Politik
Gabor Steingart wurde unter anderem 2004 "Wirtschaftsjournalist des Jahres".
Gabor Steingart wurde unter anderem 2004 "Wirtschaftsjournalist des Jahres".(Foto: dpa)
Freitag, 09. Februar 2018

Rauswurf von Gabor Steingart: "Handelsblatt"-Mitarbeiter sind entsetzt

"Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart muss überraschend gehen. Grund soll ein kritischer Text über den Noch-SPD-Parteichef Schulz gewesen sein. Die Führungskräfte im Verlagshaus glauben, dass die Entlassung die Quittung für Steingarts Meinung ist.

Chefredakteure und Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt stellen sich offenbar hinter den abberufenen Herausgeber und Geschäftsführer Gabor Steingart. Darüber berichten mehrere Medien. Der 55-Jährige verlässt nach seiner scharfen Kritik an Noch-SPD-Parteichef Martin Schulz die Wirtschaftszeitung. "Handelsblatt"-Verleger Dieter von Holtzbrinck hatte sich mit dem 55-Jährigen darauf verständigt, die "berufliche Partnerschaft" zu beenden, hieß es.

In einer Mitteilung spricht der Verlag von "Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" und einer "unterschiedlichen Beurteilung journalistischer Standards" in einem Einzelfall. Eine "andere Form der Zusammenarbeit" schließen Steingart und das Medienhaus nicht aus.

Steingart hatte in seinem täglichen und meinungsstarken Newsletter "Morning Briefing" am Mittwochmorgen die Personalpolitik an der Spitze der SPD missbilligt. Unter der Überschrift "Der perfekte Mord" hatte er geschrieben, Schulz wolle den scheidenden Außenminister Sigmar Gabriel "zur Strecke bringen", um selbst Außenminister zu werden.

Die führenden Mitarbeiter der Verlagsgruppe schrieben in einem Brief an Verleger Dieter von Holtzbrinck, dass sie "schockiert und fassungslos" über Steingarts Rückzug seien. Sie sehen den Rauswurf als Eingriff in die Pressefreiheit. Der Brief ist unter anderem von "Handelsblatt"-Chefredakteur Sven Afhüppe, "Wirtschaftswoche"-Chef Beat Balzli und "Wirtschaftswoche"-Herausgeberin Miriam Meckel unterschrieben.

Steingart hatte viele Freiheiten

Holtzbrinck hatte den damaligen Chefredakteur Steingart 2013 unter anderem zum Miteigner der Handelsblatt-Gruppe gemacht, die zur Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH gehört. Vor allem bei der Gestaltung des "Handelsblatts" und seiner zunehmend digitalen Ausrichtung hatte der gebürtige Berliner bis zuletzt große Freiheit erhalten und die Zeitung auf die Erfolgsspur gebracht. Steingart war Herausgeber, Geschäftsführer und Miteigentümer der Handelsblatt Media Group, er hat außerdem mehr als ein halbes Dutzend Bücher geschrieben. Nach "Deutschland - der Abstieg eines Superstars" 2004 wurde er zum "Wirtschaftsjournalist des Jahres" gewählt.

Von Holtzbrinck würdigte ihn in der Mitteilung als "Multitalent". Er habe das "Handelsblatt" und auch die Gruppe auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert. "Dabei hat sich der preisgekrönte und breit gebildete Publizist als äußerst kreativer und dynamischer Unternehmensstratege gezeigt, als mutiger und charismatischer Führer."

Steingart lobte, von Holtzbrinck sei "ein wunderbarer Mensch und erfahrener Verleger, dessen Geduld ich über so viele Jahre nicht nur strapaziert, sondern oft genug auch überstrapaziert habe". Ein "Morning Briefing" des "Handelsblattes" soll weiter wie gewohnt erscheinen. Steingart behält als Eigentümer allerdings sein eigenes "Briefing", das nach seinen Angaben mittlerweile rund 700.000 Abonnenten zählt.

Der Journalist war 2010 vom "Spiegel" zu dem Düsseldorfer Blatt gewechselt. Beim Hamburger Nachrichtenmagazin war er bereits mit 32 Jahren Leiter des Wirtschaftsressorts und sechs Jahre später Leiter des Berliner Hauptstadtbüros, außerdem Büroleiter des "Spiegel" in Washington.

Quelle: n-tv.de