Politik

"Die Heimat holt uns ein"Geflüchtete Russen sind in Kasachstan nicht mehr sicher

22.03.2026, 16:06 Uhr
imageVon Artur Weigandt
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Die Skyline von Almaty, mit Blick auf die Einwohnerzahl die größte Stadt Kasachstans. (Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

Russlands südlicher Nachbar Kasachstan war bislang für viele russische Kriegsgegner und Deserteure ein sicherer und leicht erreichbarer Hafen. Nun zeigt sich: Druck aus Moskau kann diese Sicherheit schnell zunichtemachen.

Nach der russischen Teilmobilmachung im September 2022 strömten Zehntausende russische Männer nach Kasachstan - viele von ihnen, um einer Einberufung in den Ukraine-Krieg zu entgehen. Das Land galt als einer der sichersten und vor allem auch einfachsten Zufluchtsorte: visafreie Einreise, relativ niedrige Lebenshaltungskosten, dazu eine große russischsprachige Community.

Seit Anfang 2026 hat sich die Lage verändert. Menschenrechtsorganisationen warnen vor einer Massenabschiebung russischer Bürger - getarnt als Strafverfahren wegen gefälschter Aufenthaltserlaubnisse.

Bis Ende 2025 tolerierte Kasachstan weitgehend die sogenannte Graue Zone: Einen Sonderstatus für Kriegsflüchtlinge hat Kasachstan nie anerkannt, Asyl ohnehin nur selten gewährt. Viele Russen nutzten deshalb vorübergehende Aufenthaltsgenehmigungen, die sie über Mittelsmänner erworben hatten, obwohl sie keine offizielle Arbeit hatten. Jahrelang wurden diese informellen Arrangements geduldet.

Abgeschoben wegen Falschparkens - angeklagt wegen Hochverrats

Seit Jahresbeginn häufen sich Fälle von schnellen Ausweisungen und Auslieferungen. Besonders auffällig: Das kasachische Komitee für Nationale Sicherheit (KNB) - also der Inlandsgeheimdienst - übernimmt zunehmend Fälle, die früher von der Migrationspolizei bearbeitet wurden.

Ein Beispiel ist der Fall des IT-Spezialisten Alexander Kachkurkin. Der 25-Jährige stammt von der Krim, er hat sowohl die russische als auch die ukrainische Staatsbürgerschaft. Ende Januar wurde er in Almaty unter fadenscheinigen Vorwänden - "Falschparken" und "Shisha-Rauchen in Innenräumen" - festgenommen.

Innerhalb weniger Stunden erging ein Abschiebebeschluss. Kachkurkin wurde nach Russland geflogen und dort noch im Flugzeug wegen "Hochverrats" verhaftet, weil er Geld in die Ukraine geschickt hatte. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft, ihm droht eine Haftstrafe zwischen zwölf Jahren und lebenslänglich. Menschenrechtsanwälte sehen hier eine informelle Koordination zwischen kasachischen Behörden und dem russischen Geheimdienst FSB.

Flucht vor Krieg für Kasachstan kein Grund für Asyl

Ähnlich politisch motiviert wirkt der Fall der Bürgerrechtlerin Yulia Emelyanova. Die 34-Jährige wurde bereits im August 2025 am Flughafen Almaty festgenommen und sitzt seither in Haft. Kasachstan hat einem russischen Auslieferungsersuchen wegen angeblichen Diebstahls eines Handys im Jahr 2021 zugestimmt - ein Vorwurf, den Oppositionelle als vorgeschoben einstufen; Emelyanova ist eine ehemalige Mitarbeiterin im St. Petersburger Hauptquartier des 2024 ermordeten Oppositionspolitikers Alexey Nawalny. Zudem hat sie ukrainische Flüchtlinge und politische Gefangene unterstützt.

Ein weiterer prominenter Fall betrifft den ehemaligen russischen Offizier Yevgeny Korobov: Er nahm 2022 an der Invasion in der Ukraine teil, schoss sich absichtlich ins Bein, um dem weiteren Kampfeinsatz zu entkommen, landete im Krankenhaus und desertierte schließlich. Im Januar 2023 floh Korobov nach Astana. Dort beantragte er Asyl.

Im September 2025 lehnten die kasachischen Behörden seinen Antrag ab; ein Gericht in Astana bestätigte die Ablehnung am 5. Februar mit der Begründung, Desertion sei kein politischer Akt und es gebe keinen Grund für Verfolgung in Russland. Korobow, der in Astana illegal als Barkeeper gearbeitet und andere Deserteure bei sich aufgenommen hat, gilt nun als akut gefährdet - Kasachstan hat bislang keinem russischen Deserteur Asyl gewährt.

Der Geheimdienst für das Verfahren

Weitere Fälle betreffen tschetschenische Deserteure und Kritiker des Kadyrow-Regimes, die an Flughäfen abgefangen, festgehalten oder ausgeliefert wurden. Betroffene in der russischen Community in Almaty und Astana berichten von wachsender Panik: "Es ist, als ob die Heimat uns einholt", zitiert die "Moscow Times" einen von ihnen.

Ende Februar leitete das KNB ein umfangreiches Strafverfahren ein - offiziell wegen gefälschter Aufenthaltsgenehmigungen. Dutzende russische Männer im wehrpflichtigen Alter wurden als Zeugen vorgeladen, oft in Gruppen von drei bis vier Personen gleichzeitig. Das Verfahren wird nicht von der Migrationsbehörde, sondern vom Geheimdienst geführt.

Die Menschenrechtsinitiative "Slovo Zaschite" ("Wort der Verteidigung") warnt vor einer Massenabschiebung: Viele der Betroffenen leben seit 2022/23 in der Grauzone, weil legale Wege, etwa über eine offizielle Beschäftigung, für die meisten unmöglich waren. Die Ermittlungen laufen ungewöhnlich schnell, es gibt auch Hinweise auf eine Abstimmung mit russischen Behörden - möglicherweise sogar die Lieferung von Fahndungslisten. Experten gehen davon aus, dass es politischen Druck aus Moskau gibt - und Kasachstan will seine Beziehungen zu Russland stabil halten.

Auch in anderen Ländern steigen die Risiken für Russen

Das kasachische Außenministerium dementiert, dass es Pläne zu "Massenabschiebungen" gebe, es spricht von Einzelfällen sowie der Einhaltung internationaler Verpflichtungen. Erste Stellungnahmen des stellvertretenden Außenministers betonen, dass nur bei nachgewiesenen Verstößen, etwa bei der Fälschung von Dokumenten, Konsequenzen folgen würden. Dennoch bleibt die Kommunikation vage.

In der russischen Emigrantengemeinde sinkt das Vertrauen derweil rapide. Viele planen die Weiterreise in Länder wie die Türkei, Serbien oder Georgien - obwohl auch dort die Risiken für Russen steigen.

Ob es tatsächlich zu einer Massenabschiebung kommt, hängt von den nächsten Wochen ab - das laufende KNB-Verfahren wird entscheidend sein. Menschenrechtsorganisationen raten Betroffenen dringend: Wer in der Grauzone lebt und politisch auffällig war, sollte Kasachstan möglichst bald verlassen - bevor eine Zwangsabschiebung droht.

Quelle: ntv.de

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