Politik

Jeder Dritte Corona-infiziert Israel riegelt Orthodoxen-Stadt ab

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Tausende Polizisten patrouillieren die Straßen in Bnei Brak.

(Foto: imago images/Xinhua)

Bnei Brak droht eine Katastrophe. Das Coronavirus breitet sich in Israels größter ultraorthodoxer Stadt rasend schnell aus. Ärzte erwarten einen drastischen Anstieg an Schwerkranken und Toten. Schon jetzt machen Ultraorthodoxe die Hälfte aller Patienten in den großen Krankenhäusern aus.

Yaakov Litzman, Israels Gesundheitsminister, hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Der israelische Sender Chanel 12 berichtet, der 71-Jährige habe gegen seine eigenen Vorschriften verstoßen, indem er an einem Gebet in einem geschlossenen Raum mit mehr als zehn Menschen teilnahm. Er bestreitet das. Litzman ist ultraorthodoxer Jude.

Unter den weltlichen Israelis ist die Wut auf die Strengreligiösen spürbar. Sie hätten nicht genug getan, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern, heißt es. Die Ultraorthodoxen werden die Betten in allen Krankenhäusern belegen, spottet ein berühmter Satiriker. Dabei machen sie gerade mal zwölf Prozent der Bevölkerung Israels aus.

In der Tat waren die Gegenden, in denen streng religiöse Juden leben, vor zwei Wochen noch gut gefüllt, viele Läden hatten geöffnet, während die meisten Städte Israels schon verwaist waren und alle zu Hause saßen. Noch letzte Woche kamen knapp 300 Menschen zur Beerdigung eines hohen Rabbiners, dabei hatte die Regierung die Teilnehmerzahl bei Beerdigungen zu diesem Zeitpunkt bereits auf 20 begrenzt.

Als Ergebnis droht in Bnei Brak, Israels größter ultraorthodoxer Stadt, eine Katastrophe. Der Corona-Hotspot hat 200.000 Einwohner und die Seuche breitet sich rasend schnell aus. Jeder Dritte soll sich schon infiziert haben, schätzt eine der größten israelischen Krankenkassen. Schon jetzt sind die Hälfte aller Corona-Patienten in den großen israelischen Krankenhäusern ultraorthodox. Die Lage sei ernst, sagt Guy Choshen, stellvertretender Direktor der Inneren Medizin eines Tel Aviver Krankenhauses. In den nächsten zehn Tagen wird es in der ultraorthodoxen Bevölkerung einen drastischen Anstieg an Schwerkranken und Toten geben.

Regierung riegelt Bnei Brak komplett ab

Die Regierung kämpft gegen die Zeit. Am Donnerstagabend hatte sie entschieden, die Notstandsvorschriften zu verschärfen und Bnei Brak komplett abzuriegeln. Tausend Polizisten patrouillieren seither auf den Straßen, Soldaten der israelischen Armee unterstützen sie. Alle, die älter als 80 Jahre sind, werden in Hotels gebracht, die zu Corona-Krankenstationen umfunktioniert wurden. 4500 Rentner sind betroffen. Da ultraorthodoxe Familien häufig sehr groß sind und zehn Menschen auf engstem Raum unter einem Dach leben, ist eine Ansteckung innerhalb der Familie fast unvermeidbar: Die Quarantäne im Hotel soll zumindest die Älteren schützen.

Wie schlimm die Lage in den strengreligiösen Gegenden wirklich ist, wie viele Infizierte es gibt, weiß keiner. Die meisten haben kein Handy, kein Internet, kein Fernsehen. Informationen kommen häufig gar nicht bei den Bürgern an. In Bnei Brak verteilt der Heimatschutz Handzettel: Wer sich schlecht fühlt, soll sofort den "Roten Stern" anrufen. Weiter heißt es, dass die einflussreichen Rabbiner wiederholt betonten, wie wichtig es sei, den Anweisungen des Gesundheitsamtes Folge zu leisten.

Das Wort der Rabbiner zählt hier alles. Und viele von ihnen hatten die Bedrohung durch das Virus lange heruntergespielt und vermittelt, dass man die behördlichen Anweisungen ignorieren dürfe. In Bnei Brak hatte der sehr einflussreiche Rabbiner Chaim Kanievsky noch vor zwei Wochen gesagt, alle Religionsschulen müssen geöffnet bleiben, da das Einstellen des Thorastudiums schlimmer sei als eine Infektion mit dem Coronavirus. Eine Woche später nahm er das zurück: Bleibt zu Hause, betet draußen, möglichst allein - und macht, was die Regierung sagt, drängen die Rabbiner nun. Fast alle Ultraorthodoxen halten sich dran, nur wenige Extremisten haben es immer noch nicht verstanden.

Nach der Abriegelung Bnei Braks an diesem Freitag sollen auch andere ultraorthodoxe Gegenden folgen. Doch die Reaktion der Regierung kommt spät. Besonders tragisch: Ultraorthodoxe, die ihr Leben dem Studium der Thora verschrieben haben, sterben jetzt in viel höherer Zahl, weil Rabbiner das Virus unterschätzt haben. Die Corona-Krise hat damit auch der Weltanschauung der Ultraorthodoxen, bei der die Rabbiner als unfehlbar gelten, einen herben Schlag verpasst.

Quelle: ntv.de