Politik

Präsidiale Rede im Kongress Gestatten: Teleprompter-Trump

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Im Ton moderat, inhaltlich unverändert: Donald Trump im Kongress.

(Foto: AP)

Seit Wochen attackiert US-Präsident Trump die Medien und sorgt mit spektakulär falschen Behauptungen für Schlagzeilen. Im Kongress präsentiert er sich ganz anders, geradezu präsidial. Ist das der neue Trump?

Donald Trump ist nicht gerade dafür bekannt, ein begnadeter Redner zu sein. Meist dauert es nicht lange, bis er vom Thema abschweift, über seinen sensationellen Wahlsieg, die unglaublichen Menschenmassen bei seiner Inauguration oder die verlogenen Medien spricht.

Das ist der Grund, warum diese Rede mit Spannung erwartet wurde. Trump spricht vor den beiden Kammern des Kongresses, wie neue Präsidenten es traditionsgemäß in den ersten Wochen ihrer Amtszeit tun. Dieser Auftritt ist das Gegenteil einer Wahlkampfrede. Niemand skandiert "Baut die Mauer!" oder "Sperrt sie ein!".

Und wie so häufig überrascht Trump sein Publikum. Natürlich benutzt er einen Teleprompter und er hält sich sogar weitestgehend an sein Manuskript. Aber das hatte er auch bei seiner Inaugurationsrede getan. Trotzdem war diese Rede radikal geraten, polarisierend und düster.

Heute schlägt Trump nicht den apokalyptischen Tonfall an, mit dem er sein politisches Dasein üblicherweise rechtfertigt. Er spricht zwar wiederum ausführlich darüber, was alles schlecht läuft in den USA. Aber er legt den Schwerpunkt nicht auf die Beschreibung des Zustands, sondern auf einen Blick in die Zukunft. Trump ruft sogar Demokraten und Republikaner auf, zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. Das ist zwar letztlich nur eine rhetorische Figur, die von US-Präsidenten immer erwartet wird. Aber aus Trumps Mund klingt es doch ungewohnt.

"Ich bin heute Abend hier, um eine Botschaft auszusenden von Einigkeit und Stärke", sagt Trump zu Beginn seiner Rede." Eine gute Stunde später, gegen Ende seines Vortrags, greift er dieses Signal noch einmal auf. "Die Zeit für kleinliches Denken ist vorbei. Die Zeit für banale Kämpfe liegt hinter uns", sagt er. "Von jetzt an wird Amerika von unseren Hoffnungen angetrieben und nicht von unseren Ängsten erdrückt, von der Zukunft inspiriert und nicht von den Fehlern der Vergangenheit gefesselt, und von unseren Visionen geleitet und nicht von unseren Zweifeln verblendet." Solche Sätze klingen schon fast nach Trumps Vorgänger Barack Obama.

Aber Trump bleibt doch Trump. Die Beschreibung seines Wahlsiegs dürften die Demokraten kaum als Einladung zur Zusammenarbeit verstanden haben. "Der Aufstand begann als stiller Protest", der dann "zu einem lauten Chor" wurde, sagt Trump. "Schließlich wurde aus dem Chor ein Erdbeben, und Millionen von Leuten kamen, alle vereint durch eine sehr einfache, aber zentrale Forderung, dass Amerika seine eigenen Bürger an die erste Stelle setzen muss, weil wir Amerika nur dann wirklich wieder groß machen können." Diese Sätze klingen nach der nationalistischen Ideologie von Trumps Chefstrategen Steve Bannon.

Als er über Obamacare spricht, jubeln die Republikaner

Und auch wenn diese Rede nicht so düster ist wie die am Tag seiner Amtseinführung: Die Gegenwart ist für Trump noch immer ein Jammertal. "Wir erleben die schlechteste Erholung der Finanzen seit 65 Jahren", sagt er. Und unterschlägt, dass die USA den schlimmsten Einbruch seit der Weltwirtschaftskrise zu verkraften hatten. Ausführlich spricht er darüber, dass er Obamacare, die Gesundheitsreform seines Amtsvorgängers, abschaffen und ersetzen werde. Details präsentiert er nicht, aber er signalisiert, dass er sich an den Vorstellungen der Republikaner im Repräsentantenhaus orientieren will. Für die Demokraten ist das eine Kriegserklärung - für die Republikaner ist es Grund zum Jubeln, was sie auch ausführlich tun.

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Carryn Owens saß im Publikum neben Trumps Tochter Ivanka.

(Foto: REUTERS)

Während der gesamten Rede wirkt Trump angespannt, er lächelt kaum, scheint gelegentlich einen trockenen Mund zu haben. Der stärkste emotionale Moment für US-amerikanische Zuschauer ist zweifellos, als er Carryn Owens begrüßt, die Witwe des US-Soldaten Ryan Owens, der bei einem Einsatz im Jemen ums Leben gekommen ist. Er habe gerade mit Verteidigungsminister James Mattis gesprochen, sagt Trump, und der habe ihm bestätigt, "dass Ryan Teil einer hochgradig erfolgreichen Aktion war, bei der eine große Anzahl von Geheimdienstinformationen gesammelt wurde, die zu vielen weiteren Siegen in der Zukunft gegen unsere Feinde führen werden". Während Trump spricht, zeigen die Kameras immer wieder die um Fassung ringende, weinende Witwe. Von den Abgeordneten und Senatoren erhält sie langen Beifall und stehende Ovationen.

Owens war der erste US-Soldat, der nach Trumps Amtsantritt ums Leben kam. Das Weiße Haus hat den Einsatz, bei dem Owens getötet wurden, als "Erfolg" bezeichnet - eine Formulierung, die auch von republikanischen Politikern kritisiert wurde. Owens Vater fordert, dass der Einsatz untersucht wird, und weigerte sich, Trump zu treffen. Vor diesem Hintergrund ist die Anwesenheit von Carryn Owens für den Präsidenten ein geradezu genialer PR-Coup. "Ryan gab sein Leben für seine Freunde, sein Land und unsere Freiheit", sagt Trump. "Wir werden ihn nie vergessen."

"Radikaler. Islamischer. Terrorismus."

Wie in jeder Wahlkampfrede kündigt Trump auch jetzt den Bau einer "großartigen Mauer entlang unserer südlichen Grenze" an. Die USA würden zudem Maßnahmen treffen, um sich vor "radikalem islamischem Terrorismus" zu schützen - gemeint ist ein zweiter Anlauf, um die Einreise von Bürgern aus bestimmten Ländern zumindest befristet zu verhindern.

Diese drei Wörter scheinen Trump extrem wichtig zu sein. Er betont jedes einzelne von ihnen: "Radikaler. Islamischer. Terrorismus." Kurz zuvor hatte CNN berichtet, Trumps neuer Sicherheitsberater H. R. McMaster habe ihm geraten, diese Wörter künftig nicht mehr zu verwenden, weil er damit muslimische Verbündete verprelle, auf die er im Kampf gegen islamistischen Terrorismus angewiesen sei. Angeblich will Trump diesem Rat künftig Folge leisten - nur heute noch nicht.

Die Außenpolitik streift Trump nur kurz. Er bekennt sich zur Nato und brüstet sich damit, dass die Verbündeten seiner Forderung nach stärkerem finanziellen Engagement schon entsprechen würden. "Ich kann Ihnen sagen, das Geld strömt nur so herein", fügt er, von seinem Manuskript abweichend, hinzu. Dagegen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel erst kürzlich wieder betont, dass die geplante Erhöhung der Militärausgaben auf den Nato-Gipfel von Wales im Jahr 2014 zurückgeht.

Insgesamt steht diese Rede in drastischem Kontrast zu anderen Auftritten des Präsidenten oder zu seinen Tweets, mit denen er immer wieder die Medien attackiert, um von Berichten abzulenken, die ihm nicht gefallen. Einer CNN-Umfrage zufolge sagten sieben von zehn US-Bürgern, die den Auftritt verfolgten, die von Trump angekündigte Politik werde das Land in die richtige Richtung bewegen. Schon häufig sind gemäßigte Auftritte von Trump als Anfang eines neuen, "präsidialen" Auftretens gewertet worden. Es ist natürlich möglich, dass es dieses Mal so ist. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Journalist Dave Wasserman Recht hat. Er schreibt, in Zukunft werde es zwei Trumps geben - den Twitter-Trump und den Teleprompter-Trump.

Quelle: ntv.de