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Menschenkette gegen Tihange Eine Region wehrt sich gegen Risiko-AKWs

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Nicht nur gegen Tihange, auch gegen die Anlage in Doel wollen die Menschen auf die Straße gehen.

(Foto: picture alliance / Oliver Berg/d)

Der Countdown läuft: Am Sonntag wollen sich Zehntausende in einer 90 Kilometer langen Menschenkette gegen belgische Atomkraftwerke stellen. Ein ehrgeiziges Vorhaben mit einer großen Unbekannten.

Eine Menschenkette, 90 Kilometer lang, durch drei Länder: In der Aachener Grenzregion wollen Zehntausende gegen die umstrittenen belgischen Atomkraftwerke Doel und Tihange demonstrieren. Die Kette beginnt im Schatten der Kühltürme von Tihange bei Lüttich, läuft übers niederländische Maastricht durchs idyllische Mergelland nach Aachen. 90 Kilometer, die vor Augen führen, wie kurz diese Entfernung im Katastrophenfall ist. Eine Strecke, die auch erklärt, warum die Menschen in der Region so besorgt sind.

Die Teilnehmer fordern, dass die Kraftwerksblöcke Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen sofort abgeschaltet werden. In den Reaktorbehältern sind Tausende Mikro-Risse, deren Zahl sich vor kurzem noch etwas erhöht hat: Laut Betreiber Engie Electrabel nicht etwa, weil es tatsächlich mehr geworden wären, sondern weil die Messgeräte anders positioniert und diese Stellen dadurch erst sichtbar geworden seien.

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Der Chef des belgischen Energieversorgers Electrabel, Philippe Van Troeye. Bisher sind alle Vorschläge, die Kraftwerke stillzulegen, an dem Unternehmen abgeprallt.

(Foto: picture alliance / Eric Lalmand/)

Der Leiter des Kernkraftwerks Tihange, Jean-Philippe Bainier, sagte vor wenigen Tagen der "Aachener Zeitung", Tihange sei eines der sichersten Kraftwerke europaweit, "wenn nicht sogar weltweit". Dagegen zweifeln Deutsche Experten an der Sicherheit bei Störfällen. Vergeblich bislang die Bitte von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die Blöcke Tihange 2 und Doel 3 bis zur Klärung offener Sicherheitsfragen herunterzufahren.

Die Folgen einer möglichen Atom-Katastrophe im rund 70 Kilometer entfernten Tihange sind seit einer von der Städteregion Aachen in Auftrag gegebenen Risiko-Studie klar: Bei üblichen Wind-Verhältnissen wären demnach weite Teile des Rheinlands verstrahlt und die Aachener Grenzregion unbewohnbar.

Aachener haben Protestwillen bewiesen

Jörg Schellenberg warnt seit Jahren vor Tihange und Doel. Der 45-Jährige Mitinitiator vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie weist auf Einschätzungen von Wissenschaftlern hin, wonach die Reaktorbehälter bersten könnten, ohne Vorwarnzeit für die Bevölkerung. "Die Vernunftsebene prallt an der belgischen Atomaufsicht ab", sagt Schellenberg. Die Städteregion nimmt die Sorge der Menschen ernst und klagt gegen Tihange, mit Unterstützung einer über die Monate gewachsenen Allianz aus über 100 Kommunen. 

"Natürlich wird die Menschenkette nicht zur Schließung der Atomkraftwerke führen", sagt Schellenberg. Aber zu einem wirksamen Widerstand gehöre für ihn auch der Protest auf der Straße. Im November hatten die Aachener gezeigt, dass sie protestbereit sind: Rund 21.000 gingen zu einem Protestspiel von Alemannia Aachen auf den Tivoli, ins Stadion der Stadt. Für die Menschenkette sollen die meisten Teilnehmer aus Deutschland über die Grenze. Die Kette läuft nur sechs Kilometer über deutsches Gebiet.

Etwa 60.000 müssen mitmachen, um die Kette zu schließen. An die 30.000 Teilnehmer haben sich angemeldet. "Das ist ganz außerordentlich. Seit den Protesten nach Fukushima hatten wir eine solche Größenordnung nicht", sagte Jochen Stay von der Anti-Atomkraft-Organisation Ausgestrahlt. Viele werden nach seiner Einschätzung wahrscheinlich spontan kommen. Wie viele letztlich kommen, ist die große Unbekannte. 

Für den Chef der Städteregion Aachen, Helmut Etschenberg, ist es aber nicht entscheidend, ob die Kette komplett zustande kommt. "Das politische Signal ist wichtig", sagte er: Das Signal, dass Menschen aus den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Deutschland gemeinsam gegen Tihange auf die Straße gehen, "weil sie grenzüberschreitend alle dieselbe Sorge haben, unabhängig von der Nation".

Quelle: n-tv.de, Elke Silberer, dpa

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