Politik

"Dreckiger Zionist" Gelbwesten schmähen jüdischen Philosophen

RTSU817.jpg

Einst war er ein Sympathisant der Gelbwesten. Heute findet Alain Finkielkraut die Bewegung nur noch "grotesk".

(Foto: REUTERS)

Noch immer schaut die Mehrheit der Franzosen mit Sympathie auf die Gelbwesten, doch das könnte sich ändern: Antisemitische Übergriffe von Protestlern auf den jüdischen Schriftsteller Alain Finkielkraut in Paris rufen Abscheu hervor. Die Justiz ermittelt.

Die antisemitischen Ausfälle gegen den Philosophen Alain Finkielkraut am Rande einer "Gelbwesten"-Kundgebung in Paris beschäftigen die französische Justiz. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete Vorermittlungen wegen des Vorfalls ein. Sie stützen sich auf einen Paragrafen, der öffentliche Beleidigungen auf Grundlage von Herkunft, Ethnie oder Religion verbietet. Finkielkraut zeigte sich bestürzt über die Schmähungen, will selbst aber auf juristische Schritte verzichten. Frankreichs Innenminister Christophe Castaner erklärte via Twitter, ein Verdächtiger, der hauptsächlich für die Beleidigungen verantwortlich sei, sei identifiziert worden.

Der Vorfall am Rande der "Gelbwesten"-Kundgebung ist auf Videoaufnahmen dokumentiert, die im Internet verbreitet wurden und eine Welle der Verurteilungen bis hin zu Präsident Emmanuel Macron nach sich zogen. Zu sehen ist, wie Kundgebungsteilnehmer dem Philosophen aggressive Beleidigungen ins Gesicht schleudern. Die Aufnahmen dokumentieren Äußerungen wie "Hau ab!", "Dreckiger Scheiß-Zionist", "Wir sind das Volk" und "Frankreich gehört uns".

Der Zeitung "Journal du dimanche" sagte Finkielkraut: "Ich habe absoluten Hass gespürt." Er dankte den Polizisten für ihr Eingreifen: "Ich hätte Angst gehabt, wenn es keine Ordnungskräfte gegeben hätte, zum Glück waren sie da." Dem Sender LCI sagte er, er habe den Eindruck gehabt, dass einige der Anwesenden auch bereit gewesen wären, ihn zu schlagen.

"Finkielkraut ist ein Symbol"

Präsident Macron verurteilte den Vorfall auf Twitter. "Die antisemitischen Beleidigungen, die er hat erdulden müssen, stellen alles in Frage, was wir sind und was uns zur großen Nation macht", schrieb Macron. Als Sohn polnischer Einwanderer, der zum französischen Intellektuellen geworden sei, sei Finkielkraut "ein Symbol dafür, was die Republik jedem ermöglicht".

*Datenschutz

Finkielkraut ist einer der bekanntesten Intellektuellen Frankreichs. Er entstammt dem linken Milieu, seine Gegner kritisieren ihn allerdings als "neo-reaktionär". Der "Gelbwesten"-Bewegung stand er zunächst positiv gegenüber, inzwischen hat er sich abgewandt. "Ich unterstütze die Kundgebungen nicht mehr", sagte er. Die "Gelbwesten"-Bewegung sei "grotesk" geworden.

Die Regionalzeitung "La Voix du Nord" aus dem nordfranzösischen Lille wertet die gewaltbereiten Horden als "Dämonen", die die Republik bedrohten: "Niemand weiß, wie man aus dieser verfahrenen Situation wieder herauskommen soll. Alain Finkielkraut, Philosoph, Unterstützer der Gelbwesten, ist angesichts einer brüllenden, von antisemitischen Vorurteilen abgestumpften Horde das Symbol einer von den schlimmsten Dämonen bedrohten Republik. Die Gelbwesten-Bewegung hat sie losgelassen, ohne es zu wollen."

Auch die französische Regionalzeitung "Le Courrier picard" fand deutliche Worte: "Auf den Bühnen, in seinen Zornesausbrüchen, mit seinen Ansichten, ist Finkielkraut manchmal unerträglich. Aber Finkielkraut wurde mitten auf der Straße angegangen, weil er Jude ist. Nicht für das, was er sagt oder denkt, sondern für das, was er ist. Das ist nicht nur inakzeptabel. Das ist nicht zum Erbrechen. Das ist zum Kotzen."

Innenminister Christophe Castaner hatte erst zu Wochenbeginn berichtet, dass es in Frankreich 2018 deutlich mehr antisemitische Vorfälle gab als zuvor. Es wurden 541 Fälle bekannt - 74 Prozent mehr als noch 2017. Castaner sprach davon, dass sich der Antisemitismus "wie ein Gift" ausbreite.

Quelle: n-tv.de, mau/AFP/dpa