Politik

Wahlkampf bei den Amischen Drei Damen gegen Donald Trump

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Amische in den USA: "Sie folgen ihrer religiösen Überzeugung, auch wenn diese der normalen Lebensweise nicht entspricht."

(Foto: REUTERS)

Glücksspiel, Scheidungen, Lob von Folter: Donald Trump müsste für Religiöse wie die Amischen unwählbar sein. Ist er aber nicht. Drei Frauen sehen deshalb Handlungsbedarf.

Donald Trump steht nicht gerade für christliche Tugenden. Das hält Religiöse in den konservativen USA allerdings nicht davon ab, ihm am Dienstag trotzdem ihre Stimme zu geben. Unter seinen Wählern: Amische.

Das ist durchaus verwunderlich. Schließlich versuchen die – in Deutschland wohl vor allem durch Harrison Ford und den Film "Der einzige Zeuge" bekannten – Amischen in den Bundesstaaten Ohio und Pennsylvania ein von Landwirtschaft geprägtes und religiöses Leben wie Anfang des 18. Jahrhunderts zu führen. Diesem Ideal entspricht Trump nun wirklich nicht.

Als drei politisch den Demokraten nahestehende ältere Damen aus einem BBC-Bericht erfahren, dass Trump-Aufkleber auf Fuhrwerken der Amischen prangen und dass eine Lobbygruppe für Trump aktiv bei den Amischen Wahlkampf macht, beschließen sie zu handeln - und dem etwas entgegenzusetzen.

Federführend ist Millicent Agnor. Die 85-Jährige lebt in Ohio und hat Freunde und Bekannte unter den Amischen. Sie hat jahrzehntelang geschäftlich mit ihnen zu tun gehabt und von Frauen angefertigte typische Steppdecken verkauft, sogenannte Quilts.

"Ich mag die Amischen sehr", sagt Agnor, die lange in Holmes County gelebt hat – also inmitten der höchsten Konzentration der Amischen. "Sie folgen ihrer religiösen Überzeugung, auch wenn diese der normalen Lebensweise hier in den USA nicht entspricht. Viele ihrer Werte entsprechen meinen Werten. Für sie sind Familie, das bewirtschaftete Land, die natürlichen Ressourcen besonders wichtig. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich nicht ansatzweise so konservativ bin wie sie."

Amish-People

Die Amischen (englisch: Amish) in den USA gehen - wie die Mennoniten - auf die Täuferbewegung zurück. Die Bezeichnung "Amisch" kommt von Jacob Ammann, einem einflussreichen Schweizer Geistlichen im späten 16., frühen 17. Jahrhundert. Die meisten der Amisch-Vorfahren stammen aus Deutschland und der Schweiz. Mit ihrer Lebensart möchten sie sich bewusst vom Rest der Welt abgrenzen, ohne dabei jedoch den Kontakt zur Außenwelt - etwa zu ihren Nachbarn - zu vermeiden. Heute leben etwa 250.000 Amische in den USA, davon der Großteil in Ohio und Pennsylvania.

Unterstützt wird Agnor von ihrer 62-jährigen Nichte Millicent Cooley und von Cappy Silver. Die 65-jährige Psychotherapeutin aus Chicago gehört ebenfalls zur Familie. Ihr Ziel: Möglichst viele Amische davon zu überzeugen, nicht Donald Trump zu wählen. "Unser Ziel war es nicht, dass sie Hillary wählen. Denn sie würden niemals einer Frau ihre Stimme geben", sagt Cooley, die in New Jersey lebt. Es wäre also schon viel erreicht, wenn die Amischen gar nicht wählen würden.

Die drei Frauen beschließen deshalb, den Amischen die Widersprüche zwischen Trump und ihren Überzeugungen aufzeigen. "Amische arbeiten hart und legen viel Wert auf Ehrlichkeit. Sie mögen keine Leute, die sich in geschäftlichen Dingen unredlich verhalten. Sie sind friedliebende Leute, die Gewalt ablehnen. Sie sind sehr familienorientiert", sagt Cooley. Und genau das sei Trump eben nicht.

"Wir sind doch nur drei Damen"

Gesagt, getan. Es wird auf eine klassische Taktik gesetzt: Eine Anzeige in Zeitungen schalten, die auch von den Amischen gelesen werden. Darin werden zahlreiche Gründe genannt, warum Trump nicht gewählt werden soll. Aufgeführt werden unter anderem seine Scheidungen, seine Pleiten, sein Glücksspiel-Business – und seine Äußerungen zur Anwendung von Gewalt. "Folter wirkt", so Trump. "Waterboarding ist in Ordnung. Allerdings nicht ansatzweise hart genug."

Außerdem werden Flyer verteilt oder auf die Sitze der Fuhrwerke gelegt – sowie Briefe an rund 260 Bischöfe der Amischen geschrieben.

Doch es gibt Hindernisse. So will eine große Zeitung in der tief konservativ geprägten Region ihre Anzeige nicht drucken und verlangt beispielsweise, dass der Wahrheitsgehalt jeder Aussage über Donald Trump nachgewiesen werden muss. Bei politisch motivierten Anzeigen von Trump-Unterstützern werde das nicht gefordert, sagt Silver.

Doch sie lässt sich davon nicht beirren und treibt das Projekt voran mit einer Mischung aus Beharrlichkeit und Charme. "Wir sind doch nur drei Damen, die ein paar Ideen teilen wollen", sagt sie lächelnd und liefert die Belege für jede einzelne Trump-Kritik mit. Die Anzeige erscheint – mit den entsprechenden Fußnoten.

Gegen Sozialhilfe vom Staat

Bei allen Widersprüchen: Unwählbar ist Trump für viele Amische nicht. Sie leben in einer paternalistischen Welt und halten beispielsweise wenig von staatlicher Fürsorge. Dass US-Amerikaner – aus ihrer Sicht besonders Schwarze – Sozialhilfe bekommen, lehnen sie ab. "Das entspricht ihrem eigenen Arbeitsethos", sagt Agnor. "Sie sind davon überzeugt, dass man für sich selber sorgen muss."

Und die Reaktionen? "Es gab vor allem negative", so die 85-Jährige. Aber es kamen auch andere. "Wir haben ein Postfach eingerichtet", sagt sie. "Der erste Brief enthielt einen Scheck von 200 Dollar und eine Notiz mit den Worten: Danke, macht weiter so".

Quelle: ntv.de