Politik

Ein-Kind-Politik lange vergessen Inzwischen bittet China um das zweite Kind

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Eine Mutter, die mit dem zweiten Kind schwanger ist - vor einigen Jahren wäre ein solches Bild praktisch unmöglich gewesen.

(Foto: REUTERS)

Vor fünf Jahren beendet die Führung in Peking die Ein-Kind-Politik. Inzwischen bittet China seine Bürger sogar nach einem Zweiten. Denn die Gesellschaft altert dramatisch schnell. Doch der Appell scheint die Menschen nicht mehr zu überzeugen.

Ein zweites Kind zu bekommen ist für die 35-jährige Wang Yin unvorstellbar. Um 5 Uhr morgens beginnt ihr Tag und endet nicht vor 22 Uhr. Gleiches gilt für ihren Mann. Beide sind voll berufstätig. "Ein Kind in China großzuziehen, ist so kostspielig", sagen die beiden. Sie sitzen auf ihrem Ehebett, das eine rosafarbene Tagesdecke mit Blumenaufdruck schmückt. Zu ihren Füßen spielt ihr erstes Kind Guoguo auf seiner Spieldecke und pustet unaufhörlich in eine Trillerpfeife, um auf sich aufmerksam zu machen. Das eheliche Schlafzimmer ist auch sein Kinderzimmer. Und er schläft mit im Ehebett.

Zusammen mit den Großeltern väterlicherseits wohnen sie in einer kleinen 2-Zimmerwohnung im Pekinger Außenbezirk Jingshan. Eine zentralere Lage konnte sich das Akademiker-Paar nicht leisten. "Wir sind beide ein Produkt der Ein-Kind-Politik, das heißt, wir haben keine Geschwister und müssen unsere Eltern alleine finanziell unterstützen und versorgen." Wang Yin arbeitet in der Marketing-Branche, ihr Mann beim Militär. Die Eltern im Alter zu versorgen, gehört zu den traditionellen Kindespflichten in China.

Zusätzlich fließt ein Großteil ihrer Gehälter schon jetzt in die Förderung des Fünfjährigen. "Das macht in China jeder so", sagt Wang Yin. Kinder wie Guoguo haben Tagesabläufe wie Top-Manager. Nach dem Kindergarten geht es in kostspielige Privatkurse. Wer nicht im Vorschulalter schreiben, lesen, rechnen und allerlei mehr lernt, kommt in der Schule kaum mit, der Zugang zu den angesehenen Universitäten bleibt verwehrt, die Chancen im Leben sinken. Guoguo besucht deshalb ein privates Lernzentrum. Dort sitzt er zusammen mit neun Kindern in einer Reihe vor einer jungen Chinesin, die den Kindern englische Sätze vorspricht, die sie im Chor nachsingen müssen. Im Anschluss hat Guoguo "Kunst und Geschichten schreiben". Seine Eltern warten in einem Aufenthaltsraum auf ihn und können auf einem großen Monitor alle Klassenräume sehen und den Unterricht verfolgen.

Die Situation von Wang Yin und ihrer Familie steht stellvertretend für viele junge Paare in China. "Noch ein Kind können wir uns finanziell und zeitlich einfach nicht leisten", sagen beide. Knapp vier Jahrzehnte rigorose Ein-Kind-Politik haben Einzelkind- und auch Single-Haushalte zur neuen Norm in China gemacht. Die jungen Frauen mussten selbst ihre Kindheit und Jugend lang unermüdlich pauken, weil ihre Eltern die Sorge umtrieb, ihr einziges Kind könne sie sonst im Alter nicht versorgen. Jetzt wollen die jungen Frauen sich häufig auf sich und ihre Karrieren konzentrieren. Sie heiraten später und bekommen - wenn - meistens nur ein Kind.

"Unsere Gesellschaft schrumpft viel schneller als erwartet"

Seit fünf Jahrzehnten waren die Geburtenraten in China niemals so niedrig wie in den letzten drei Jahren. Lediglich zu Beginn der Aufhebung der Ein-Kind-Politik zum 1. Januar 2016 verzeichnete das Land einen kleinen Babyboom. Doch schon zwei Jahre später kamen mit 15 Millionen Neugeborenen so wenige Kinder zur Welt wie seit 1949 nicht mehr. Experten hatten mit 23 Millionen Geburten gerechnet. "Die Situation ist sehr ernst, unsere Gesellschaft schrumpft viel schneller als wir es erwartet hatten. Und das ist das Resultat der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik. Die Regierung hätte die Politik mindestens zehn Jahre eher beenden müssen, um die dramatischen Folgen, die uns jetzt bevorstehen, zu vermeiden", sagt Wang Min, Politikwissenschaftler an der Qingdao Universität in Peking. Es sind erstaunlich offene Worte des Professors. Von 2003 bis 2018 war er Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes (CPPCC), ein beratendes Gremium des Staatsapparates. Aus Frustration aufgrund der Beratungsresistenz der Parteiführung verließ er jedoch das CPPCC. Er hält einige Sekunden inne und sagt dann: "Ich persönlich war nie ein Freund staatlicher Familienplanung. Ohne die Ein-Kind-Politik hätten wir jetzt nicht die Probleme."

Doch staatliche Familienplanung hat eine lange Tradition in China und gipfelte schließlich im Juni 1979 mit der Einführung der Ein-Kind-Politik unter Staatspräsident Deng Xiaoping. Mit drakonischen Strafen wie Zwangsabtreibungen, Zwangssterilisationen und ruinierenden Strafgebühren von bis zu acht Jahresgehältern ahndeten die Lokalregierungen die Vorgabe der Parteiführung.

Reporter von ntv trafen 2012 eine junge Mutter, die - im achten Monat schwanger - auf offener Straße von Beamten überwältigt und in eine Abtreibungs-Klinik gebracht wurde. Ihre Eltern und ihren Ehemann hatten die Beamten ebenfalls festgenommen, weil sie sich über die Zwangsabtreibung öffentlich empört hatten. Ein anderes Opfer der brutalen Umsetzung der Politik zeigte den Journalisten unter Tränen, wie sie Jahre später noch an den Folgen der stümperhaften Zwangssterilisation litt. 2010 zählte China zudem 13 Millionen sogenannte "schwarze Kinder". Das sind Menschen, die gemäß der Ein-Kind-Politik gar nicht hätten zur Welt kommen dürfen. Der Zugang zu öffentlichen Schulen und Krankenhäusern bleibt diesen Kindern verwehrt.

Die kommunistische Führung fürchtete, dass China sich mit einer zu großen Bevölkerung nicht schnell genug modernisieren und entwickeln könnte. Deswegen führte sie die Ein-Kind-Politik ein. Die Folgen werden ihr nun zum Verhängnis. Bis 2050 werden 400 Millionen Chinesen über 65 sein, das werden rund 30 Prozent der Bevölkerung, so offizielle Schätzungen. Ein einheitliches staatliches Rentensystem für jedermann gibt es bis heute nicht. "Ich weiß noch nicht, ob ich eine Rente beziehen werde, weil ich vom Land komme. Meine Tochter wird sich um mich kümmern müssen", sagt der 60 Jahre alte Zhang Shaowen, während er eine Grünfläche im Pekinger Chaoyang-Park bewässert. "Ich werde von der Lokalregierung meiner Heimatregion 100 RMB im Monat bekommen", erzählt sein Kollege. Das sind umgerechnet 13 Euro.

Kommt der Zwang zu Kind Nummer Zwei?

Bereits im Jahr 2018, als die Geburtenraten erstmals begannen dramatisch zu sinken, ging auch die Zahl arbeitsfähiger Chinesen um 4,8 Millionen Menschen zurück. Der zunehmende Arbeitskräftemangel wird massive Folgen für Chinas Wirtschaft haben. Und wer soll sich um all die Alten kümmern? "Leiste was Gutes für dein Land, bekomme zwei Kinder" steht nun auf Regierungs-Bannern, die das Nachbarschafts-Komitee mancherorts an die Hauswände klebt. China will seinen Bürgern das Kinderkriegen wieder schmackhaft machen.

Staatliche Krankenhäuser werben mit kostenfreien Geburten und einer Prämie von umgerechnet 60 Euro für das erste und 90 Euro für das zweite Kind. In der südchinesischen Metropole Changcha zählt die Lokalregierung ihren Bürgern 1001 gute Gründe auf, Kinder zu bekommen. Alle Provinzen des Landes haben zudem den Mutterschutz verlängert. Gewollte Abtreibungen erfordern künftig Gutachten von drei Professoren, Scheidungen wurden erschwert. Doch bisher zeigen all diese Regierungsmaßnahmen wenig Erfolg.

China-Kritiker befürchten, das könnte die Partei dazu veranlassen, junge Menschen mit drastischen Maßnahmen zum Kinderkriegen zu nötigen. Die Geburt eines Kindes sei nicht nur eine Privatsache, sondern auch eine Staatsangelegenheit, schrieb das Parteiorgan People's Daily kürzlich mit Bezug auf das geforderte Kind Nummer zwei in einem Kommentar. Sehr selten nur sieht man einen Artikel des Parteiorgans viral. Doch dieser Text löste eine Lawine an zumeist wütenden Reaktionen in Chinas sozialen Netzwerken aus. Ein Hashtag mit der Schlagzeile des Kommentars erhielt beim chinesischen Twitter-Pendant, Weibo, 15 Millionen Klicks und unzählige Posts. "Der Staat kann nicht bestimmen, was bei seinen Leuten im Bett abgeht. Wenn ihr keine Kinder wollt, zwingt ihr Menschen dazu, sich sterilisieren zu lassen. Wenn ihr Kinder wollt, drängt ihr uns, welche zu bekommen. Was denkt ihr, wer ich bin?" schreibt ein User. Ein anderer: "Das ist weder eine Familienangelegenheit, noch eine Staatsangelegenheit. Ein Kind zu kriegen oder nicht, ist meine rein persönliche Entscheidung."

Quelle: ntv.de