Politik

Libyens Stellvertreterkrieg Es geht um Öl

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Kämpfer aus Misrata am Rand von Tripolis.

(Foto: REUTERS)

Mit ihrer jüngsten Offensive will die selbsternannte "Libysche Nationalarmee" die Hauptstadt Tripolis erobern. Aus den Kämpfen zwischen verfeindeten Milizen ist längst ein Stellvertreterkrieg geworden.

Als Reaktion auf den Vormarsch der Kämpfer des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar haben die Truppen der Einheitsregierung in Libyen eine Gegenoffensive gestartet. Mit der Offensive sollten "alle Städte" von "unrechtmäßigen Kämpfern befreit" werden, sagte der Sprecher der Regierungstruppen, Mohamad Gnunu, in der Hauptstadt Tripolis.

Die Offensive von Haftars "Libyscher Nationalarmee" (LNA) auf Tripolis war zuvor ins Stocken geraten. Die Allianz der Hauptstadtmilizen sagte, sie habe Haftars Truppen von dem internationalen Flughafen vertrieben. Allerdings rollten noch am Samstag Kolonnen von Armeefahrzeugen aus dem 1200 Kilometer entfernten Bengasi nach Westen.

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Die Truppen aus Misrata bereiten sich derzeit auf einen Gegenangriff vor.

(Foto: REUTERS)

Am Mittwoch hatte Haftar erklärt, er werde den Westen Libyens von "Terrorgruppen säubern". Der 75-Jährige beherrscht den Osten des Landes von Bengasi aus, in Tripolis sitzt die international anerkannte, aber weitgehend machtlose Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch. Faktisch beherrscht wird die Stadt von einem Dutzend Milizen mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung. Gemeinsam haben sie, dass ihre Kämpfer auf den Lohnlisten von Ministerien oder Staatsfirmen stehen oder diese sogar kontrollieren.

Im Februar hatten Haftar und Sarradsch sich darauf verständigt, landesweite Wahlen durchzuführen. In dem nordafrikanischen Land herrschen seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi 2011 regionale Milizen. Dem schon unter Gaddafi zum General beförderte Haftar dient vor allem die Anwesenheit von radikalen Islamisten in der Zwei-Millionen Metropole als Rechtfertigung für seinen Überraschungsangriff. Selbstmordattentäter hatten im vergangenen Jahr die Wahlkommission, die staatliche Ölagentur NOC und das Außenministerium angegriffen.

Tripolis droht das Schicksal von Bengasi

Viele ehemalige Revolutionäre aus Misrata und anderen westlibyschen Städten fürchten jedoch, dass mit dem Vorrücken der LNA auch Anhänger des vor acht Jahren vertriebenen Gaddafi-Regimes zurückkehren. Zahlreiche Funktionäre der alten Regierung waren nach dem Sturz Gaddafis nach Ägypten geflohen.

Am Samstag bombardierten Kampflugzeuge der Einheitsregierung die 80 Kilometer südlich von Tripolis gelegenen Stadt Gharian, in der sich Haftars Truppen festgesetzt haben. An einem rund 30 Kilometer westlich gelegen Kontrollpunkt nahmen Einheiten aus der Mittelmeerstadt Zawiya 148 bewaffnete Anhänger von Haftar fest. "Wir behandeln die Gefangenen mit Würde, es sind Libyer wie wir", sagte ein Sprecher der örtlichen Miliz. Aus dem weiter östlich liegenden Misrata sollen Truppen mit 400 Pick-Ups zum internationalen Flughafen nach Tripolis gebracht worden sein. "Wir bereiten uns auf einen Gegenangriff vor", sagt einer der Kommandeure aus der Hafenstadt, die 2011 mehrere Monate von Gaddafi-Truppen belagert worden war.

Die G7-Staaten verurteilten den Vormarsch Haftars und forderten die Einstellung der Kämpfe. Auch der UN-Sicherheitsrat forderte den General auf, seine Truppen zu stoppen. "Es kann für den Konflikt keine militärische Lösung geben", heißt es in einer Erklärung des Sicherheitsrates.

Unterdessen versuchen viele Einwohner von Tripolis, die Kämpfe am Stadtrand zu ignorieren. Die Cafés und Einkaufszentren sind voll, auch der Stadtflughafen Maitiga wird weiter angeflogen.

Im Falle einer weiteren Eskalation könnte Tripolis allerdings das Schicksal von Bengasi drohen. Die ostlibysche Stadt war drei Jahre lang Schauplatz eines blutigen Straßenkampfes zwischen Haftars LNA, lokalen radikalen Gruppen und IS-Anhängern. Mit ägyptischer, russischer und französischer Militärhilfe konnte Haftar die Extremisten 2017 nach Tripolis vertreiben. Der Preis für den Sieg war allerdings die großflächige Zerstörung der Innenstadt von Bengasi und Hunderte zivile Opfer.

Ein Ende des Kriegs liegt nicht in libyscher Hand

Nach Umfragen der Nichtregierungsorganisation Lapor vom Januar wünschen sich viele Libyer die Rückkehr starker Institutionen. Die libysche Armee gilt bei der Mehrheit als Gegenspieler der oft willkürlich handelnden Milizen. Ob Haftar in Tripolis mehrheitlich unterstützt wird, ist unklar. Nachdem Ende letzten Jahres in sozialen Netzwerken Handyvideos auftauchten, auf denen Erschießungen angeblicher Islamisten zu sehen sind, forderte der Internationale Gerichtshof die LNA auf, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen oder auszuliefern.

Selbst UN-Generalsekretär Antonio Guterres reiste nach Libyen, um für eine Verständigung zwischen Haftar und der Einheitsregierung zu werben. Am Mittwoch wollte der Portugiese eigentlich auf einer Pressekonferenz in Tripolis Zeitpunkt und Ziel der in zwei Wochen geplanten "Nationalen Konferenz" verkünden, die den zum Stillstand gekommenen Dialog der verfeindeten Gruppen anstoßen sollte. Stattdessen kommentierte er mit versteinertem Gesicht die Kämpfe.

Zwei Tage später warb Guterres bei einem Besuch in Bengasi für die Einstellung der Kämpfe, ebenfalls erfolglos. An einer Waffenruhe dürften auch Haftars Verbündete kein Interesse haben. Afrikas ölreichstes Land exportiert so viel Öl wie nie zuvor seit der Revolution. Haftars Armee kontrolliert mittlerweile die meisten Ölquellen, Russland, Ägypten und Saudi-Arabien hoffen auf lukrative Verträge in Nachkriegslibyen. UN-Experten weisen darauf hin, dass die LNA aus Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten militärische Unterstützung erhält. Derweil erhalten Haftars Gegner wie die Milizen aus Misrata und Zawiya nach Meinung vieler Beobachter Waffen aus der Türkei und Katar. Es liegt schon lange nicht mehr in libyscher Hand, den Krieg zu beenden.

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Quelle: n-tv.de, mit AFP

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