Politik
Der Anführer der Außerparlamentarischen Opposition: Rudi Dutschke.
Der Anführer der Außerparlamentarischen Opposition: Rudi Dutschke.(Foto: picture-alliance / dpa)
Mittwoch, 11. April 2018

50 Jahre nach dem Attentat: "Dutschke hatte ein Stück Gehirn verloren"

Rudi Dutschke war der Anführer der Studentenbewegung, bis ihm ein Mann im April 1968 in den Kopf schoss. Sein Biograf Ulrich Chaussy spricht im Interview über das Attentat und die Folgen - für Dutschke und die linke Szene der jungen Bundesrepublik.

n-tv.de: Wie wurde Rudi Dutschke zur Ikone der 68er-Proteste?

Ulrich Chaussy ist Journalist und Schriftsteller. Neben Rudi Dutschke beschäftigte sich der 65-Jährige unter anderem mit dem Oktoberfest-Attentat und mit der Geschichte der Weißen Rose.
Ulrich Chaussy ist Journalist und Schriftsteller. Neben Rudi Dutschke beschäftigte sich der 65-Jährige unter anderem mit dem Oktoberfest-Attentat und mit der Geschichte der Weißen Rose.

Ulrich Chaussy: Zwei Gewaltakte beschreiben das ganz gut. Da ist der staatliche Gewaltakt, die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, und da sind die Kugeln des rechten Attentäters Josef Bachmann auf Dutschke am 11. April 1968. Die Ereignisse zeigen, an welchen Grundfesten Dutschke gerührt hat. Er forderte die Veränderung der Gesellschaft und stellte sich gegen gewachsene Strukturen und Gewaltverhältnisse. Dutschke war nicht bereit, den Kampf gegen Dinge, die er als falsch und inhuman empfand, zum Beispiel den Krieg der Amerikaner in Vietnam, aufzugeben.

Dutschkes Instrument und Stärke waren seine Rhetorik und seine Reden. Worin lag die Faszination, die er ausgelöst hat?

Ich war als Jugendlicher sehr beeindruckt von der Sprache Dutschkes. Als sein Biograf habe ich später festgestellt, dass die Reden, auf das gedruckte Wort reduziert, gar nicht so eine Faszination hergaben. Es lag also daran, wie Dutschke seine Reden vortrug. Er tat dies mit einer Unbedingtheit und einem Feuer, das immer zu spüren war. Dutschkes Reden waren immer in etwas eingebunden, dass er Aufklärung und Aktion nannte. Es sollte nicht nur beim Wort bleiben, sondern auch etwas zur Veränderung getan werden.

Gab es schon vor dem Attentat Hinweise, dass Dutschke damit rechnen musste, angegriffen zu werden?

Ja. Im Februar 1968 gab es in Berlin eine Kundgebung. Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und die gesamte politische Elite der Stadt wollten damit bekräftigen, dass sie, wie es hieß, an der Seite der in Vietnam für unsere Freiheit kämpfenden Amerikaner stehen. Auf dieser Kundgebung, zu der Tausende Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes frei bekamen, waren zuhauf Tafeln zu sehen mit Parolen wie "Volksfeind Nummer Eins Dutschke" und "Dutschke über die Mauer". Dann wurde ein Mann, der an der Veranstaltung teilnahm, von einem Mob gejagt, weil er Ähnlichkeit mit Dutschke hatte. Er konnte dieser Lynchszene nur entfliehen, weil die Polizei ihn in Schutzhaft nahm.

Der überwältigte Attentäter Josef Bachmann. Dutschke und er schrieben sich später noch Briefe.
Der überwältigte Attentäter Josef Bachmann. Dutschke und er schrieben sich später noch Briefe.(Foto: picture alliance / dpa)

Am 11. April kam es zum Attentat auf Rudi Dutschke. Der 23-jährige Josef Bachmann schoss in Berlin auf ihn. Was hatte er für einen Hintergrund?

Eigentlich hatte Bachmann einen ähnlichen Hintergrund wie Dutschke. Er kam ebenfalls aus der DDR und hatte dort negative Erfahrungen gemacht. Bachmann verlor seinen Onkel, bei dem er aufgewachsen war, weil der im Suff in einer Kneipe ein Bierglas auf ein Bild des früheren DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck geworfen hatte und dafür fünf Jahre in Bautzen inhaftiert wurde. Dadurch wurde der Kommunismus und alles, was damit verbunden war, zu Bachmanns Hassobjekt. Dies wurde im Westen noch verstärkt. Bachmann landete im niedersächsischen Peine in einem Umfeld von NPD-Sympathisanten, wo er zum ersten Mal die Idee eines politischen Attentats hatte - nämlich gegen SED-Chef Walter Ulbricht. Dass seine Wahl schließlich auf Rudi Dutschke fiel, lag auch an der Berichterstattung der Presse. In rechtsextremen Zeitungen, aber auch in Springer-Blättern, wurde Dutschke als Agent Moskaus dargestellt. Eine irrwitzige Umkehrung, da Dutschke durch seine Kriegsdienstverweigerung schon als Jugendlicher zum Dissidenten in der DDR geworden war. Er durfte dort nicht studieren und musste wegen seiner kritischen Haltung zur DDR-Führung in den Westen gehen.

Mit Ende des Jahres 1968 nahm die Wucht der Studentenproteste ab, kurz danach zerfiel die Bewegung. Lag es daran, dass Dutschke als Anführer fehlte oder wäre es ohne das Attentat genauso gekommen?

Rudi Dutschke

Dutschke wird 1940 in Schönefeld in Brandenburg geboren. 1961 beginnt er sein Soziologie-Studium an der Freien Universität in West-Berlin. Vier Jahre später wird er in den politischen Beirat des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds gewählt. 1966 ruft Dutschke zur Bildung einer "außerparlamentarischen Opposition" auf. Am 11. April 1968 verübt der Hilfsarbeiter Josef Bachmann in Berlin ein Attentat auf ihn, Dutschke überlebt schwer verletzt. 1973 schließt er seine Dissertation ab, ab 1976 engagiert Dutschke sich wieder verstärkt politisch. Über die Anti-Atomkraft-Bewegung kommt er zu den Grünen. Am 24. Dezember 1979 stirbt er an den Spätfolgen des Attentats.

Eine Entwicklung wäre wahrscheinlich anders verlaufen, wenn Dutschke nicht niedergeschossen worden wäre: Die Spaltung der Studentenbewegung in autoritär-kommunistische Fraktionen und Splitterparteien hätte er mit Sicherheit mit aller Kraft zu verhindern versucht. Dutschke war obrigkeitskritisch. Dies galt in demokratischen Ländern genauso wie gegenüber dem Sowjetsozialismus.

Nach dem Attentat retteten die Ärzte Dutschkes Leben und entfernten die Kugeln aus seinem Kopf. Wie gut und schnell erholte er sich?

Sein Freund Thomas Ehleiter übte täglich mit ihm das Sprechen, das Schreiben und das Kompensieren des verlorenen Gesichtsfeldes. Er kümmerte sich aufopferungsvoll um ihn. Dutschke bewies eine Erholungsfähigkeit, die man vorher für unmöglich gehalten hatte. Durch die Schüsse in den Kopf hatte er ein walnussgroßes Stück Gehirn verloren. Dennoch konnte Dutschke seine sprachlichen Fähigkeiten in kurzer Zeit wieder soweit zurückgewinnen, dass er bereits 1970 im britischen Cambridge die Zulassung zur Wiederaufnahme seines Studiums erhielt. Nichtsdestotrotz bedurfte es für ihn unglaublicher Anstrengungen. Seine Lesegeschwindigkeit war gedrittelt.

Hat das Attentat Dutschke politisch verändert?

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Politisch hat ihn das Attentat weniger verändert, wohl aber psychisch. Vor dem Attentat war Dutschke vollkommen angstfrei, bis zur Ignorierung realer Bedrohungen. Danach war er traumatisiert. Enge Freunde und Beobachter wie der Schriftsteller Peter Schneider beobachteten seine Furcht, dass sich so etwas wie das Attentat wiederholen würde. Dutschkes Texte und Tagebucheinträge zeigen: Er war auch verunsichert und empfänglich für vermeintliche Bedrohungen, hinter denen er Geheimdienste vermutete. Die hatten ihn zwar tatsächlich in Ost wie West bis zu seinem Tod im Visier, aber nur beobachtend.

1973 tourte Dutschke durch Deutschland und traf sich mit alten Bekannten. Wie war es damals um die linke Szene bestellt?

Dutschke war ein Fremdkörper geworden. Seine Genossen aus der früheren Zeit, die mittlerweile irgendwelchen Zentralkomitees kommunistischer Splittergruppen vorsaßen, wussten, dass er für eine andere Auffassung von Sozialismus und Organisation stand. Gleichwohl beging Dutschke den Fehler zu glauben, dass sich das Blatt ausschließlich über eine sozialistische Organisation - eine, die sich auf die Arbeiterklasse bezog - wenden könnte. Er musste erst lernen, dass soziale Bewegungen sich nach gesellschaftlichen Notwendigkeiten bilden und organisieren. Eine solche war nach den Studentenprotesten zum Beispiel die Bewegung gegen die Atomkraft und die entstehende grüne Bewegung. Dutschke war immer wichtig, dass aus der Selbsttätigkeit der Massen und dem Bedürfnis der Menschen, etwas zu verändern, eine reale Kraft wird. Er wollte sich der grünen Bewegung anschließen. Er sagte, es gehe nun um mehr als Klasseninteressen, sondern um den Erhalt der Gattung Menschheit.

Über die Anti-Atomkraft-Bewegung kam Dutschke zu den Grünen. Er verstarb jedoch kurz vor dem Gründungskongress der Partei an den Spätfolgen des Attentats. Wäre, ohne seine gesundheitlichen Probleme, eine parteipolitische Karriere denkbar gewesen?

Das denke ich schon. Nach 1978 hatte Dutschke den Sprung zurück in die Politik gewagt - mitten im Sprung ist er jedoch gestorben. Im November 1979, also kurz vor seinem Tod, machte er für die Bremer Grüne Liste Wahlkampf. Das war die erste grüne Gruppierung, die den Einzug in ein deutsches Landesparlament schaffte. Was passiert wäre, wenn er nicht gestorben wäre, ob Dutschke womöglich vor Joschka Fischer ein grüner Turnschuhminister hätte werden können, das ist Spekulation. Im Bremer Wahlkampf war jedoch zu beobachten: Dutschke versuchte mit Macht zu verhindern, dass die neue grüne Bewegung von linken Splittergruppen usurpiert wird. Er wandte sich gegen das Sektierertum. Womöglich hätte sich Dutschke mit seinen Erfahrungen dafür eingesetzt, die Grünen zusammenzuhalten und integrativ zu wirken.

Hätte eine Person wie Dutschke heute eine ähnliche Anziehungskraft?

Der Theologe Helmut Gollwitzer sagte bei Dutschkes Beerdigung, dieser sei bereit gewesen, seine Haut hinzuhalten. Dutschke hat nicht nur rhetorisch irgendwelche Utopien und Visionen entworfen, sondern war immer bereit, dafür einzustehen. Ich glaube, aus dieser Bereitschaft erwuchs für viele seine Faszination. Deshalb würde Dutschke auch heute Anziehungskraft entfalten. Er verfügte über eine beeindruckende menschliche Größe. Dutschke wurde durch das Attentat fast aus dem Leben gerissen und musste wieder bei null anfangen. Dennoch hatte er nach Bachmanns Selbstmordversuchen die Größe, den Versuch zu unternehmen, ihn im Leben zu halten, indem er ihm verzeihende Briefe ins Gefängnis schickte.

Mit Ulrich Chaussy sprach Christian Rothenberg

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Quelle: n-tv.de