Politik

Brexit-Leidtragende im Ausland "Ich schäme mich für Großbritannien"

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Die Sorge der Briten vor den Folgen des Brexits wächst im In- und Ausland.

(Foto: picture alliance/dpa)

1300 Tage dauerte die Hängepartie. Am Freitag ist es nun soweit: Das Vereinigte Königreich tritt aus der Europäischen Union aus. Betroffen sind davon auch rund 100.000 Briten in Deutschland.

Den Brexit hat Stephen John Davies schon vor dem eigentlichen Austritt zu spüren bekommen. Der 48-Jährige ist Schauspieler und arbeitet zurzeit am English Theatre in Frankfurt. Während eines Auftritts verletzt er sich und muss ins Krankenhaus. Doch dort wird seine europäische Versichertenkarte, die für alle Staatsangehörige von EU-Ländern gilt, plötzlich nicht mehr akzeptiert. Das Krankenhaus hatte eine Anweisung bekommen, diese ab Ende Oktober 2019, als die Briten eigentlich die EU verlassen wollten, nicht mehr anzuerkennen. "Sie haben mir nicht erlaubt, einen Arzt zu sehen, ohne die Behandlung vorher selbst zu bezahlen", sagt Davies. Das Theater muss schließlich einspringen und die Kosten übernehmen.

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Der Brite Stephen John Davies tritt zurzeit als Schauspieler am English Theatre in Frankfurt auf.

(Foto: RTL Mediengruppe)

"Dass Großbritannien Teil der EU war, war fantastisch!", sagt der Schauspieler. "Wir hatten 27 andere Länder, in die wir frei reisen konnten. Wir konnten arbeiten und leben wo wir wollten." Über den Austritt sei er traurig. "Ich fühle mich europäisch und jetzt müssen wir das alles aufgeben." Ob und wie er zukünftig in anderen europäischen Ländern arbeiten darf, wisse er noch nicht.

Raus aus der EU - nach 47 Jahren

Am Freitag endet die 47-jährige Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union - wirklich warm wurden die Briten mit dem Projekt Europa nie. An den Brexit schließt sich bis Ende 2020 eine Übergangsphase an, in der die EU mit Großbritannien einen Vertrag über künftige Beziehungen aushandeln will. Für die Briten in Deutschland ändert sich zunächst praktisch nichts an ihrer Aufenthaltsgenehmigung. Trotzdem werden sie ab diesem Zeitpunkt keine EU-Bürger mehr sein, sondern Angehörige eines Drittstaates wie etwa Algerier oder Kanadier. Unklar ist, was am 1. Januar 2021 passiert. Zwar könnte die britische Regierung beantragen, die Übergangsfrist bis maximal Ende 2022 zu verlängern, Premierminister Boris Johnson hat dies allerdings stets abgelehnt.

Für die in Deutschland lebenden Briten heißt das schon jetzt: Sie müssen sich um einen Aufenthaltstitel kümmern. Dafür gewährt das Bundesinnenministerium den Betroffenen eine Frist bis zum Ende des Jahres. Das stellt auch Callum Houston vor Probleme. Der 29-Jährige arbeitet für einen Carsharinganbieter in Frankfurt. Ursprünglich kommt er aus London. Das Brexit-Referendum sei für ihn niederschmetternd gewesen. Danach habe er sich entschieden, in Frankfurt zu arbeiten. "Ich wollte meinen Kopf in den Sand stecken, um das alles nicht mitbekommen zu müssen", sagt Houston.

Anders als viele ältere Briten fühle sich die jüngere Generation eher europäisch als britisch. Zwar sei noch völlig unklar, welche Folgen der Brexit für britische Bürger habe. "Großbritannien spielt aber immer noch eine wichtige Rolle in Europa. Es würde keinen Sinn ergeben, uns alle Rechte zu entziehen", sagt Houston. Dank seines unbefristeten Arbeitsvertrags mache er sich allerdings wenig Sorgen für seine Zukunft.

"Deutschland ist meine Heimat"

Wer acht Jahre oder länger in Deutschland lebt, kann sich einbürgern lassen. Vor dem Brexit-Referendum waren es rund 500 Briten pro Jahr. Allein in den zwei Jahren danach haben rund 17.000 Briten die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Diesen Schritt ist auch Tristan Edwards gegangen. Der 38-Jährige lebt seit 14 Jahren in Deutschland und arbeitet als Ingenieur in Darmstadt. Einen deutschen Pass wollte er sowieso irgendwann beantragen. Nach dem Brexit hatte er es dann eilig. Für die Einbürgerung musste er nachweisen, dass er lang genug in Deutschland lebt und über entsprechende Deutschkenntnisse sowie finanzielle Mittel verfügt. "Das war aber relativ einfach. Der Test war fair und die Beamten sehr nett," so Edwards.

*Datenschutz

"Ich fühle mich teilweise deutsch. Deutschland ist meine Heimat." EU-Bürger zu bleiben, sei ihm wichtiger, als Brite zu sein. Die Diskussion um den Brexit habe seine Familie gespalten - sein Vater sei dagegen, sein Onkel dafür, erzählt Edwards. "Das sorgt für Streit und viele Probleme." Den Tag nach dem Referendum werde er ewig in Erinnerung behalten. "Ich schäme mich für Großbritannien, ich schäme mich für dieses blöde Wahlergebnis.", sagt er. Die ganze Situation sei frustrierend, aber "life must go on!"

Quelle: ntv.de