Politik

"Gesellschaft in Unfreiheit" Ein Reporter recherchiert in China

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In den 90er-Jahren sollen sich bis zu 50.000 Chinesen durch illegale Blutprodukte mit dem HI-Virus infiziert haben. Besonders betroffen waren Bauern aus der Provinz Henan.

(Foto: imago stock&people)

Autor Marcel Grzanna und die RTL/ntv-Korrespondentin Pia Schrörs lebten neun Jahre lang in China. In seinem Buch "Eine Gesellschaft in Unfreiheit - Ein Insiderbericht aus China, dem größten Überwachungsstaat der Welt" erzählt Grzanna von ihren Erfahrungen mit den Mechanismen autoritärer Politik. Hier ein Auszug aus dem Kapitel "Falsches Spiel" über die Recherchen in der Provinz Henan zum Aids-Skandal in den 1990er-Jahren.

Bewohner Aidsdorf - vermeintlich beiläufiger Fingerzeig (im Text).JPG

Einer dieser Bewohner des Aids-Dorfes gab den beiläufigen Fingerzeig.

(Foto: Marcel Grzanna)

Ich erinnere mich genau, wie ein alter Mann mit einer Mao-Mütze auf dem Kopf auf der Straße stand, die linke Hand in der Hosentasche vergraben, seine rechte Hand hob und mit einer scheinbar völlig beiläufigen Geste in die entgegengesetzte Richtung winkte, weg vom Ortskern. Dabei senkte er gelangweilt den Kopf. Instinktiv folgten wir seinem Fingerzeig. Unser Blick streifte über das flache Land, und plötzlich sahen wir, wie vielleicht einen Kilometer von uns entfernt drei schwarze Limousinen über die andere Zufahrtsstraße auf das Dorf zurasten. Uns war sofort klar, dass es sich um Behördenfahrzeuge handeln musste. Dann verschwanden sie hinter einer Häuserzeile. Irgendjemand im Dorf hatte uns verraten und der alte Mann an der Kreuzung uns den richtigen Weg gewiesen. Er ahnte wohl, dass bald Beamte aus Zhumadian eintreffen und nach uns suchen würden. Wir atmeten tief durch und wähnten uns im Glück. Doch unsere Strähne sollte bald darauf ein Ende haben.

Um nach Zhengzhou zum Flughafen zurückzukehren, mussten wir erneut durch die Bezirkshauptstadt. Plötzlich staute sich der Verkehr. Ein paar Meter weiter hatten Polizisten eine Sperre errichtet und kontrollierten jedes Fahrzeug. Es ging um uns. Als unser Wagen an der Reihe war, schaute der Polizist kurz auf die Rückbank, blickte Pia und mir in die Augen und griff sich dann an seinen Hemdkragen, an dem ein Mikrofon seines Sprechfunkgerätes befestigt war. "Wir haben sie."

Der Polizist wies den Fahrer an, am Straßenrand zu halten. Unsere Producerin Yu, eine junge Frau Anfang 20, geriet in Panik. "Ich glaube, es ist Zeit, dass wir jetzt die deutsche Botschaft anrufen", sagte sie mit dünner Stimme. Im Gegensatz zu unserem Fahrer waren auch wir ziemlich besorgt und ahnungslos, was jetzt auf uns zukommen würde. Aber bislang war eigentlich nicht viel passiert. Wir waren von der Polizei angehalten worden und wussten offiziell nicht einmal, weshalb. Noch sahen wir keine Veranlassung, die deutschen Diplomaten um Hilfe zu bitten. Ein Anruf bei der Botschaft schien uns verfrüht.

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Zu dritt verließen wir den Wagen, nahmen unsere Ausrüstung, taten so, als ginge uns das alles nichts an und hielten nach einem Taxi Ausschau. Man hatte unseren Fahrer aus dem Verkehr gezogen. Was hatte das mit uns zu tun? Es war der naive Versuch, uns aus der Bredouille zu befreien. Völlig vergebens natürlich. Wir liefen über die Hauptstraße, während die ersten Schaulustigen uns neugierig beobachteten. Drei oder vier Polizisten folgten uns in ein paar Metern Abstand zu Fuß. Das sorgte für noch größeres Aufsehen, und immer mehr Menschen folgten der Herde, die uns hinterherlief. Wir hatten das Gefühl, uns in einem völlig absurden Szenario zu befinden. Wir liefen durch einen schmucklosen Außenbezirk einer Provinzstadt in einem autoritären Staat und suchten nach einer Möglichkeit, der Polizei zu entkommen, die uns in Sichtweite folgte. War das hier Realität oder ein schlechter Film?

Pia und ich versuchten gegenseitig, uns nicht anmerken zu lassen, wie groß unsere Angst war. Wir waren gerade einmal acht Monate im Land und waren nie zuvor in einer solchen Lage. Schon gar nicht in China, aber auch nirgends sonst auf der Welt. Das bequeme Nest, in dem wir den Großteil unseres bisherigen Lebens verbracht hatten und das uns ein ständiges Gefühl von Sicherheit vermittelte hatte, war unerreichbar weit weg. Es fühlte sich an, als seien wir ohne jegliche Kontrolle über die Situation.

Wir versuchten, ein Taxi anzuhalten. Der ahnungslose Fahrer bremste ab, doch ein Polizist machte ihm mit einer kurzen Geste deutlich, dass er weiterzufahren habe. Der Fahrer schaute uns an und winkte nervös ab. Uns war klar, dass wir so schnell aus dieser Nummer nicht herauskommen würden. Ratlos und besorgt standen wir an der Straße als Protagonisten einer Reality-Show ohne Drehbuch. Mehrere Hundert Menschen verfolgten jetzt schon das Spektakel.

Ein Polizist und eine Frau in Zivil mit Brille und einem gelben Winter-Zweiteiler kam auf uns zu. "Kommen Sie doch bitte dort drüben in die Wache", sagte sie.
"Wieso?"
"Wir würden Sie gerne registrieren."
Wir ignorierten ihre Bitte für ein paar Augenblicke. Aber es hatte ja doch keinen Zweck. Niemals würden wir ein Auto finden, das uns mitnehmen würde. Und bis nach Zhengzhou zu laufen, war auch keine Option. Also folgten wir ihnen. Unsere Gefolgschaft bildete eine Schneise, durch die wir nun auf die Dienststelle marschierten. Die Leute begafften uns wie Affen im Zoo, teils ungläubig, teils amüsiert. Im Vorraum der kleinen Polizeistation händigten wir unsere Papiere aus.

Pia, Yu und ich hatten beim Eintreten noch schnell verabredet, dass wir unter keinen Umständen Bereitschaft zeigen würden, in die hinteren Räume der Wache zu gehen. Weder wollten wir riskieren, dass unser Telefonempfang dort gestört sein könnte, noch dass man uns voneinander trennen wollte. Wir setzten uns also mit dem Rücken zur Fensterfassade auf die Holzbank im Vorraum der Station und warteten. Die Beamten nahmen unsere Presseausweise genaustens unter die Lupe, kopierten sie und kritzelten die Daten darauf noch einmal mit Kugelschreiber in eine große Kladde.

Eine Weile lang geschah nichts. Die Polizisten befassten sich nicht weiter mit uns. Was sollte das alles? Dauerte die Registrierung so lange? Wir begriffen erst, als nach zehn Minuten zwei Männer in Zivil eintraten. Jetzt wurde es ernst.
"Wir haben gehört, dass Sie Filmaufnahmen gemacht haben. Wir würden sie gerne sehen."
"Ruf die Botschaft an", sagte Pia zu mir. Ich schaute auf mein Handy. Zum Glück gab es hier in der Wache kein Problem mit der Netzverbindung. Ich wählte die Pekinger Nummer.

Der Auszug aus dem Buch endet hier, die Ereignisse auf der Polizeiwache setzten sich jedoch fort. Im Laufe der nächsten Stunde drohten die Zivilbeamten damit, den Fahrer zu töten, sollten die beiden Journalisten nicht kooperieren. Sie versuchten Zeit zu gewinnen und telefonierten im Anschluss mehrfach mit dem chinesischen Außenministerium, das von der deutschen Botschaft informiert worden war. Die Beamten versicherten, dass man das Team gehen lassen würde. Irgendwann begriffen Grzanna und Schrörs, dass ihnen niemand die Tür aufhalten würde und entschieden sich dazu, ihre Sachen zu greifen und zu gehen. Man ließ sie widerwillig gewähren, weil kurz vor den Olympischen Spielen nicht der Eindruck erweckt werden sollte, ausländische Reporter würden in China gegängelt. Ihr Material behielten die beiden. Vier Wochen später hörten sie, dass der Fahrer unversehrt blieb.

Quelle: ntv.de