Politik

Versteckt in Argentinien Ermittler fassen Folterknecht Pinochets

Chiles ehemaliger Diktator Augusto Pinochet verstarb 2006.

Augusto Pinochet wurde für die Menschenrechtsverletzungen seines Regimes nicht zur Rechenschaft gezogen.

(Foto: AP)

Jahrzehntelang herrschten Militärdiktaturen in Südamerika. Sie entführten, folterten und ermordeten Zehntausende Menschen. Ermittler nehmen nun in Argentinien einen der meistgesuchten Täter nach einjähriger Flucht fest. Viele andere sind auf freiem Fuß.

Als der Oberste Gerichtshof im vergangenen Jahr seine Strafe endgültig machte, verschwand Sergio Jara. Ins Gefängnis gehen und womöglich dort sterben, 45 Jahre nach seinem Verbrechen? Nein. Jara floh aus Chile nach Argentinien. Vermutlich schmuggelte er sich an den hunderte Kilometer voneinander entfernten Grenzposten vorbei über die Anden. Auf der anderen Seite Südamerikas, in der argentinischen Küstenstadt Mar del Plata, ist seine einjährige Flucht nun zu Ende gegangen. Ermittler nahmen ihn dort am vergangenen Wochenende fest.

Laut Urteil hatte der frühere Oberst unter dem chilenischen Militärdiktator Augusto Pinochet am 13. Dezember 1973 in der Stadt San Felipe zwei Regimegegner getötet. Dafür sollte er 18 Jahre hinter Gitter gehen. Als im August 2017 aber klar wurde, dass Jara das Land verlassen hatte, wurde ein internationaler Haftbefehl ausgestellt. Von da an galt der ehemalige Offizier auch offiziell als einer der meistgesuchten Verbrecher Chiles. Behörden auf beiden Seiten der Anden taten sich mit Interpol zusammen und verfolgten die Spur des Ex-Offiziers.

Um den Gesuchten zu finden, hefteten sich die Ermittler an die Fersen des Sohnes. Sie fanden ihn in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, verfolgten ihn bis in die nördlichen Provinzen Salta und Jujuy, dann wieder zurück in die größte Metropole des Landes. Von dort ging es Richtung Süden nach Mar del Plata, einem großen Seebadeort am Atlantik. Auf einer Hauptverkehrsstraße griffen die Fahnder am Sonntag zu. Jara wehrte sich nicht. Auf Fotos ist der Ex-Offizier direkt nach dessen Festnahme zu sehen, wie er auf der Rückbank eines Autos sitzt, bewacht von einem argentinischen Polizisten: Jara trägt Jogginghose, Regenjacke, Schirmmütze - und Handschellen.

In Chile hat nie eine groß angelegte Verfolgung der Diktaturverbrechen stattgefunden. Symbolisch dafür ist Diktator Pinochet, der von 1973 bis 1990 an der Macht war und im Jahr 2006 starb - in Freiheit und ohne Verurteilung. Die Untergebenen seines Regimes hatten offiziellen Zahlen zufolge etwa 3200 Chilenen getötet, 1192 gelten noch immer als vermisst. Weitere 33.000 Menschen wurden eingesperrt und gefoltert.

Mitglied der Todesschwadron

Ex-Offizier Jara gehörte in der Diktatur zur militärischen Todesschwadron ("Comando de la Muerte"), die vormalige Unterstützer des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende und seiner ehemaligen Partei Unidad Popular verfolgten. Jara und seine Kollegen entführten, misshandelten und töteten Regimegegner. Allende hatte sich während des Putsches 1973, den die USA unterstützten und bei dem die chilenische Luftwaffe den Präsidentenpalast in Santiago de Chile bombardierten, das Leben genommen.

Eines der Todesopfer, für die Jara verurteilt wurde, war Rigoberto Achú. Der Chef der Sozialistischen Partei in der Stadt San Felipe war hochrangiger Staatsbediensteter. Achú war im September 1973 festgenommen, ins Gefängnis gesteckt und immer wieder brutal verhört worden. Im Dezember desselben Jahres starb er gemeinsam mit Absalón Wegner, einem Psychologen, der eine Psychiatrie in der Region geleitet hatte. Dem Militär zufolge hatte einer nach der Waffe eines Wachsoldaten gegriffen, um dem anderen zur Flucht zu verhelfen, wobei beide erschossen wurden. Die chilenische Justiz hält diese Version für unglaubwürdig, unter anderem deshalb, weil Achú wegen systematischen Folterns kaum fähig war, zu laufen. Zeugen sagten, er und Wegner seien mit Schüssen in den Rücken förmlich durchlöchert worden. Beide waren 31 Jahre alt und hinterließen jeweils drei Kinder.

Manche Angehörige von Opfern der chilenischen Militärdiktatur haben sich in der "Agrupación de Familiares de Ejecutados Políticos", der Afep, zusammengetan. "[Jara] hat sein Leben unbestraft weitergeführt, nun gibt es die Möglichkeit, dass er für eines seiner Verbrechen geradestehen muss", sagt die Afep-Vorsitzende. Ein Fortschritt sei die Festnahme zwar schon, aber am Ende sei diese von argentinischen Stellen durchgeführt worden. "Wir fordern von den chilenischen Behörden, dass sie Verantwortung übernehmen."

In mehreren südamerikanischen Staaten herrschten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Militärregime, die linke Oppositionelle systematisch verfolgten und töteten. Sechs Diktaturen auf dem Kontinent koordinierten sich mit Hilfe des US-Geheimdienstes CIA unter dem Decknamen "Operación Condor". Argentinien gilt in der Region als Vorbild bei der Aufarbeitung dieser Zeit.

Fehlende Verfolgung

Chilenische Menschenrechtler gehen davon aus, dass Jara innerhalb eines Jahres in seine Heimat ausgeliefert werden wird. Er ist nur einer von vielen, die bislang keine Strafe verbüßen mussten: Auf ihrer Website hat Afep eine viele Seiten lange Liste von Personen veröffentlicht, die während der Militärdiktatur Menschenrechtsverbrechen begangen haben sollen: Generäle, Majore, Unteroffiziere. Darunter sind aber auch einige Namen der deutsch-chilenischen Pädophilensekte Colonia Dignidad, die Pinochets Militär mit Waffen unterstützte und als Folterstandort diente. Ihr Chef Paul Schäfer floh vermutlich 1996 - ebenfalls nach Argentinien, wie im Jahr 2005 klar wurde. Festgenommen wurde er dort deshalb, weil eine chilenische Journalistin und ein Anwalt nicht locker gelassen und Schäfer eigenhändig aufgespürt hatten. Sie hielten die chilenischen Behörden für korrupt.

Eine gefragte Gesprächspartnerin nach Jaras Festnahme war bei chilenischen Medien Carmen Hertz, selbst Opfer der Diktatur, Abgeordnete im Kongress und dort Vorsitzende der Menschenrechtskommission. "Man fragt sich, welche konkreten Maßnahmen der chilenische Staat eigentlich ergriffen hat, um die Täter zu finden", fragt sie provokativ. "Andere Menschenrechtsverbrecher haben das Land verlassen oder effektive Schutznetzwerke."

Einer der bekanntesten bereits Verurteilten ist Ricardo Lawrence, ehemaliges Mitglied einer Todesschwadron der berüchtigten Geheimpolizei Dina. Wegen 160 Fällen von Entführung, Mord und Misshandlung wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Jahr 2014 tauchte Lawrence unter. Die chilenische Polizei listet ihn als einen der meistgesuchten Verbrecher des Landes. Der Ort in Santiago, wo er früher folterte und tötete, ist inzwischen ein Forschungszentrum für die Aufarbeitung der Diktatur. Es veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Video mit Lawrence und sieben anderen ehemaligen Militärs, die sich seit Jahren auf der Flucht befinden. Jara war nicht darunter.

Quelle: n-tv.de

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