Politik

Was geschah im November 2011? Ein Überfall und das Ende des NSU

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In diesem Wohnmobil starben Mundlos und Böhnhardt. Eisenach am 4. November 2011.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jahrelang finanziert das NSU-Trio sein Leben im Untergrund auch mit Banküberfällen. Ausgerechnet einer dieser Raubzüge führt dazu, dass die rechtsextreme Terrorgruppe auffliegt. Doch wie kam es dazu?

Mehr als 13 Jahre lang haben Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe im Untergrund gelebt. In all den Jahren kommt ihnen keine Verfolgungsbehörde auf die Spur. Am Ende ist es wohl nur ein Zufall, dass sie überhaupt auffliegen.

Zum Verhängnis wird dem NSU-Trio ein Überfall auf eine Eisenacher Sparkassenfiliale am 4. November 2011. Gegen 9.10 Uhr betreten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos an diesem Tag die Zweigstelle am Eisenacher Nordplatz. Es ist ihr 14. Raubüberfall. Mundlos trägt laut Anklageschrift eine Sturmhaube mit Vampirgesicht, auch Böhnhardt ist maskiert. Sie bedrohen zwei Kunden und mehrere Angestellte mit Faustfeuerwaffen, den Filialleiter schlagen sie. Nach nur wenigen Minuten verlassen sie das Gebäude mit einer Beute von 71.915 Euro.

Böhnhardt und Mundlos flüchten auf Mountainbikes bis zu ihrem Wohnmobil, das in einem nahen Wohngebiet parkt. Den Ermittlern zufolge sollen Beate Zschäpe und Böhnhardt es mit den Papieren von Holger G. angemietet haben. Möglicherweise erfahren die beiden Uwes aus dem Polizeifunk, dass inzwischen die Fahndung läuft. Kurz darauf werden sie in ihrem Wohnwagen entdeckt. Laut Polizeibericht werden die Polizisten, die den Caravan untersuchen wollen, beschossen. Die Beamten gehen in Deckung und fordern Verstärkung an. Die Lage von Böhnhardt und Mundlos wird immer aussichtsloser: "Einem schon zuvor für den Fall der Entdeckung gefassten Entschluss entsprechend töteten sie sich selbst, wobei Uwe Mundlos zunächst Uwe Böhnhardt und sodann sich selbst erschoss", fasst die Anklageschrift zusammen, was dann geschieht. In diesen letzten Sekunden hätten Mundlos und Böhnhardt auch noch das Wohnmobil angezündet.

Als die Feuerwehr den Brand gelöscht hat, entdecken die Ermittler zwei Leichen und kurz darauf die Waffe der ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter. Die Entdeckung des NSU nimmt ihren Lauf.

Wer sah wann was?

In dieser Woche sind mehrere Polizeibeamte als Zeugen geladen - und der Gerichtsmediziner, der die Leichen der beiden obduzierte. Außerdem wird Egon S. vernommen, der der Polizei den entscheidenden Hinweis auf zwei Männer in einem Wohnmobil, dessen Kennzeichen mit V beginnt, lieferte. Denn noch immer ist das Geschehen vom 4. November von zahlreichen Fragen begleitet.

Dabei klangen die Aussagen des damals Leitenden Polizeidirektors aus Gotha, Michael Menzel, im vergangenen November in München ziemlich plausibel. Menzel leitete seit 2008 eine Sonderkommission, die angesichts zahlreicher Banküberfälle in Thüringen eingesetzt worden war. Das Muster schien klar: zwei maskierte Männer, bewaffnet, einer ist Linkshänder, überfallen Banken und flüchten auf Fahrrädern. Der Eisenacher Fall passte in dieses Muster, Menzel ließ die Stadt regelrecht abriegeln und berücksichtigte auch Fahrradwege.

Der Rest ist Geschichte, auch wenn in Menzels Vernehmung noch einige Unstimmigkeiten blieben. Menzel hatte in dem ausgebrannten Wohnwagen die Polizeiwaffe entdeckt, schon am nächsten Morgen sei Mundlos identifiziert worden, anhand von Fingerabdrücken, die nach einer Vermisstenanzeige seiner Familie aus dem Jahr 2005 vorlagen. Außerdem war Holger G. in der Nacht festgenommen worden, der dem NSU-Trio seine Papiere zur Verfügung gestellt hatte. Vor allem, wann Böhnhardt und Mundlos identifiziert waren und wann der Zusammenhang zu Zschäpe deutlich wurde, diskutierten verschiedene Anwälte der Nebenklage ausführlich mit Menzel. Ebenso die Frage, ab wann der Verfassungsschutz eingebunden war. Ob dies eher juristischer Sorgfalt geschuldet ist oder ob, wie bei so vielen Vorgängen um den NSU, Schlampereien der Ermittler vermutet werden, blieb dabei offen.

Liste offener Fragen

Noch immer unklar ist: Warum haben sich Böhnhardt und Mundlos in diesem Moment zum Suizid entschlossen? Warum versuchten sie nicht zu fliehen? Warum töteten sie sich mit einer Pumpgun - also einer Waffe mit langem Lauf - wo sie doch auch Pistolen hatten? Warum haben sie nicht weiter auf die Beamten gefeuert?

Laut den kürzlich bekannt gewordenen Obduktionsberichten wurden in den Lungen der beiden keine Rußpartikel gefunden. Dies führt zu der Frage: Haben die beiden wirklich das Wohnmobil angezündet und sich dann selbst erschossen? Oder gibt es doch noch einen unbekannten, geheimnisvollen Dritten?

Menzel hat das in seiner Aussage bestritten. Auch Experten des Bundeskriminalamts kommen in einem Gutachten zu dem Schluss, dass es keine objektiven Anhaltspunkte dafür gebe, dass eine dritte Person an den Abläufen beteiligt gewesen sein könnte. Doch Spekulationen über jenen 4. November 2011 gibt es nach wie vor, und möglicherweise können einige der Zeugen die Lücken füllen.

Quelle: n-tv.de