Zweifel an Notwehr-BegründungICE schoss seit September mindestens neunmal auf Autofahrer

Nachdem ein ICE-Agent eine Frau erschießt, brodelt es in den USA. Der Fall ist schockierend, aber nicht der erste seiner Art. Die "New York Times" berichtet von neun weiteren Fällen seit September, in denen ICE-Mitarbeiter auf Menschen in Fahrzeugen schossen. Angeführt wurde jedes Mal Selbstverteidigung.
In den vergangenen Monaten haben Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE mindestens neunmal auf Menschen geschossen. Das berichtet die "New York Times" (NYT). In allen Fällen wurde dabei wie im Falle der am Mittwoch erschossenen Frau in Minnesota auf Menschen in Autos geschossen. Der Zeitung zufolge sei in jedem Fall Notwehr als Grund für die Schüsse angeführt worden. Die Agenten sollen demnach befürchtet haben, von den Fahrzeugen erfasst zu werden.
Neben dem aktuellen Fall in Minneapolis starb mindestens eine weitere Person bei einem solchen Einsatz. Der mexikanische Immigrant habe im September bei einer Fahrzeugkontrolle einen ICE-Mitarbeiter mitgeschleift, hieß es damals vom US-Heimatschutzministerium. Eine Videoanalyse der "NYT" warf Zweifel an dieser Begründung auf. In dem Video sei nicht zu sehen, dass der Mann einen der Beamten mit seinem Auto angefahren habe. Im Nachhinein habe einer der Beamten gesagt, seine Verletzungen seien "nichts Ernstes".
Ähnlich verhält es sich auch bei dem Fall in Minneapolis, der derzeit Wellen schlägt. Laut US-Präsident Donald Trump habe sich die erschossene Frau "sehr ordnungswidrig" verhalten, die Schüsse seien "Selbstverteidigung" gewesen. Aufnahmen zeigen allerdings, dass die Frau den ICE-Mitarbeiter nicht überfahren hat. Er zieht die Waffe in dem Moment, als das Auto anfährt. Das Fahrzeug rollt dann nach rechts, an dem schießenden Agenten vorbei. Den letzten Schuss gibt er ab, als das Auto bereits an ihm vorbeigefahren ist. Jacob Frey, Bürgermeister von Minneapolis, nannte die offizielle Begründung für die Schüsse "Bullshit".
Im Oktober wurde auch ein in Los Angeles lebender Mexikaner bei einer Verkehrskontrolle angeschossen. Bundesbeamte gaben an, der Mann habe versucht, die Beamten bei seiner Flucht zu rammen, woraufhin Agenten der Heimatschutzbehörde Schüsse abgaben und den Mann am Ellbogen trafen.
Einige Tage später wurde ein US-Bürger in der Nähe einer Bushaltestelle in einem Vorort östlich von Los Angeles von einem Einwanderungsbeamten in die Schulter geschossen. Die Anwälte des Mannes sagten, er habe die Bundesbeamten gebeten, sich aus dem Bereich zu entfernen, in dem sich bald Schulkinder versammeln würden. Später, als er wegfahren wollte, sei er angeschossen worden. Entgegen dieser Darstellung warf die Bundesstaatsanwaltschaft dem Mann vor, auf einen Beamten zugerast zu sein.
Neben diesen Fällen, die die "New York Times" anführt, könnte es auch noch eine Dunkelziffer geben. Die Nonprofit-Nachrichtenseite "The Trace", die sich auf Waffengewalt spezialisiert hat, schreibt von insgesamt 28 Fällen, in denen "Bundesbeamte im Rahmen von Trumps verschärften Einwanderungskontrollen jemanden erschießen oder mit Waffengewalt festhalten". 14 Schießereien habe es gegeben.
Dazu gehören laut Bericht auch Schüsse auf drei Personen, die ICE-Razzien beobachteten oder dokumentierten. Außerdem habe es Ende September eine Razzia in einem Wohnhaus in Chicago gegeben, bei der "halb schlafende Bewohner und ihre Kinder" mit Waffen bedroht worden sein sollen. Insgesamt wurden laut "The Trace" mindestens vier Menschen bei ICE-Razzien während Trumps Amtszeit getötet. Fünf weitere wurden demnach verletzt.