Handel mit geheimen DatenItalien wird von einer Geheimdienstaffäre erschüttert - Meloni schweigt
Von Andrea Affaticati, Mailand
Ein italienischer Geheimagent, der zu den engsten Mitarbeitern von Ministerpräsidentin Meloni zählte, soll ein geheimes Netzwerk zum Sammeln und Verkaufen von Daten mit aufgebaut haben. Die Affäre könnte die Regierungschefin noch in große Verlegenheit bringen.
Geschichten, in denen es um Geheimagenten geht, die krumme Sachen drehen, sind in Italien nichts Außergewöhnliches. Immer wieder gibt es entsprechende Schlagzeilen, immer wieder lösen solche Vorfälle große Empörung aus. Meist berichten die Medien einige Tage ausführlich, dann legt sich die Aufregung - wohl auch, weil die Geschichten häufig so verästelt sind, dass die Öffentlichkeit den Überblick verliert und damit auch das Interesse. Die Politik wiederum ist sich der Brisanz mancher Fälle bewusst, schweigt sich aber lieber aus und ist froh, wenn die Medien sich anderen Themen zuwenden.
So ungefähr verhält es sich auch bei dem jüngsten Fall, der bereits in der vorigen Woche bekannt wurde. Es geht dabei um unbefugten Zugriff auf IT-Systeme und um Datenschutzverstoß, um stark überteuerte öffentliche Anschaffungen - und um die Spionageaktivitäten einer Geheimagentengruppe namens "Fiore", zu Deutsch: Blume.
Diese Gruppe soll sich Zugang zu geschützten Datenbanken verschafft und Dossiers angefertigt haben, die dann gegen Bezahlung verkauft wurden. Wer die Auftraggeber waren und welchem Zweck die Geschäfte dienten, ist Teil der Ermittlungen, die von der Staatsanwaltschaft in Rom mittlerweile eingeleitet wurden. Gegenwärtig stehen elf Personen unter Verdacht, der Großteil davon ehemalige Geheimagenten.
Für Meloni ist die Sache besonders peinlich
Der Fall ist vor allem aus zwei Gründen brisant. Zum einen war der mutmaßliche Protagonist dieser Affäre nicht nur stellvertretender Chef des italienischen Inlandsgeheimdienstes AISI. Er war auch Berater im Kabinett von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni.
Zum anderen fällt der Vorfall unmittelbar in den Zuständigkeitsbereich der Regierungschefin. Seit einer Reform der Geheimdienste im Jahr 2007 liegt die Verantwortung für die Inlands- und Auslandsgeheimdienste beim Ministerpräsidentenamt und dem Kabinett. Das wiederum heißt: Für Melonie ist die Sache besonders peinlich.
Der mutmaßliche Hauptakteur heißt Giuseppe Del Deo, ist 52 Jahre alt, war mehr als zwei Jahrzehnte im Geheimdienst tätig. Im AISI war er für den Finanz- und Wirtschaftsbereich zuständig sowie für die wichtigsten nationalen Assets. In dieser Funktion soll er daran beteiligt gewesen sein, die geheime Struktur "Fiore" mit aufzubauen, die Dossiers mit geheimen Daten anfertigte und dann verkaufte.
Del Deo wurde vor einem Jahr in die Frührente geschickt
Im Verhältnis zwischen Del Deo und Meloni begann es schon früher zu knirschen. 2024 ließ sie ihn versetzen, von der AISI zur DIS, der Behörde für die Koordinierung des Inlands- und Auslandsgeheimdienstes. Damit nicht genug: Im April 2025 wurde der endgültige Schlussstrich gezogen. Der Ministerrat stimmte einem Dekret zu, das auf Del Deo maßgeschneidert war und ihn im Alter von zarten 51 Jahren in Rente schickte. Und zwar in eine lukrative: Dem Mann werden 12.000 Euro monatlich ausgezahlt.
Berichten zufolge waren es drei Vorfälle, die zum Bruch führten, von denen einer für besonders viel Aufsehen sorgte. In der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2023 machten sich zwei Männer vor Melonis Wohnsitz an dem Auto von Andrea Giambruno, ihrem ehemaligen Lebensgefährten, zu schaffen. Eine zufällig vorbeikommende Polizistin fragte die Männer, was sie da zu suchen hätten. Die zwei erklärten, sie seien Geheimagenten der AISI, dem Del Deo damals als stellvertretender Direktor angehörte. Später wurde diese Version bestritten. Tatsache ist, dass man bis heute nicht weiß, was die Männer an Giambrunos Auto wollten.
Meloni schweigt
Ein zweiter Vorfall hat mit dem Kauf einer IT-Sicherheitssoftware zu tun, die Del Deo dem Kabinett empfohlen hatte. Tatsächlich jedoch soll die Software, für die die italienische Regierung 10 Millionen Euro hinblätterte, ein einfaches Open-Source-Programm gewesen sein.
Und dann war da noch die Sache mit Gaetano Caputi, Melonis Büroleiter. Agenten hatten ohne Begründung und Befugnis sein Bankkonto durchforstet. Es heißt, der Auftrag sei von Del Deo gekommen. Auch in diesem Fall bleibt die Frage unbeantwortet, wer an den Informationen interessiert war.
Bis heute hat Meloni über diese Spionagegeschichte kein Wort verloren, obwohl sie es ist, die in letzter Instanz die Verantwortung für die Geheimdienste trägt. Ebenso hält es ihr Staatssekretär Alfredo Mantovano, einer ihrer fähigsten Mitarbeiter, dem sie die Zuständigkeit für die Dienste übertragen hat. Auch Verteidigungsminister Guido Crosetto hat sich zu dem Skandal bis jetzt nicht geäußert. Er soll Verbindungen zu dem Unternehmen haben, dessen Software Del Deo damals empfohlen hatte.