Politik

Schließt Iran Straße von Hormus? "Ein Selbstmordkommando für Teheran"

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Soldatin auf einem US-Flugzeugträger im Persischen Golf.

(Foto: REUTERS)

Das Säbelrasseln zwischen dem Iran und den USA führt immer wieder zu der Frage, ob der Iran die Straße von Hormus schließen könnte. Im Interview mit n-tv.de erklärt der iranisch-israelische Teheran-Experte, David Menashri, warum eine Eskalation so gefährlich wäre.

n-tv.de: Droht der Konflikt am Persischen Golf jetzt zu eskalieren, ist Krieg unvermeidbar?

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David Menashri, geboren 1944 in Teheran, ist Professor für neu-iranische Geschichte und Gründer des "Alliance Center" für Iranistik an der Universität in Tel Aviv.

David Menashri: Es gibt immer andere Optionen. Beide Seiten wissen um die möglichen Folgen eines Krieges und sollten Zurückhaltung bewahren. Teheran kennt die militärische Stärke der USA. Und nach dem verheerenden achtjährigen Iran-Irak-Krieg heißt es dort: "nie wieder". Doch auch Washington sucht eigentlich kein neues militärisches Abenteuer wie 2001 in Afghanistan oder 2003 im Irak, und die EU steht nicht geschlossen hinter den USA. Diese Schwäche wissen die Iraner zu nutzen. Die aktuellen Spannungen erinnern an einen Hahnenkampf. Beide Seiten stolzieren und warten auf die Reaktion der jeweiligen Gegenseite. Aber wie im europäischen Sommer 1914 könnte der kleinste Fehler zum Flächenbrand führen und die Auswirkungen eines solchen Krieges sind kaum vorstellbar.

Wie sehr unterstützt die iranische Bevölkerung die Ayatollahs und ihr Nuklearprogramm?

Der Iran ist kein homogener Staat, es gibt nicht "den Iran". Es ist ein sehr komplexes Land und über 40 Prozent der Bevölkerung sind keine Perser, sondern ethnische Minderheiten. Was die Gesellschaft zusammenschweißt, ist neben der Hauptreligion - dem schiitischen Islam - der iranische Patriotismus. Deshalb befürwortet ein Großteil der Iraner das Atomprogramm, allerdings für friedliche Zwecke. Natürlich hat das Mullah-Regime viele Unterstützer. Vor allem unter der religiösen ländlichen Bevölkerung. Doch die meisten Iraner haben genug von den Ayatollahs. 40 Jahre nach der islamischen Revolution hat sich nicht viel verändert. Hunger, Armut und eine Gesellschaft, deren Rechte brutal unterdrückt werden, schüren die Wut in der Bevölkerung.

Könnte es also durch innere Unruhen wie 1979 zu einem Umsturz kommen?

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Im Iran gab es im Laufe des 20. Jahrhunderts schon zwei Revolutionen. Im Jahre 1906 die konstitutionelle und 1979 die islamische Revolution. Bei letzterer lehnten sich alle Teile der Gesellschaft gegen die Shah-Diktatur auf und forderten mehr Wohlstand und Freiheit. Erst danach bauten die Ayatollahs ihre Macht aus und werden seit 40 Jahren von den paramilitärischen Revolutionären Garden beschützt. Über die Hälfte der iranischen Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre und die meisten Menschen sehnen sich eigentlich nach einem Umsturz. Beim Blick nach Libyen oder in andere arabische Länder aber entsteht eher Furcht beim Gedanken an eine Revolution. Außerdem gibt es keine alternative Ideologie. Beim Aufstand 2009 drang hauptsächlich die intellektuelle Elite zusammen mit den Studenten auf einen Umsturz. Ende 2017 ging die weniger wohlhabende Bevölkerung auf die Straße. Eine Revolution aber braucht eine Vereinigung aller Schichten und vor allem einen Auslöser. Die Frage ist, ob der Druck aus den USA das Regime schwächt oder eher stärkt.

Welche Strategie verfolgt der Iran im Nahen Osten?

Der Iran sieht sich als das Zentrum der islamischen Welt, als Nachfolger des persischen Imperiums, und strebt eine führende Rolle in der Region an. Ziel ist es, den schiitischen Korridor über Irak, Syrien und den Libanon zu sichern, um die Vormachtstellung unter den regionalen Akteuren zu behaupten und den USA zu zeigen, dass man sich als globale Kraft konsolidiert hat. Teheran möchte Washington sagen: "Wir sind stark, haben viel Einfluss und deshalb kann man uns nicht stürzen. Wer es versucht, bringt die Sicherheit seiner Verbündeten in Gefahr."

Haben die USA die aktuellen Spannungen nach dem Ausstieg aus dem Iran-Abkommen selber verschuldet?

Beide Seiten haben Schuld. Seit 40 Jahren gab es keine wirklich seriösen Gespräche. Durch das Atomabkommen 2015 ergab sich plötzlich die Basis für eine Annäherung. Doch zwei Tage vor der Unterzeichnung verkündete der oberste iranische Führer, Ajatollah Ali Chamenei, dass "Tod den USA" weiter zur iranischen Staatsdoktrin gehört. Doch auch US-Präsident Donald Trump hat seinen Teil dazu beigetragen. Für ihn war es der schlechteste "Deal der Geschichte" und schließlich haben sich die USA einseitig vom Atomabkommen zurückgezogen - ohne Rücksicht auf ihre Verbündeten.

Sehen Sie Chancen, einige Aspekte des Abkommens nachzuverhandeln?

Schwer zu sagen. Es gäbe sicherlich Anknüpfungspunkte und beide Seiten wären gut beraten, Gespräche wieder aufzunehmen. Die USA hätten den Vertrag nicht kündigen müssen, sondern hätten im gegenseitigen Verständnis einige Elemente mehr zu ihren Gunsten ändern können. Die Iraner fühlen sich seit dem Scheitern des Abkommens hintergangen. Und welche Alternative hat sich aus dem Ausstieg ergeben? Die gegenwärtige Situation ist jedenfalls sehr gefährlich.

Was würde eine Eskalation zwischen den USA und dem Iran für die Weltwirtschaft bedeuten? Teheran droht mit der Blockierung der Straße von Hormus.

Iran spielt ständig mit der Drohung, den Seeweg zu schließen. So etwas wäre aber ein Selbstmordkommando für Teheran, da das Land selbst komplett vom Öl abhängig ist. Es könnte dadurch zudem ein Feuer entfachen, das zu einem großen Krieg in der Region führen könnte. Selbst das fanatische Mullah-Regime weiß, dass ein solcher Schritt ein Fehler wäre.

Was bedeutet das für Israel? Würde Jerusalem notfalls eine militärische Intervention gegen den Iran wieder auf seine Agenda setzen?

Israel hat die Gefahr des iranischen Atomprogramms auf die Agenda der internationalen Gemeinschaft gesetzt. Die Trump-Administration hat nach einvernehmlichen Gesprächen mit Jerusalem Sanktionen gegen Teheran eingeführt. So ist auch Israel zur Zielscheibe geworden. Daneben gibt es aus Sicht des Iran freilich etliche weitere Gründe, Israel anzugreifen. Die Gefahr ist sehr groß. Der Iran könnte durch verbündete Kräfte im Gaza-Streifen, Libanon, Syrien und sogar Irak schnell angreifen. Zwar kann Israel zurückschlagen, doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Um seine geopolitische Situation in der arabischen Welt zu verbessern, sprich diplomatische Beziehungen zu Staaten in der Region aufzunehmen, müsste der israelisch-palästinensische Konflikt endlich gelöst werden.

Welche Rolle sollte die internationale Gemeinschaft spielen, etwa die EU?

Die Europäische Union ist Irans große Hoffnung. Sie könnte aus Sicht Teherans am meisten Einfluss in dem Konflikt nehmen - allen voran Deutschland.

Das Gespräch mit David Menashri führte Tal Leder.

Quelle: ntv.de