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15 Mal billiger als München In Tirschenreuth lebt's sich am günstigsten

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Hier lässt es sich gut leben: Tirschenreuth.

(Foto: Katrin Müller)

Während in den großen deutschen Städten die Lebenshaltungskosten unerbittlich steigen, lässt es sich am äußersten Rand der schon rändlich gelegenen Oberpfalz noch gut und günstig leben. Woher nehmen die Tirschenreuther ihr Wirtschaftswunder?

Ein Euro ist ein Euro, einfacher kann eine Rechnung doch nun wirklich nicht sein. Außer, dass sie nicht aufgeht: Wer in Berlin-Marzahn lebt, bekommt im Schnitt mehr für sein Geld als ein Berlin-Mitte-Hipster. Und der Hipster kann mit seinem Euro immer noch deutlich mehr anfangen als die Schickeria in München. In der teuersten deutschen Stadt zählt ein Euro umgerechnet lediglich 60 Cent, fand das Institut der deutschen Wirtschaft vor wenigen Jahren heraus - ohne zu verschweigen, wo es sich am günstigsten lebt: im oberpfälzischen Tirschenreuth. Stolze 1,40 Euro ist der Euro hier wert, nirgendwo bekommt ein Arbeitnehmer so viel für seinen Lohn wie hier.

Reportageserie Mittelstädte

Rund 70 Prozent der Deutschen leben in Städten oder Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern, überregionale Nachrichten kommen aber traditionell fast ausschließlich aus den Großstädten. Doch auch andernorts finden Dinge statt, die uns alle etwas angehen. Deshalb besucht n-tv.de unabhängig vom Tagesgeschehen jeden Monat eine deutsche Mittel- oder Kleinstadt und berichtet über die Dinge, die die Region am stärksten beschäftigen.

Um Tirschenreuth zu erreichen, muss man einmal bis zum äußersten Rand der Randregion Oberpfalz fahren. Hier, in unmittelbarer Nähe zur tschechischen Grenze, liegt die 8700 Einwohner fassende Kreisstadt, in der ein halber Liter Bier im Schnitt 2,20 Euro kostet. Subventionierter Alkohol, um die Kleinstadt-Tristesse wegzusaufen? Mitnichten, in Tirschenreuth ist von der Verzweiflung, die in abgehängten Städten und Regionen sonst unterschwellig mitschwingt, nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil: Auf dem hübsch sanierten Maximilianplatz im Herzen der Stadt wuseln die Einheimischen vergnügt umher oder schauen sich das rege Treiben entspannt bei einer Tasse Kaffee an.

"Günstig ist Tirschenreuth nicht nur aus monetärer Sicht, für mich bedeutet es das große Ganze", sagt Franz Stahl mit Stolz in der Stimme. Den sportlichen Endfünfziger würde man mit seinem perfekt sitzenden Anzug, der modischen Kastenbrille und dem stromlinienförmigen Kurzhaarschnitt zwar eher in der Vorstandsetage eines Aktienkonzerns verorten, seine Bestimmung hat Stahl aber als Tirschenreuther Bürgermeister gefunden. Bereits seit 2002 leitet der CSU-Politiker, bei dem man versteht, wofür das S in CSU ursprünglich mal stand, die Geschicke der Kleinstadt. Und auch nach 16 Jahren im Amt hat der Mann immer noch sichtlich Spaß an seinem Job.

Traumhafte Quadratmeterpreise

"Tirschenreuth mit München zu vergleichen wäre vermessen - in beide Richtungen", antwortet Stahl auf die Frage, warum die Menschen nicht in Scharen in die Oberpfalz ziehen, wo doch der Lebensunterhalt hier so viel günstiger als in der Landeshauptstadt ist. "Das Lebensumfeld ist in Tirschenreuth ein ganz anderes, das muss man wollen. Neben einer Stadt mit so viel Strahlkraft wie München neigt man dazu, die Vorzüge Tirschenreuths zu übersehen. Aber wer sie einmal entdeckt hat, will sie in der Regel nicht mehr missen", sagt Stahl und beginnt mit der Aufzählung.

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2,20 Euro für ein Bier? Na klar, in Tirschenreuth.

(Foto: Katrin Müller)

Grundschule, Mittelschule, Gymnasium, Kino, Freibad, Krankenhaus, und, und, und: Folgt man dem Narrativ des Bürgermeisters hat Tirschenreuth alle Institutionen, die man von einer Stadt erwartet, kombiniert mit der Ruhe und Intimität, die das Leben auf dem Land verspricht. Ein unschlagbares Alleinstellungsmerkmal ist aber natürlich die Preisstruktur Tirschenreuths: Gerade einmal fünf Euro pro Quadratmeter beträgt die Durchschnittsmiete in der Kreisstadt. In München legt man dafür stolze 17,66 Euro auf den Tisch, in Berlin immerhin noch 11,97 Euro.

Noch deutlicher wird das Gefälle, wenn man sich die Immobilienpreise anschaut: Wer in München ein Einfamilienhaus erwerben will, zahlt dafür im Schnitt 1,5 Millionen Euro. Bei vergleichbarer Größe und Ausstattung wären es in Tirschenreuth gerade einmal 105.000 Euro. Und auch im täglichen Leben macht sich der Unterschied drastisch bemerkbar. Ein Vollzeitkindergartenplatz schlägt in der Oberpfalz mit gerade einmal 80 Euro zu Buche, im nur 130 Kilometer entfernten Nürnberg müssen Eltern dafür gut das Doppelte bezahlen. Die Liste ließe sich quasi beliebig lange fortsetzen, der Grundtenor ist allerdings auch so klar zu erkennen: In Tirschenreuth lebt es sich gut und günstig. Aber warum ist das eigentlich so?

"Haben mehr Zu- als Wegzug"

"Wir haben die Bedürfnisse der Menschen gehört und darauf reagiert", sagt Stahl. Schon 2004 stellte der Bürgermeister ein Stadtentwicklungskonzept vor, das den demografischen Wandel, die Landflucht und die damit einhergehende Verödung Tirschenreuths stoppen sollte. "Die Innenstadt muss leben", bricht Stahl die zentralen Punkte seines Konzepts herunter. Anstatt im Fahrwasser des neoliberalen Zeitgeistes immer mehr städtisches Eigentum zu privatisieren, steckte der Bürgermeister rund 113 Millionen Euro in die Entwicklung der Infrastruktur.

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Der Autor des "bayerischen Wörterbuchs", Johann Andreas Schmeller, ist gebürtiger Tirschenreuther.

(Foto: Katrin Müller)

"Wir haben mehr Zu- als Wegzug", freut sich Stahl. Für ein ländliches Gebiet ist das ein enormer Erfolg, auch wenn immer noch deutlich mehr Einwohner sterben als geboren werden und die Einwohnerzahl trotz aller Anstrengungen bis zum Jahr 2025 auf 8300 schrumpfen könnte.

Trotz leicht negativer Bevölkerungsstatistik blickt Tirschenreuth einer, wenn schon nicht strahlenden, dann doch wenigstens schimmernden Zukunft entgegen: "Wir haben in den vergangenen zehn Jahren 1000 Arbeitsplätze dazugewonnen, die Arbeitslosigkeit liegt bei 2,9 Prozent", sagt Stahl. Das ist nach allen gängigen ökonomischen Modellen quasi gleichbedeutend mit Vollbeschäftigung und hat vor allem mit vorausschauenden Entscheidungen in der Vergangenheit zu tun: Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Region wie so viele andere in Deutschland eine Monoindustriekultur. Der Name "Porzellanstraße" an der nahen Bundesstraße erinnert heute noch daran.

"Der Ferrari unter den Straßenwalzen"

Als nach dem Fall der Sowjetunion klar wurde, dass sich am geographischen Mittelpunkt Europas so einiges ändern würde, "haben wir ganz bewusst Nischen gesucht und besetzt", sagt der Bürgermeister. "Nach einer Öffnung des Marktes haben wir jetzt Autozulieferer und Tuchbetriebe vor Ort, die unsere wirtschaftliche Zukunft sichern." Am wichtigsten ist und bleibt aber weiterhin: "Wir haben den größten Straßenwalzenproduzenten der Welt in Tirschenreuth: Hamm, den Ferrari unter den Straßenwalzen. Es kommt immer wieder vor, dass Bürger unserer Stadt mir Bilder aus dem Urlaub in Malaysia oder von sonstwoher schicken, mit einer Straßenwalze aus unserer Stadt mitten im Dschungel."

Über 90 Prozent der Tirschenreuther bewerteten bei der letzten Befragung im Jahr 2014 die Entwicklung ihrer Stadt als positiv. Und obwohl sich dank des erfolgreichen Stadtkonzepts und der besonderen Förderung junger Familien die Alterspyramide momentan verjüngt, fühlen sich auch viele ältere Tirschenreuther mitgenommen.

Den Löwenanteil daran haben Konzepte wie das Baxi: Die Mischform aus Bus und Taxi soll noch in diesem Jahr in Tirschenreuth starten und die Bewohner der Stadt an insgesamt 99 Haltestellen nach Bedarf abholen - für jeweils 1,40 Euro pro Fahrt ein unschlagbarer Preis. Und da 1,40 Euro in Tirschenreuth bekanntlich nur einen Euro ausmachen, darf man in Tirschenreuth in naher Zukunft so günstig Taxi fahren wie sonst wohl nirgendwo in Deutschland. Na, das lohnt sich doch.

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Quelle: n-tv.de

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