Politik

Wieduwilts Woche "Guck mal, sieht aus wie die Nazis damals"

260475013.jpg

Bundeswehrsoldaten mit Fackeln vor dem Reichstag.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Große Zapfenstreich der Bundeswehr zum Ende des Afghanistaneinsatzes hat eine Debatte ausgelöst. Die Tradition ist über 400 Jahre alt. Doch diesmal fällt die Kritik besonders harsch aus. Das hat Gründe.

Die Aufregung um den Großen Zapfenstreich der Bundeswehr zum Ende des Afghanistaneinsatzes ist kein Zufall, sondern lässt sich recht einfach durch Medienmechanismen erklären. Bevor nun aber ein - auch noch ausgemusterter! - Kolumnist dort einsteigt, eine Anmerkung: Für Soldaten, die ihren Kopf für unser aller Gemütlichkeit hinhalten, für Afghanistanrückkehrer, für Angehörige dort verstorbener Menschen ist es schlicht infam, dass Kommentatoren nun krude Vergleiche zur Wehrmacht ziehen. 59 Soldaten sind in Afghanistan gestorben, 35 wurden im Gefecht oder durch Anschläge verletzt. Die Rückkehrer müssen damit leben, dass ihr Einsatz für viele Beobachter vergeblich war. Ich kann mich da nicht hineinversetzen, ich kann es nur respektieren.

Nun aber: Die lieben Medien und was da passiert ist.

Da ist zunächst der Zeitpunkt: Das Zeremoniell der Bundeswehr fand diesmal in einem politikjournalistischen Vakuum statt. Schuld sind die schweigsamen Zitronen (FDP und Grüne) und die SPD: Die Ampelparteien sondieren gerade so andächtig und geräuschlos vor sich hin, dass es berufliche Politikkommentatoren in den Wahnsinn treibt. FDP-General Volker Wissing sagte auf einer Pressekonferenz einmal "Freiheit" statt "Freitag", FDP-Chef Christian Lindner lächelte, was nicht recht zu seiner Rede von "schweren Stimmung" passen wollte. Sonst: Phrasen, Schmuserei. Schreiben Sie über sowas mal einen Leitartikel! Ein Reporter aus dem Ausland spottete: Man möge beten für die Journalisten, die dazu etwas Substantielles sagen sollten.

Zapfenstreich im Nachrichtenloch

Die CDU war da auch nicht hilfreicher: Sie ist gerade implodiert. Die CDU-Abrissbirne Armin Laschet hat sich zurückgezogen, irgendwie jedenfalls, in etwa so, wie Schrödingers Katze gestorben ist: so halb. Seither zuckt es hier und da in der Partei, aber allmählich ist klar, dass dieser Prozess länger dauern wird.

Würden wir nun feurige Debatten über den Solidaritätszuschlag, Grundsatzfragen der Steuergerechtigkeit oder die Höhe des Mindestlohns führen, bliebe weniger Raum für die Zeremonie am Platz der Republik. So aber: maximale Aufmerksamkeit für den Großen Zapfenstreich.

Doch das Nachrichtenloch erklärt nicht alles. Auch die Medienwelt ist nicht mehr dieselbe. Der letzte Fackelumzug im Jahr 2019 fand vor dem Bendlerblock statt, zur Verabschiedung der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Da spielte man die "Scorpions", das dämmte womöglich den militaristischen Eindruck. Auch bei ihren Amtsvorgängern tönte Popmusik. Vor dem Reichstag marschierte man dagegen zuletzt 2015, zum 60-jährigen Bestehen der Bundeswehr.

Die Empörungsschleuder ist gewachsen

Seit 2015 ist die viel gescholtene Empörungsschleuder Twitter kontinuierlich gewachsen. Die Nutzerzahlen steigen geschätzt um etwa 10 Prozent im Jahr, genau lässt sich das schwer beziffern. Zudem ist das Medium immer etablierter: Traditionsmedien binden Tweets in ihre Onlineartikel ein. Twitter ist aber längst nicht mehr nur ein Elitenmedium - wer die Plattform kennt, wird womöglich leise "leider" murmeln. Manch einer dort sieht also womöglich zum ersten Mal bewusst einen Zapfenstreich. Flugs hat jemand einen Mitschnitt in die Filmästhetik der 30er-Jahre transportiert und damit visualisiert, was viele denken: Guck mal, sieht aus wie die Nazis damals. So etwas setzt sich fort, führt zu kritischeren Artikeln in Zeitungen und Onlinemedien.

Der Vergleich ist vordergründig Unsinn, denn es handelt sich eben nicht um eine Wehrmachtstradition. Vor allem Verteidigungspolitiker und (Ex-)Soldaten standen angesichts der harschen und ungedienten Kritik umso strammer: Schnell war ein Schuldiger ausgemacht, das verdammte Internet. Twitter sei nun wirklich nicht die Realität, hieß es, man verstehe "die Leute da" nicht, anderen wurde wegen ihrer Vergleiche zur Wehrmacht komplett der Verstand abgesprochen. Die einen brüllen die anderen an, wie man es gewohnt ist.

Richtig: Es gehört zu netzgetriebenen Debatten, das alles und jedes vermischt wird. Sollte die Bundeswehr als Parlamentsarmee nicht gerade vor dem Reichstagsgebäude marschieren? Müssen es Stahlhelme sein? Und Fackeln? Dann mischt noch jemand Verdachtsfälle des Rechtsextremismus in den Empörungscocktail. Als müssten deshalb fortan alle Soldaten auf die Stube, statt sich an diesem einen Tag ehren zu lassen.

"Call of Duty" und Gags für neue Rekruten

Was wir erleben, ist also auch ein Medienphänomen. Daraus zu schließen, es würde schon wieder vergehen und man könnte weitermachen wie bisher, wäre aber falsch.

Die Bundeswehr hat seit dem Wegfall der Wehrpflicht ein Problem: Es machen nicht genügend Menschen mit. Die Bundeswehr lockt mit "Call of Duty"-Ästhetik und Gags, die man sonst vom maroden Berliner U-Bahn-Betreiber kennt: "Gas, Wasser, Schießen", sowas eben. Das ist legitim: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Wer die Wehrpflicht abschafft, muss sich Marketing anschaffen.

Dazu will aber nicht recht passen, dass die Parlamentsarmee beim Großen Zapfenstreich medienblind so tut, als gäbe es vor dem Reichstagsgebäude keine bildhaften Assoziationen zu Machtdemonstrationen der Wehrmacht - gerade bei den potenziellen Rekruten, um die sie wirbt. So infam die Wehrmachtsvergleiche für Soldaten sind, so unklar ist, warum man diese Tradition nicht modernisieren können sollte. Ist es für den Zusammenhalt der Bundeswehr nicht sogar abträglich, wenn so eine Zeremonie die falschen Assoziationen weckt?

Kommunikation lässt sich nicht mehr kanalisieren

Vergleiche mit den Armeen anderer Länder hinken. Die britische Zeremonie "Trooping the Colour" kommt deutlich anders und vor allem bunter daher. Die Briten müssen auch keinen vergleichbar großen historischen Schatten berücksichtigen. Die Deutschen bemühen sich in anderen Zusammenhängen um größtmöglichen Abstand zu Bildern und Assoziationen zum "Dritten Reich". Es ist intellektuell durchaus verständlich, dass Historiker und Militärangehörige die Augen verdrehen, wenn die Leute nicht mehr länger als 70 Jahre zurückdenken können - aber was schließt man daraus? Dass die Öffentlichkeitswirkung eines öffentlichen Zeremoniells ausschließlich durch das geschulte Auge bewertet werden sollte?

Kommunikation lässt sich nicht mehr kanalisieren wie früher, alles passiert stets in der Gesamtöffentlichkeit und gleichzeitig. Fernsehkommentatoren und Zeitungskolumnisten mögen den Großen Zapfenstreich einordnen und historisch korrekt bewerten - doch dann sind die Live-Bilder schon längst durch den Empöromat sozialer Medien gelaufen. Viele sehen nur die Bilder, erleben aber nicht die Feierlichkeit vor Ort. Man kann diese Mediengegenwart verfluchen, aber davon geht sie nicht weg. Das bedeutet nicht, dass kein Raum mehr für Traditionen verbleibt - doch man wird sie anpassen müssen.

Anerkennung statt Preußen

Es hilft nichts: Der nächste Zapfenstreich kommt bestimmt. Vor der neuen Öffentlichkeit der 2020er Jahre kann niemand fliehen. Nicht unterm Stahlhelm und nicht im Schützenpanzer Puma. Je zügiger die Bundeswehr und ihr wohlgesonnene Politiker das akzeptieren, desto schneller bekommen die Soldatinnen und Soldaten das, was ihnen gebührt: Anerkennung ohne Misstöne. Darum sollte es gehen. Und weniger um Preußen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.