Politik

Inzidenz schon wieder bei 60 Indien rast dem Ende der Welle entgegen

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Zum ersten Mal seit zwei Monaten wurden in Indien weniger als 100.000 Neuinfektionen gemeldet.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Noch vor wenigen Wochen stand das Gesundheitssystem in Indien kurz vorm Zusammenbruch. Die Zahl der Coronafälle stieg rasant. Jetzt verlangsamt sich das Infektionsgeschehen im Land fast genauso schnell wieder - und das ohne fortgeschrittene Impfkampagne.

Kaum ein Land wurde von der Corona-Pandemie härter getroffen als Indien. Verheerende Bilder von überfüllten Intensivstationen und überlasteten Bestattungseinrichtungen machten weltweit Schlagzeilen. Nun flacht die Infektionskurve auch in Indien ab - und das in rasantem Tempo. Zum ersten Mal seit zwei Monaten wurden am Dienstag wieder weniger als 100.000 Neuinfektionen gemeldet - ein Viertel von dem, was noch vor wenigen Wochen registriert wurde.

Vor allem in Neu-Delhi grassierte in der zweiten Welle das Virus. "Hier gibt es sehr konzentrierte Ausbrüche, die nicht gleichmäßig verteilt sind", sagte der indische Journalist Naresh Fernandes im Interview mit ntv.de. Nun liegt die Inzidenz in der indischen Hauptstadt bei 26. Zum Vergleich: Berlin kommt derzeit auf einen Wert von 24.

In anderen Teilen ist die Lager weiter ernst - vor allem im Süden, wo die Inzidenz teilweise noch bei 363 liegt - wie in der Provinz Karnataka. Doch der Wert für das gesamte Land ist auf nur noch 60 gefallen. Was hat sich also in so kurzer Zeit getan?

Falsche Zahlen?

Schon in der Mitte der zweiten Welle gab es einen starken Verdacht, dass die Zahlen nicht glaubwürdig waren: "Ich würde mich nicht nach den Zahlen der Regierung richten", sagte Journalist Arunabh Saikia aus der indischen Stadt Guwahti. "Die offiziellen Zahlen geben kein genaues Bild davon, wie verzweifelt die Situation ist."

Auch heute noch vermuten viele, dass die Zahlen nicht ganz stimmen. K. Srinath Reddy von der Public Health Foundation of India äußerte diesen Verdacht zuletzt in einem Interview mit der indischen Zeitung scroll.in. Er sagte aber auch, dass der Abwärtstrend sehr wohl stimmen könnte: "Ich denke, die Richtung der Infektionsrate ist einigermaßen sicher."

Ein wesentlicher Grund für diese Gewissheit ist die sinkende Positivrate bei den Tests. Zum Höhepunkt der zweiten Welle Mitte Mai lag sie in Indien bei rund 22 Prozent - das heißt, von 100 durchgeführten Tests waren 22 positiv. Zum Vergleich: In Deutschland lag der Spitzenwert bei nicht einmal 13 Prozent. Nun liegt die Positivrate in Indien bei etwa 3,5 Prozent. Das deutet auf einen echten Abwärtstrend beim Infektionsgeschehen hin.

Impferfolg?

Auch in Deutschland gab es zum Ende der dritten Welle einen massiven Rückgang der Neuinfektionen. Der Rückgang der Zahlen hierzulande scheint auch auf die Impfkampagne zurückzuführen zu sein. In Indien dagegen ist diese nicht so schnell vorangeschritten. Obwohl der indische Premierminister Narendra Modi ein Exportverbot für die im Land produzierten Impfdosen verhängt hat, ist bisher nur ein Bruchteil der Bevölkerung geimpft worden. Bislang sind etwa 3,5 Prozent der mehr als 1,3 Milliarden Einwohner zweimal gegen Corona geimpft. 14 Prozent haben immerhin die erste Dosis erhalten.

Die Impfkampagne kommt eher schleppend voran - nicht nur, weil zu Beginn sehr viel Impfstoff exportiert wurde. Zu ntv.de sagte Fernandes Ende April: "Erst neulich prahlte ein Minister damit, dass Indien mehr Impfstoffe exportiert hat, als es seiner Bevölkerung verabreicht hat." Hinzu kommt, dass Impfwillige selbst für die Spritze aufkommen müssen. "Ich schätze, das kostet etwa 600 Rupien", sagte Saikia. "Das ist eine Menge Geld - für Mindestlohnempfänger sind das etwa vier Tage Arbeit." Inzwischen hat Premierminister Modi diese Entscheidung zurückgenommen und zuletzt kostenlose Impfdosen für alle Erwachsenen versprochen. Doch noch reicht die Impfquote in Indien nicht aus, um einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen zu haben.

Lockdown?

Zu Beginn der dritten Welle trugen zwei Großereignisse maßgeblich zum Infektionsgeschehen bei. "Unsere Regierung erlaubte riesige religiöse Zeremonien, wie das Kumbh Mela Festival", sagte Fernandes. Tausende von Menschen reisten nach Nordindien, wo sie gemeinsam in den Fluss Ganges stiegen. Allein bei dem Festival wurden damals mehr als 1.600 Fälle festgestellt. Viele schleppten die Krankheit anschließend quer durch das Land wieder mit nach Hause.

Dazu kamen Wahlkampfveranstaltungen von Premierminister Modi, die ebenfalls zu sogenannten Super-Spreader-Events wurden. Modi habe sich "auf einer Kundgebung bei den Menschen bedankt: Er sei so glücklich, so viele Menschen zu sehen", sagte Fernandes.

Nach dem exponentiellen Anstieg der Zahlen ging das Land in den Lockdown. Bis vor kurzem herrschten noch strenge Regeln. In der Hauptstadt stand die U-Bahn still. In weiten Teilen des Landes durften Menschen nur zwischen 18 und 21 Uhr ihre Häuser verlassen - selbst Geschäfte durften nur dann öffnen.

Mehrere Bundesstaaten haben inzwischen damit begonnen, die Regeln wieder zu lockern. Lokale Medien berichten, dass die Märkte in der Hauptstadt allmählich wieder geöffnet werden dürfen. Der Lockdown scheint Wirkung gezeigt zu haben, sagte Reddy. "Am wichtigsten ist, dass die Superspreader-Ereignisse begrenzt waren. Der Lockdown hat also diesen Zweck erreicht."

Die Frage ist nun, ob die schrittweisen Öffnungen zu früh kommen, um die Infektionsrate weiter zu senken. Reddy appellierte, "alle unsere Vorsichtsmaßnahmen beizubehalten", bis die Impfkampagne richtig an Fahrt aufnimmt. Doch Schätzungen zufolge sind 97 Prozent der Inder heute ärmer als vor der Pandemie. Eine Verlängerung des Lockdowns würde für sie bedeuten, dass sich ihre wirtschaftliche Situation noch verschlechtern könnte.

Quelle: ntv.de

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