Politik

Vorwürfe gegen Bistum Münster Historiker gehen von 6000 Missbrauchsopfern aus

96149306.jpg

In den 60er und 70er Jahren soll es im Bistum Münster im Durchschnitt zwei Missbrauchstaten durch Priester pro Woche gegeben haben, ermittelten die Historiker.

(Foto: picture alliance / ZB)

2018 identifiziert eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz 450 Missbrauchsopfer im Bistum Münster. Historiker ermitteln nun jedoch über 150 weitere Betroffene. Das sei aber nur das Hellfeld - insgesamt müsse man von "etwa 5000 bis 6000" Opfern ausgehen, erklärt eine Wissenschaftlerin.

Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs im katholischen Bistum Münster ist einer unabhängigen Studie zufolge deutlich größer als bisher bekannt. Aus den Akten des Bistums ergebe sich eine Zahl von 610 Missbrauchsopfern und damit mehr als ein Drittel mehr, als in der 2018 präsentierten MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz erfasst wurden, teilten die Wissenschaftler der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) mit. In der MGH-Studie hieß es, man habe 450 Betroffene identifizieren können.

Die an der Studie beteiligte Historikerin Natalie Powroznik sagte, die 610 Opfer seien nur das Hellfeld, das sich aus den Akten ergebe. Aus vergleichbaren Fällen sei von einem Dunkelfeld auszugehen, das acht- bis zehnmal so groß sei. Es gebe also "etwa 5000 bis 6000 betroffene Mädchen und Jungen" im Bistum Münster.

An den 610 namentlich bekannten Opfern seien mindestens 5700 Einzeltaten sexuellen Missbrauchs verübt worden. In der Hauptphase der Taten - die 60er und 70er Jahre - habe es in den Gemeinden des Bistums Münster im Durchschnitt zwei Missbrauchstaten durch Priester pro Woche gegeben. Drei Viertel der Opfer seien Jungen, ein Viertel Mädchen, der Großteil zwischen zehn und 14 Jahre alt.

Priester deuteten Missbrauch als "gottgefällige" Handlung

Die Studienmacher berichteten von zum großen Teil massiven Missbrauchstaten mit erheblichen psychischen Folgen für die Opfer bis hin zu Depressionen und Suizidgedanken. Bei 27 der namentlich bekannten Missbrauchsopfer im Bistum Münster seien Hinweise auf Suizidversuche gefunden worden. Powroznik sagte, immer wieder hätten Priester den Missbrauch zu einer "gottgefälligen" Handlung umgedeutet.

Hilfe bei sexuellem Missbrauch

Betroffene oder Menschen, die einen Missbrauch vermuten, können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch wenden: 0800-22 55 530. Weitere Infos zu Beratungs- und Hilfeangeboten vor Ort gibt es unter: www.hilfeportal-missbrauch.de

Der Münsteraner Bischof Felix Genn will sich am kommenden Freitag zu der Studie äußern. Die Studienmacher warfen dem seit 2009 in Münster als Bischof tätigen Genn Versäumnisse vor. Wenn ein Missbrauchstäter Reue gezeigt habe, sei Genn kirchenrechtlich nicht immer konsequent vorgegangen.

Erst in jüngerer Zeit werde in Münster konsequent vorgegangen. Massive Vorwürfe machten die Forscher dem verstorbenen Bischof Reinhard Lettmann, der immer wieder auch als pädophil bekannte Priester in der Seelsorge eingesetzt habe.

Quelle: ntv.de, mbu/AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen