Politik
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Samstag, 14. April 2018

"Spezialgesetz" für Muslima?: Ein Kopftuchverbot nützt Mädchen nicht

Ein Kommentar von Gudula Hörr

Die Forderungen mehren sich. Mädchen unter 14 Jahren sollen in Kita und Schule kein Kopftuch tragen dürfen. Doch so markig das klingt: Es gibt sinnvollere Mittel, um die Integration zu fördern.

Seit ein paar Tagen hat Deutschland eine neue Debatte: Soll Mädchen unter 14 Jahren verboten werden, in Schule und Kita ein Kopftuch zu tragen? Ein entsprechendes Gesetz erwägt das nordrhein-westfälische Integrationsministerium unter dem FDP-Politiker Joachim Stamp. Ausgerechnet die Liberalen, die sonst gerne ihre politischen Mitbewerber als "Verbotsparteien" geißeln, wollen nun, wie auch einige Unionspolitiker, mit Verboten die Integration fördern. Ein Vorbild haben sie auch: In Österreich hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz kürzlich angekündigt, mit Kopftuchverboten "Parallelgesellschaften" vermeiden zu wollen. Das klingt markig und erscheint auf den ersten Blick plausibel. Langfristig allerdings ist ein solches Verbot wenig hilfreich und wird zumindest den betroffenen Mädchen wenig nützen.

Sicher gibt es Argumente, die für ein Verbot des Kopftuchs sprechen. So argumentieren die Befürworter, dass Kinder bis 14 Jahren noch nicht frei entscheiden könnten und selbst im Islam das Tragen eines Kopftuchs für Mädchen vor der Pubertät nicht Pflicht sei. Tatsächlich werden sich kleine Mädchen kaum dem Willen ihrer Eltern widersetzen, wenn sie von diesen zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen werden.

Allerdings ist das mit dem freien Willen, der Kindern zugestanden oder nicht zugestanden wird, so eine Sache. Schließlich ließe sich mit dem gleichen Argument auch Taufe, Kommunion, das Tragen einer Kippa oder das Stechen von Ohrlöchern bei Kindern verbieten. Tatsächlich müssten in letzter Konsequenz religiöse Symbole bei Kindern verboten werden. Eine "Spezialgesetzgebung" für Muslime wäre verfassungsrechtlich problematisch, wie auch die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, betont.

Wer das Argument der Entmündigung führt, muss sich auch fragen lassen: Ist ein Kopftuchverbot nicht auch eine Entmündigung, nach dem Motto: Zur Not müssen wir den Muslima zu ihrem Glück verhelfen? Zumal manche Kinder wohl auch freiwillig ein Kopftuch tragen, weil sie groß sein wollen oder es schick finden. Und wie geht der Staat dann um mit Mädchen, die aus rein modischen Gründen oder als Sonnenschutz ein Kopftuch tragen? Schließlich lässt sich schwer sagen: Getaufte, jüdische und atheistische Kinder dürfen Kopftuch tragen, muslimische nicht.

Auch das Argument, dass ein Kopftuchverbot die Integration befördere, ist zumindest problematisch. Natürlich kann es sein, dass Kinder andere Kinder mit Kopftuch ausgrenzen und nicht mit ihnen spielen wollen. Doch muss deshalb gleich das Kopftuch verboten werden? Vielleicht könnten ja Erzieher stattdessen auf die Erkenntnis hinwirken: Ob mit oder ohne Tuch - Kinder sind Kinder. Es wäre eine kleine Schulung in Toleranz - die ja letztlich nie schaden kann.

Und dann gibt es noch eine Gefahr im Falle eines Kopftuchverbots in Kindergärten: Gerade wenn Mädchen mit Kopftuch aus radikal-islamischen Familien kommen, werden ihre Eltern ihnen dann eher den Kitabesuch verbieten, als ihnen das Kopftuch wegzunehmen. Womit gerade den Mädchen, die es besonders nötig hätten, eine Integration erschwert würde.

Wenn der Staat  Parallelgesellschaften vermeiden will, wäre vielleicht eine Alternative überlegenswert: eine Vorschulpflicht, wie sie ab dem kommenden Jahr in Frankreich gilt. Diese würde nicht nur die Integration von Migrantenkindern verbessern, sondern - hoffentlich - alle Kinder in Deutschland gut auf die Schule vorbereiten.

Quelle: n-tv.de