Politik

Zu wenig von allem Flüchtlinge fühlen sich "wie in Guantánamo"

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Die Zustände in Ungarns Flüchtlingslager bei Rözske sind unhaltbar.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Fläschchen Wasser, eine Dose Pastete und ein Brötchen - "nicht mal genug Essen für ein Kind" bekommen Geflohene im ungarischen Erstaufnahmelager Rözske. Versuche von Journalisten, den Bedürftigen Spenden zu geben, wehrt die Polizei radikal ab.

Mustafa ist von der syrischen Kurdenstadt Kobane hunderte Kilometer gereist, um ein besseres Leben in Europa zu finden. Doch was er nun im ungarischen Erstaufnahmelager Röszke hinter der serbischen Grenze erlebt, macht ihn fassungslos: "Selbst Tiere behandelt man besser als uns. Das ist hier wie Guantánamo", sagt der 38-Jährige in Anspielung auf das US-Militärgefängnis für Terrorverdächtige auf Kuba.

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Von einem Grenzzaun in Serbien aus beobachtet ein Mann das ungarische Dorf Rözske.

(Foto: AP)

Mustafa spricht durch den hohen Zaun, der das Lager umgibt - Journalisten dürfen das Lager nicht betreten. Der Syrer zeigt auf seinen verletzten Fuß, der mit einer blauen Plastiktüte umhüllt ist. Auf ärztliche Hilfe wartete er vergeblich. Andere Flüchtlinge zeigen die Mahlzeit, die die ungarischen Behörden ihnen zugestehen: ein Brötchen, eine kleine Dose Hähnchenpastete und ein Fläschchen Wasser. "Das ist noch nicht mal genug Essen für ein Kind", klagt Mustafa. "Ich weiß nicht, wie lange wir unter diesen Bedingungen durchhalten."

Unter einem regenverhangenen Himmel bringen Polizisten die Essensrationen mit Schubkarren zu den 400 Flüchtlingen, die in einem Lagerblock von Dutzenden olivfarbenen Zelten untergebracht sind. In einem benachbarten Lagerteil haben österreichische Aktivisten gefilmt, wie Polizisten die Rationen in eine von Zäunen zusammengepferchte Menschenmenge warfen - wie bei einer Raubtierfütterung.

Polizisten verbieten jegliche Spenden

Das ganze Lager ist durch vier Meter hohe, Stacheldraht bewehrte Zäune gesichert. Dahinter wachen Polizisten mit abweisenden Gesichtern und Schäferhunden. Vertreter internationaler Organisationen sind nicht in Sicht. Durch den Zaun hindurch bitten Flüchtlinge Journalisten um Zigaretten und Essen. Sofort greift ein Polizist ein und verbietet jegliche Spenden.

Beim Betreten des Lagers müssen sich alle Flüchtlinge registrieren lassen. Die Polizisten statten sie mit pinkfarbenen Armbändern aus, auf deren Strichcode Name und Ankunftsdatum vermerkt sind. Dann werden die Flüchtlinge auf die Lagerblöcke verteilt, deren Zelte dem Wind schutzlos ausgesetzt sind.

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Geflohene in Südungarn haben sich mangels Alternativen ihr Lager in einem Gewächshaus eingerichtet.

(Foto: AP)

"Wir brauchen Decken, nachts ist es viel zu kalt in den Zelten", sagt der Afghane Mohammed, der mehrere Schichten Kleidung übereinander trägt. Der Mann aus Kundus ist nach eigenen Worten vor den Taliban geflohen, um sein Leben zu retten. "Mein Bruder hat für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet. Er lebt jetzt in Deutschland und ich will zu ihm, aber die Ungarn halten uns hier fest", sagt er.

Keine sanitären Anlagen

Ärzte warnen inzwischen vor dem Ausbruch von Seuchen in dem Lager. Laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen gibt es kein fließendes Wasser und keine Waschmöglichkeiten. Da es an Toiletten fehle, verrichteten die Menschen ihre Notdurft nahezu überall. Auch an medizinischer Ausrüstung mangelt es.

Eine Priorität räumen die Ärzte vor Ort Schwangeren ein, die oft wochenlange Fußmärsche aus den Krisengebieten im Nahen Osten hinter sich haben. "Wir haben viele schwangere Frauen, die einfach erschöpft sind und nicht mehr können", sagt Sarah Schober, 28-jährige Medizinstudentin und freiwillige Helferin aus Österreich. "Wir können ihnen aber nur Magnesium und kleine Dosen Schnaps gegen ihre Krämpfe geben."

Kinder bitten um "Freedom"

Jassan aus dem Irak ist mit seiner im sechsten Monat schwangeren jungen Frau aus Bagdad geflohen. "Das Essen ist schlecht hier, wie können meine Frau und unser Baby mit so wenig Nahrung überleben?", sagt er. "Es ist zu kalt, und meine Frau ist noch nicht mal von einem Gynäkologen untersucht worden. Niemand hört uns zu."

Die junge Schwangere bricht in Tränen aus, während sie ihren Bauch hält. Es gebe im Lager keinen Ort, um sich zu waschen. "Meine Mutter fehlt mir. Ich kann nicht mit ihr telefonieren, weil die Aufseher mir nicht erlauben, mein Handy aufzuladen", sagt die 17-Jährige. Eine Gruppe Flüchtlingskinder skandiert hinter ihr: "Freedom, Freedom".

Quelle: n-tv.de, Sonia Bakaric, AFP