chile Diskussionen im Tränengas

35640905409c50e21a1a18267c087fa3.jpg

Auseinandersetzungen zwischen chilenischer Polizei und Demonstranten sind an der Tagesordnung.

(Foto: REUTERS)

Plötzlich waren da landesweite Proteste, Militär auf den Straßen, Plünderungen und Tote. Präsident Sebastian Piñera sagte: "Wir sind im Krieg gegen einen mächtigen Feind." Gemeint waren Plünderer, aber bei der Bevölkerung kam das nicht gut an. Die Spaltung von Wirtschaft und Politik auf der einen und der Bevölkerung auf der anderen ist tief. Nach jahrzehntelanger Untätigkeit der Politik wird die Gewalt bis in die obere Mittelschicht als legitim angesehen, um Veränderungen der Einkommensverteilung zu erzwingen.

Was in Santiago im Oktober als Protest von Schülern gegen erhöhte Ticketpreise der Metro begann, ist zum Dauerzustand geworden. Die Menschen gehen immer wieder auf die Straße und die Auseinandersetzungen mit der militarisierten Polizei hören nicht auf. In der Hauptstadt Santiago und anderswo wabern Tränengaswolken, Plakate mahnen Tote und Verletzte an, Passanten beschimpfen Uniformierte, während Touristen vor brennenden Barrikaden Selfies schießen, als wäre es die neue Normalität.

45d0facf7c76ee9ea20bffaa0a582648.jpg

Sammelpunkt der Proteste in Santiago ist der zentrale Verkehrsknotenpunkt Plaza Italia - die Demonstranten haben ihn in Plaza Dignidad umgetauft: Platz der Würde.

(Foto: REUTERS)

Von allen derzeitigen Krisen in Südamerika ist die chilenische womöglich die bedeutsamste. Sie könnte Signalwirkung für die Region haben und darüber hinaus haben, weil entlang der Pazifikküste das große Wirtschaftsexperiment der Neoliberalen scheitert. Seit Zeiten der Militärdiktatur Augusto Pinochets war dieses Modell als erfolgreich verkauft worden, galt Chile als Musterland, weil es konstant wirtschaftlich wuchs und politisch stabil war. Bis hin zum Wasser ist fast alles durchprivatisiert.

Chile ist der einzige südamerikanische Staat unter den 36 Mitgliedern der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Jedoch herrscht in keinem anderen Land der OECD größere Einkommensungleichheit, auch im Vergleich zum Rest des Kontinents schneidet Chile nicht gut ab. Bei den Vermögen sieht das nicht anders aus. Das reichste Prozent der chilenischen Bevölkerung besaß im Jahr 2017 rund ein Drittel des Gesamtvermögens, die oberen 20 Prozent insgesamt vier Fünftel. Für die anderen der 18 Millionen Einwohner blieb der Rest: Die ärmere Hälfte aller Haushalte kam nur auf 2,1 Prozent.

Nun hat sich die Unzufriedenheit und Wut über diese Unterschiede, unbezahlbare Bildung, Gesundheitsversorgung und Transport auf den Straßen Bahn gebrochen. Zugleich finden Nachbarschaftstreffen statt, sogenannte Cabildos, wo die Menschen darüber diskutieren, in welchem Chile sie in Zukunft leben wollen. Wenn Tränengas hereinweht, wird das Fenster geschlossen und weitergemacht. Konsens ist, ob Studierende, Mutter oder Kleinunternehmer: Die aus Zeiten der Diktatur stammende Verfassung ist Wurzel allen Übels. Für April 2020 ist eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung angekündigt - und ob Politiker überhaupt daran mitarbeiten sollen.

(Stand: 15. Dezember 2019)

*Datenschutz

*Datenschutz

Für mehr Informationen zu einzelnen Ländern klicken sie auf die Karte und den entsprechenden Link in der Infobox. Dort finden Sie für die aufgeführten Länder ein ausführliches Porträt des Jahres 2019.

Quelle: ntv.de