Politik

Reiz-Reaktions-Politik Fanatismus geht auf die Straße

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Protestler zerstören ein Fenster der US-Botschaft in Sanaa.

(Foto: AP)

Ein völlig unbekannter Mensch macht einen Film, in dem Mohammed als blutrünstiger Trottel dargestellt wird. Niemand nimmt von dem Streifen Notiz. Bis ein Blogger es schafft, die Aufmerksamkeit ägyptischer Internetnutzer zu erregen. So richtig kommt die Sache allerdings erst durch die Proteste in Fahrt. Das alte Rezept funktioniert schon wieder.

Nach den Angriffen auf US-Vertretungen in Libyen und Ägypten haben sich die anti-amerikanischen Proteste auf andere muslimische Länder ausgeweitet. Die US-Regierung erhöhte die Sicherheitsvorkehrungen für ihre Botschaften und schickte als "Präventivmaßnahme" zwei Zerstörer sowie 50 Marineinfanteristen nach Libyen.

"Die Unschuld der Muslime"

Die blutigen anti-amerikanischen Proteste entzünden sich aneinem Film mit dem Titel "Unschuld der Muslime". Ursprünglich wurdeein gewisser Sam Bacile als Macher des islamfeindlichen Films gehandelt, mittlerweileist klar, dass dies ein Pseudonym ist. Laut BBC könnte der Film Ende Juni ineinem kleinen Kino in Los Angeles gezeigt worden sein. Nur wenig später tauchteer im Internet auf. Die auf Youtube veröffentlichten Sequenzen des Films sind eineArt Trailer. Darin wird der Prophet als Schürzenjäger und Pädophilerdargestellt. Ein Ägypter namens Morris Sadek ist laut "Wall StreetJournal" verantwortlich dafür, dass das Video in der arabischen Weltbekannt wurde. Anfang September habe der in Washington lebende koptische ChristJournalisten weltweit einen Link zu dem Video geschickt. In Ägypten übersetzteneinige das Video auf Arabisch und veröffentlichten es.

Die Situation erinnert an die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen und gegen die Koran-Verbrennungen in den USA. 2006 waren bei Demonstrationen gegen islamkritische Zeichnungen mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. Die aktuellen Ausschreitungen wurden durch einen in den USA produzierten islamischfeindlichen Film provoziert. Das Videoportal Youtube schränkte den Zugriff auf den Mohammed-Film in Libyen und Ägypten ein. Die afghanische Regierung sperrte den Zugriff auf Youtube komplett.

In Jemens Hauptstadt Sanaa wurden bei Zusammenstößen vor der US-Botschaft zwei Demonstranten getötet, meldeten die dortigen Behörden. Wachleute hätten die Protestierenden vor dem Botschaftsgebäude zurückgedrängt. Zehn Menschen hätten Verletzungen erlitten.

Bereits am Morgen hatten mehrere tausend Demonstranten in Sanaa bei Protesten gegen den anti-islamischen Film das Botschaftsgelände gestürmt und Fahrzeuge in Brand gesetzt, bevor die Polizei die Menge mit Wasserwerfern und Warnschüssen zurückdrängte.

Dritter Protest-Tag in Folge

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Protestmarsch zur amerikanischen Botschaft in Sanaa.

(Foto: REUTERS)

Die Proteste gegen den Film hatten am Dienstag in Kairo begonnen. Dort wurde die US-Botschaft gestürmt und die US-Flagge heruntergerissen und verbrannt. Am selben Abend wurde im libyschen Bengasi der Botschafter der USA in Libyen sowie drei weitere US-Diplomaten getötet. Auch mehrere libysche Sicherheitskräfte kamen ums Leben, als das Konsulat in Bengasi mit Raketen und Granaten angegriffen wurde.

In Kairo gab es erneut Ausschreitungen vor der US-Botschaft. Die Polizei ging mit Tränengas gegen steinewerfende Demonstranten vor. Mehr als 200 Menschen wurden verletzt, berichtete Augenzeugen und Krankenhausärzte.

In Tunis demonstrierten mehrere hundert Salafisten vor der US-Botschaft, die Polizei ging mit Tränengas gegen die Menschenmenge vor. Demonstrationen gab es auch im irakischen Nadschaf, wo Anhänger des radikalen Predigers Moktada Sadr auf die Straße gingen. In Teheran zogen rund 500 Menschen vor die Schweizer Botschaft, die im Iran die Interessen der USA vertritt. Proteste gab es auch im Gazastreifen und im mehrheitlich muslimischen Bangladesch.

Angst vor einem Anschlag auf das US-Konsulat in Berlin stellte sich später als Fehlalarm heraus.

"Angriff trägt Al-Kaidas Handschrift"

Die US-Regierung bezweifelt derweil, dass es sich bei dem Angriff auf ihr Konsulat in Bengasi eine spontane Aktion handelte. Die Attacke trage "klar" die Handschrift des Terrornetzwerks Al-Kaida, sagte Mike Rogers, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im US-Repräsentantenhaus. Dass es sich um einen geplanten Angriff handeln könnte, sei "derzeit die Arbeitshypothese", sagte auch ein ranghoher Regierungsvertreter. Demnach könnten sich Extremisten die Krawalle in Bengasi zunutze gemacht haben.

In Libyen wurden mehrere Verdächtige festgenommen. Der stellvertretende Innenminister Wanis al-Scharef sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Ministerien für Inneres und Justiz hätten Ermittlungen eingeleitet und es habe Festnahmen gegeben. Zur Zahl der Festgenommenen oder deren möglicher politischer Orientierung machte der Vizeminister keine Angaben, "um die Ermittlungen nicht zu behindern".

Die libysche Regierung setzte zudem eine Untersuchungskommission ein. Der Sprecher des Sicherheitsausschusses des Innenministeriums, Abdelmonem al-Horr, sagte, der Kommission unter Vorsitz eines Richters gehörten "Experten" des Justiz- und des Innenministeriums an. Die Ermittlungen seien "sehr kompliziert", weil die Menge vor dem US-Konsulat sehr heterogen gewesen sei: "Da waren Extremisten, gewöhnliche Bürger, Frauen, Kinder und Kriminelle." Zudem sei von einem nah gelegenen Bauernhof aus geschossen worden.

Quelle: ntv.de, hvo/AFP/rts/dpa