Politik

Macron vor dem US-Kongress Erst küsst, dann kritisiert er Trump

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Macron hielt seine Rede auf Englisch - und in teilweise deutlichen Worten.

(Foto: dpa)

Nicht einmal die "Me too"-Bewegung erspart Macron seinem Publikum. Vor dem US-Kongress erinnert Frankreichs Präsident an gemeinsame Schlachten für Freiheit und Demokratie. Dann jedoch folgen Botschaften, die allem widersprechen, für das Trump steht.

Viel Schwulst, viel Pathos, vor allem aber heftige Zumutungen für seinen amerikanischen Freund: Mit einer eindringlichen Rede hat der französische Präsident Emmanuel Macron vor dem US-Kongress für "einen starken Multilateralismus" geworben. Stellenweise klang Macron geradezu, als kritisiere er Trump - in jedem Fall jedoch kritisierte er dessen Agenda.

Gewählte Politiker müssten zeigen, dass die Demokratie die beste Regierungsform sei, sagte er. Man könne eine Zeitlang mit Ängsten und mit der Wut der Bürger spielen, aber damit erschaffe man nichts. Für den Weg in die Zukunft gebe es zwei Möglichkeiten: "Wir können Isolationismus, Rückzug und Nationalismus wählen. ... Aber die Tür zur Welt zu schließen, wird die Entwicklung der Welt nicht aufhalten."

Der Begriff Multilateralismus meint ein System kollektiver Sicherheit. Macron benutzte ihn als Gegenentwurf zu dem von ihm kritisierten Isolationismus, Nationalismus und Protektionismus - zu Ideen also, mit denen gemeinhin die Präsidentschaft von Donald Trump in Verbindung gebracht wird. Trump war schließlich mit dem erklärten Ziel angetreten, die USA aus Konflikten herauszuhalten und stattdessen Amerika "wieder groß" zu machen. Macron dagegen rief die USA auf, "unseren Planeten wieder groß" zu machen.

Um seine Botschaft verträglich zu überbringen, schlug Macron einen weiten Bogen. Er erinnerte daran, dass Frankreich "von Anfang an", seit der Amerikanischen Revolution, an der Geschichte der USA mitgewirkt habe. "Wir haben Schulter an Schulter viele Schlachten geschlagen, angefangen mit jenen, in denen die Vereinigten Staaten geboren wurden." Er erzählte von einem Treffen des französischen Philosophen Voltaire mit Benjamin Franklin, einem der Gründerväter der USA, 1778 in Paris. "Sie umarmten sich und küssten einander auf die Wangen", so Macron. "Das kann Sie an etwas erinnern", fügte er unter dem Gelächter der Senatoren und Abgeordneten hinzu.

Die Anspielung war klar: Macron und Trump haben sich in den vergangenen Tagen mehrfach öffentlich geherzt - so sehr, dass sich die TV-Komiker in den USA am Dienstagabend ausführlich darüber lustig machten (hier eine schöne Auswahl, zusammengestellt von der französischen Zeitung "Libération").

"There is no planet B"

Macrons Auftritt vor dem US-Kongress war der letzte große Termin seines dreitägigen Aufenthalts in Washington, der überreich an Symbolen und Sympathiebekundungen war. So brachte er Trump eine kleine Eiche aus dem Wald von Belleau mit - dem Wald, in dem die Amerikaner im Ersten Weltkrieg ihre größten Verluste erlitten. Zusammen pflanzten Macron und Trump den Baum im Garten des Weißen Hauses.

Auch in seiner Rede erinnerte der französische Präsident an den gemeinsamen Kampf im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Jetzt stünden die Länder zusammen gegen terroristische Gruppen, "die alles zerstören wollen, für das wir stehen". Über das Thema Freiheit und Demokratie ging Macron über zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King, der auch Frankreich inspiriert habe. Er sprach über den kulturellen Austausch beider Länder, über amerikanische und französische Schriftsteller wie James Baldwin und Simone de Beauvoir. Anknüpfend an die französische Feministin sagte er, die "Me too"-Bewegung habe auch in Frankreich "einen starken Wiederhall" gefunden. Es war das erste von mehreren heiklen Themen, die Macron ansprach - schließlich richtete sich das Schlagwort "Me too" nicht zuletzt auch gegen Trump, dem einige Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen.

Wie bei solchen Anlässen im Kongress üblich, wurde Macrons Rede häufig von Applaus und stehenden Ovationen unterbrochen. Mitunter allerdings standen zuerst die Demokraten auf - die Republikaner folgten dann eher zögerlich. Regelrechter Jubel kam in den Reihen der Demokraten auf, als der französische Präsident sagte, es sei die Wissenschaft, die gegen die Bedrohungen des Planeten gebraucht werde. Hier meinte Macron ganz offensichtlich den Klimawandel, den zahlreiche Republikaner, Trump eingeschlossen, als Hirngespinst abtun. Sie sprach Macron direkt an: Einige Menschen glaubten, dass es wichtiger sei, Industrien und Arbeitsplätze zu sichern. "Aber wir müssen einen weichen Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft finden." Er sei sicher, dass die USA eines Tages zum Pariser Klimaabkommen zurückkehren würden - wieder jubelten die Demokraten. Sie waren es wohl auch, die über seinen Wortwitz lachten. "Let us face it: There is no planet B", sagte Macron - es gibt keinen Planeten B.

Als Europäer in den USA

Für Frankreich reklamierte Macron eine "besondere Beziehung" zu den USA. In London dürfte man nicht amüsiert darüber sein: Normalerweise beschreibt dieser Ausdruck das britisch-amerikanische Verhältnis. Allerdings hatte Trump selbst am Dienstag den Begriff benutzt, um sein persönliches Verhältnis zu Macron zu beschreiben: "special relationship".

Trotz der starken Betonung der amerikanisch-französischen Gemeinsamkeiten sprach Macron ausdrücklich auch als Vertreter Europas: Zusammen müssten Europa und die USA sich den globalen Herausforderungen stellen und "die Weltordnung des 21. Jahrhunderts errichten" - diese Wendung wiederholte Macron mehrfach.

Gegen Ende seiner Rede kam Macron zu zwei Themen, bei denen die Zeit drängt: das Iran-Abkommen und die nur vorläufig ausgesetzten Strafzölle gegen die Europäische Union. Ein Handelskrieg sei keine Antwort, sagte er, Probleme müssten in der Welthandelsorganisation WTO besprochen werden, denn dafür sei sie da. Mit Blick auf den Iran wiederholte er seine Position, das Atomabkommen solle neu verhandelt werden. Trump kam er damit entgegen - bei den anderen Unterzeichnerstaaten, auch der Bundesregierung, gab es bisher allerdings nur verhaltende oder ablehnende Reaktionen. Bis zum 12. Mai muss Trump entscheiden, ob die USA wieder Sanktionen gegen den Iran einführen. Faktisch wäre dies der Ausstieg aus dem Abkommen. Vehement warb Macron dafür, dies nicht zu tun: "Wir haben es unterschrieben, sowohl die USA als auch Frankreich. Deshalb können wir nicht einfach sagen, dass wir es loswerden wollen."

Am Dienstag hatte Trump ein Staatsbankett für seinen Gast ausgerichtet. Der Pomp, der in Washington für Macron veranstaltet wurde, bildet einen Kontrast zum überschaubaren Aufwand, der Angela Merkel am kommenden Freitag zuteilwerden wird. Die Visite der Kanzlerin ist kein Staatsbesuch, sondern ein einfaches Arbeitstreffen, es wird keinen Baum geben, keine Militärshow im Garten des Weißen Hauses und kein Bankett, lediglich ein Mittagessen. Insgesamt wird Merkel magere zweieinhalb Stunden im Weißen Haus verbringen. Dann wird es erneut um den Iran und den Streit um Handelsüberschüsse gehen - zweifellos mit weniger Pathos.

Quelle: n-tv.de

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