
Hier stimmten mehr als 80 Prozent der Bürger für Erdogans Präsidialsystem: Bayburt im Nordosten Anatoliens.
(Foto: Issio Ehrich)
In den türkischen Metropolen keimt wieder Hoffnung bei der Opposition. Ist ein Ende der Ära Erdogan möglich? Im ostanatolischen Bayburt dagegen mögen viele Bürger an ein Leben ohne ihren Führer nicht mal denken.
Der Imam schwärmt. Als er nach Bayburt kam, führte sein Weg über Schlaglöcher. Die Stadt im Nordosten Anatoliens hatte kein anständiges Krankenhaus. Die Schulen waren in einem miesen Zustand. Jetzt sei alles anders, sagt er. Straßen neu, Schulen neu. "Wir haben ein neues Krankenhaus. Und das neue Krankenhaus wurde auch schon renoviert." Darum seien Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP hier so erfolgreich.
Als die Türken 2017 in einem Referendum über die umstrittene Verfassungsreform abstimmten, sagten die Bürger Bayburts am lautesten Ja. 81,7 Prozent entschieden sich hier für ein Präsidialsystem nach Erdogans Geschmack. Mehr als in allen anderen Provinzen der Türkei. Wenn das Land an diesem Sonntag nun zum ersten Mal im neuen System wählt, wird Erdogans Ergebnis in Bayburt wohl wieder überwältigend sein. Ein Besuch in einer Stadt, in der sich fast alle einig sind.

Bürgermeister Mete Memis: "Alles Lügen aus dem Ausland, um unseren Präsidenten zu schwächen."
(Foto: Issio Ehrich)
Auf einem Felsvorsprung am Rande Bayburts thronen die Reste einer Festung. Die gelbbraunen Mauern lassen erahnen, dass diese Stadt schon viele Herrschaften erlebt hat. Die Römer und Byzantiner bauten hier an historischen Seidenstraße Schutzwälle. Araber und Seldschuken eroberten die Burg und wurden vertrieben. Als wir im Sommer 2018 durch Bayburt spazieren und mit den Bürgern dieser 70.000-Einwohner-Stadt sprechen, erscheint der nächste Herrschaftswechsel allerdings fern.
Der Imam will seinen Namen so kurz vor der Parlaments- und Präsidentschaftswahl lieber nicht nennen. Als Mann im Staatsdienst dürfe er das auch gar nicht, sagt er. Ein wenig erzählen möchte er trotzdem. "Die Menschen spüren hier eine enge Verbindung zu ihrem Heimatland und ihrer Religion", sagt er. "Sie würden gegen jede Bedrohung dieser Werte aufbegehren." Bayburt ist das religiös-konservative Herz der Türkei. Natürlich würden die Bürger die regierende AKP dafür schätzen, dass sie für dieselben Werte einsteht, sagt der Iman. Aber erfolgreiche religiös geprägte Politik sei in in Bayburt sicher keine Erfindung von Erdogans Partei gewesen.
Islamische Parteien dominierten hier lange vor Erdogan

Rechts die neue Schnellstraße E97, links eine der Mini-Siedlungen mit eigener Moschee.
(Foto: Issio Ehrich)
Nachdem der General Mustafa Kemal Atatürk 1923 die türkische Republik schuf und das Land mit harter Hand auf einen säkularen Kurs gen Westen ausrichtete, konnte dessen Partei CHP noch bis in die 1970er-Jahre Abgeordnetenmandate und Bürgermeisterposten in Bayburt erringen. Dann, so hört man es zumindest von Bürgern, die sich an jene Tage noch gut erinnern können, kam die Zypern-Krise. Grausamkeiten, die griechische Aufständische im Streben um die Vereinigung mit dem griechischen Festland an ihren türkischen Nachbarn begangen, machten nicht nur Ankara mobil. Die türkische Armee marschierte in Zypern ein, um die muslimische Bevölkerung vor den überwiegend christlich-orthodoxen Aufständischen zu schützen. Die nationalistischen und islamistischen Parteien in der Türkei und insbesondere in Bayburt rüsteten zugleich rhetorisch auf. Und die Bürger hörten ihnen zu. Seit jenen Tagen sind sie in Bayburt die entscheidende Größe in der Politik. Lange vor Erdogan. Und der Imam versichert noch einmal, dass der Grund für Erdogans Erfolg die Wirtschaft sei.
Was mit der Wirtschaft gemeint ist, macht vor allem eines deutlich: die E97. Die Schnellstraße schlängelt sich teils auf vier Spuren durch die wilden Berge und Hügel vor Bayburt. An scharfen Kurven stehen solarbetriebene Warnleuchten. Sie dürften auch im heftigsten Schneesturm zu erkennen sein. Im Sommer wirken die Anlagen ein wenig übertrieben. Allzu befahren wirkt die Straße zumindest nicht. Hier und da dösen Hunde auf der Straße. Sogar Wildkatzen sind zu entdecken.

Die Festung von Bayburt. Über die Stadt an der historischen Seidenstraße herrschten schon viele verschiedene Mächte.
(Foto: Issio Ehrich)
Zur aufblühenden Wirtschaft gehört wohl auch das: In den etwas flacheren Regionen reihen sich weit verstreut kleine Siedlungen. Und in jedem einzelnen dieser Mini-Dörfer ragt das Minarett einer Moschee in den Himmel. Die meisten sehen neu aus.
"Bevor die AKP an die Macht kam, hat Bayburt nicht viele Zuwendungen vom Staat bekommen", sagt Bürgermeister Mete Memis. Und verkündet, dass die E97 weiter ausgebaut werden soll. Statt sich über die mit solarbetriebenen Warnsignalen ausgestatteten Serpentinen zu quälen, sollen die Bürger Bayburts in Zukunft bequem durch Tunnel fahren können. Ja, sagt Memis, selbst Dörfer mit zehn Einwohner hätten hier eine eigene Mosche. Aber er versichert: "Mit Politik hat das überhaupt nichts zu tun." Einige der neuen Bauten seien Geschenke erfolgreicher Geschäftsleute aus der Region. Die hätten Geld an die staatliche Religionsbehörde Diyanet gespendet und dafür die neuen Moscheen bekommen.
Wir wollen wissen, ob der Bürgermeister von Bayburt sich angesichts der türkischen Wirtschaftskrise Sorgen mache, dass mit diesem Aufschwung bald Schluss sein könnte. Das Wachstum in der Türkei lag seit Erdogans Machtübernahme 2002 im Schnitt bei sechs Prozent pro Jahr. Internationalen Wirtschaftsexperten zufolge finanzierte Ankara es vor allem aber auf Pump. Nach OECD-Berechnungen liegen die Auslandsschulden bei rund 50 Prozent der Wirtschaftsleistung. Ein Spitzenwert unter Schwellenländern. Investoren werden immer vorsichtiger, auch die einheimischen. Allein im vergangenen Jahr verließen zwölf Prozent der türkischen Millionäre das Land. Mehr als aus jedem anderen Staat der Welt. Der Wert der Lira hat sich seit 2002 im Vergleich zu Euro und Dollar halbiert. "Alles Lügen aus dem Ausland, um unseren Präsidenten zu schwächen", sagt dagegen der Bürgermeister. "Wir haben eine solide Wirtschaft. Wir setzen unsere Mittel hocheffizient ein."
Die CHP holt 0,9 Prozent bei Kommunalwahlen
Was, wenn die Mehrheit der Türken das nicht glaubt? Noch unveröffentlichten Umfragen des als CHP-nah geltenden Instituts Gezici zufolge halten knapp 32 Prozent der Türken die Wirtschaft für ein entscheidendes Wahlkampf-Thema. Und sie trauen Muharrem Ince, Erdogans gefährlichsten Herausforderer, auf diesem Feld mehr zu als dem amtierenden Präsidenten. Viele Beobachter in und außerhalb der Türkei glauben mittlerweile, was vor ein paar Monaten niemand für möglich gehalten hätte: Ein Sieg Erdogans bei dieser Wahl ist nicht sicher. Istanbul, Ankara, Izmir - vielerorts in der Türkei keimt unter Oppositionellen vorsichtig Hoffnung auf. Wie schätzen die Menschen in Erdogans religiös-nationalistischer Festung in den Bergen Ostanatoliens die Lage ein?
"Wir wollen uns das nicht vorstellen", sagt Bayburts Bürgermeister Memis. Ince könne unmöglich leisten, was Erdogan für diese Stadt getan habe. Memis erinnert daran, dass die CHP die Bürger in Bayburt finanziell nicht sonderlich gefördert hat, als sie dazu die Macht hatte. "Warum sollte das in Zukunft anders sein." Aber auch was die Wahl angeht, macht sich Memis offenbar keine Sorgen. "Wir sind uns ganz sicher, dass Erdogan und seine AKP gewinnen werden." Und mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. Die "hervorragenden Dienstleistungen", der tolle "Service" der AKP für die Bürger, darauf wird in Bayburt immer wieder verwiesen.

Zwischen Kleinwarenladen und Apotheke kaum zu erkennen: Die Zentrale der Oppositionspartei CHP.
(Foto: Issio Ehrich)
Wer andere Stimmen hören möchte, braucht zunächst ziemlich gute Augen. Zur CHP-Zentrale, die im Land die zweitstärkste Kraft ist, führt hier kein großes Tor. Nicht einmal eine Flügeltür. Der Eingang ist ein dunkler Treppenaufgang, der zwischen Apotheke und Kleinwarenladen kaum zu entdecken ist. Die Klingel funktioniert nicht. Aber immerhin das Telefon. Die Verkleidung eines Stuhls bricht ab, als wir uns ins Büro von Özden Eraslan setzen. Die Bilder von Republik-Gründer-Atatürk an den Wänden sind verbleicht.
"Ja", sagt Eraslan, "dies sind die schlimmsten Zeiten, die wir in Bayburt bisher erleben mussten." Nach der Zypern-Krise hätten die Islamistischen Parteien hier angefangen, Atatürk als gottlos zu beschimpfen, sagt er. "Die Leute die in Bayburt leben sind ignorant und ungebildet. Sie glaubten alles, was man ihnen erzählte." Einige vereinzelte CHP-Abgeordnete, die sich damals in der Hauptstadt abfällig über den Islam geäußert hätten, hätten dann alles noch schlimmer gemacht, räumt Eraslan ein. Er lässt selbst kein Gebet aus, pocht aber auf Säkularismus. Dafür stehe seine Partei.
In der jüngeren Geschichte, so schildert es Eraslan, hat die AKP den Niedergang seiner Partei weiter beschleunigt. Bei den letzten Kommunalwahlen 2014 kam die CHP auf 0,9 Prozent. Bei den Parlamentswahlen im November 2015 holten CHP und die pro kurdische HDP, die in Bayburt die einzigen linksliberalen Parteien sind, zusammen 2,7 Prozent. Die AKP hätte geschickter mit dem Thema Religion gespielt als frühere islamistische Parteien, sagt Eraslan. Und dann sei da natürlich auch die Sache mit der Wirtschaft. Seit 2002 hätte sich eigentlich nichts verändert. Aber weil ständig irgendwo gebaut wurde, habe es sich anders angefühlt. "Die Hauptstraße haben sie immer und immer wieder umgebaut. Sieben Mal insgesamt. Das ist es, was sie unter staatlichen Dienstleistungen verstehen." Neue Jobs, die dabei entstanden sind, sind laut Eraslan nur befristet und hingen völlig von neuen Bauprojekten ab.
Bewohner melden Fremdlinge

Die Opposition klagt über mangelnde Mittel, um Wahlwerbung zu finanzieren. Erdogan und seine AKP können sich sogar Banner an entlegenen Unterführungen leisten.
(Foto: Issio Ehrich)
Der CHP-Politiker lässt sich entschuldigen. Seine Kinder säßen unten im Auto, Ikbal Okur würde das Interview zu Ende bringen. Arbeitsteilung. Der Kern des Wahlkampfteams der CHP in Bayburt bestehe aus drei, höchstens fünf Personen, behauptet Okur, je nachdem, wen man zum innersten Zirkel zählt. Er ist der einzige CHP-Mann aus der Stadt, der für ein Sitz im Parlament kandidiert. An seinen Erfolg glaubt er nicht.
"Der Hauptgrund für unsere Misere ist, dass wir Demokraten sind", sagt Okur. Die Menschen hier hätte die Vorzüge von Demokratie einfach noch nicht verstanden. Auch er pocht auf Säkularismus. Okur deutet zugleich an, dass die Menschen nicht begriffen hätten, dass Erdogan ihnen keine Dienstleistungen erweise, sondern sie in seine immer größere Abhängigkeit dränge. "Unsere Landwirtschaft ist zerstört", sagt Okur. "Wo einst Felder blühten, stehen jetzt Einkaufszentren." Schuld daran sei Erdogans Wirtschaftspolitik rund um Großinvestitionen und Privatisierungen. "Unsere Bürger müssen in einer Gesellschaft leben, die von Importen und Konsum abhängt. Erdogan ist ein Kollaborateur globaler Kräfte."
Okur hat einen Plan, wie seine CHP die Herzen der Bürger Bayburts zurückgewinnen kann. Erstens: Rechtstaatlichkeit wiederherstellen. "Ohne die können wir die Ungerechtigkeit und den Raubbau der Regierung nicht stoppen." Zweitens: die Produktionsverhältnisse ändern. Regionale Unternehmen fördern, die lokale Landwirtschaft, die heimische Tierzucht. "Wenn es uns gelingt, die Menschen wieder in die Produktion einzubinden, können wir auch ihr Denken ändern", sagt Okur. Er klingt dabei so, als würde er am liebsten die Zeit um Jahrzehnte zurückdrehen. Über religiöse Befindlichkeiten der besonders frommen Muslime spricht er nur auf Nachfrage. Er versichert: "Wenn es uns gelingt echte Freiheit und Demokratie in der Türkei zu etablieren, wird sich hier jeder wohlfühlen. Damit meine ich Türken, Kurden, und alle anderen." Okur glaubt an einen Sieg Inces. Und an den Wandel, den der Kandidat bringen könnte. Irgendwann auch in Bayburt. Eine kühne Vision. Im Gespräch mit CHP-Aktivisten in Bayburt erfahren wir von schwarzen Listen für Oppositionelle, von Menschen, die hier aus politischen Gründen keine Karriere machen können.
Schikane und Unterdrückung? Der Imam, der seinen Namen nicht nennen will, zeichnet ein anderes Bild. "Wir stehen hier alle zusammen", sagt er. Wirkliche Meinungsverschiedenheiten gebe es nicht. Als Beleg beschreibt er, was er sieht, wenn er sich in seinen Predigten zu den Gläubigen wendet: AKP-Anhänger, MHP-Unterstützer - und die Gesichter der Oppositionellen. "Der Westen versucht, uns zu spalten", sagt er. Wenn Erdogan die Wahlen verlieren sollte, würde sich hier nicht viel ändern. Natürlich wären die Bürger Bayburts enttäuscht. "Aber letztlich ist das nichts anderes als bei einem Fußballspiel. Wenn das eigene Team verliert, ist man traurig." Die Bilder, die Mehrheit und Minderheit in Bayburt zeichnen, passen nicht zusammen.
Als wir noch ein wenig durch die Gassen der Stadt schlendern, stellt sich uns ein Mann in den Weg. Er zückt unauffällig sein Portemonnaie und zieht eine Karte heraus. Polizei, ein verdeckter Ermittler. Der Mann lächelt und bittet um unsere Ausweise. Dann fängt er an zu erklären. Bewohner hätten die Polizei alarmiert, als sie Fremde in der Stadt entdeckt hätten. "Die Leute sind hier sehr skeptisch, wenn es um so etwas geht", sagt der Polizist. Er bittet nochmals um Entschuldigung, lächelt freundlich, und versichert, dass es seine Pflicht sei, solchen Meldungen nachzugehen. Wir entscheiden uns, die heile Welt in Bayburt nicht weiter zu stören.
Quelle: ntv.de