Politik

Pussy-Riot-Mitglied im Interview "Jeder verurteilte Demonstrant ist ein Held"

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Maria Aljochina wurde 2012 zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Nun spricht sie mit n-tv.de über die Proteste vor den Regionalwahlen in Russland.

(Foto: picture alliance / dpa)

Maria Aljochina wurde als Mitglied der russischen Künstlergruppe Pussy Riot weltweit bekannt. Wegen eines "Punk-Gebets" in einer Kirche wurde sie 2012 zusammen mit anderen Pussy-Riot-Mitgliedern zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Auch nach ihrer Entlassung engagierte sich Aljochina in der russischen Opposition. Vor den russischen Regionalwahlen am Sonntag, zu denen es immer wieder Proteste gab, spricht sie mit n-tv.de über die Demonstrationen, die zahlreichen Verhaftungen und wie der Kampf der Opposition weitergehen könnte. Das Gespräch fand am 4. September 2019 in Moskau am Rande einer Benefiz-Veranstaltung für verurteilte Demonstranten statt.

n-tv.de: Wie stark ist die Opposition in Moskau?

Maria Aljochina: Wir sollten nicht nur über die Lage der Opposition sprechen, sondern allgemein über die Lage der Bürger in Russland. Viele Menschen wurden festgenommen, einige sitzen im Gefängnis. Die Menschen, für die heute Abend Geld gesammelt wird - das sind ja keine Oppositionellen, sie sind einfach auf die Straße gegangen, weil sie für ihre Kandidaten stimmen wollen. Die Mehrheit unterstützt nicht einmal die Kandidaten der Opposition, sondern geht für die Möglichkeit auf die Straße, frei wählen zu können. Diese Menschen stehen jetzt vor Gericht und werden verurteilt. Jeder, der im Gefängnis war, wird sein Leben lang automatisch Oppositioneller sein.

Das Gefängnis verändert also das ganze Leben?

Es ist ein furchtbares System. Es besteht kein großer Unterschied mehr zwischen dem Gulag-System [in der Sowjetzeit, Anm. d. Red.] und dem, was wir heute haben. Wenn man das persönlich erlebt hat, ist das Leben nicht mehr so, wie es einmal war. Dabei geht es gar nicht nur um Opposition. Man kann mehrere Jahre Gefängnis bekommen für nichts. Heute zum Beispiel wurde ein Mensch zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, für einen Tweet [mit dem er angeblich Polzisten bedroht hat, Anm. d. Red.]. Seit sieben Jahren bekommen ich und meine Familie Drohungen. Aber da regt sich keiner drüber auf. Unser enger Freund Peter Wersilow wurde vergiftet und beinahe getötet. Doch auch deswegen wurde niemand verurteilt.

Worum geht es der Opposition? Hat sie überhaupt eine Chance gegen diesen mächtigen Staat und seine Polizei?

Der Opposition geht es weniger um die Entmachtung von Präsident Wladimir Putin, sondern vielmehr um eine Veränderung im Leben jedes einzelnen Menschen. Es ist eine innere Revolution, die jeder Einzelne erlebt, wenn er aufhört, Angst zu haben und beschließt, dass er seine Freiheit nicht in die Hände eines Anführers legt, sondern selbst entscheidet. Das Ergebnis sehen wir jeden Tag: Jeder verurteilte Demonstrant, der seine Schuld nicht zugegeben hat, dessen Leben sich dadurch verändert, ist ein Held. Das verändert bereits unser Land. Ich kann keine Vorhersage treffen, wann die Clique im Kreml abgesetzt wird, aber ich hoffe, dass es ziemlich bald passiert. Wir tun alles dafür, dass das möglich wird.

Macht Ihnen eine Benefizveranstaltung wie heute Abend Mut, Ihnen und auch den Verurteilten, die jetzt noch im Gefängnis sitzen?

Ich saß selbst im Gefängnis. Daher kann ich mit voller Überzeugung sagen, dass Veranstaltungen wie heute Abend, dass Demonstrationen einzelner Menschen, Massenkundgebungen, Konzerte und Versteigerungen Mut machen, nicht aufzugeben. Dadurch merkt man, dass man nicht allein ist. Hier kommen unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen zusammen, um uns zu unterstützen. In solchen Momenten brechen Gefängnisse auseinander, denn ein Gefängnis bedeutet Isolierung und Freiheitsentzug. Wenn man aber merkt, dass so viele Menschen sich für einen einsetzen, an einen glauben, unsere Verwandten unterstützen, dann wird die Isolation durchbrochen.

Was erwarten Sie nach den Wahlen am Sonntag?

Ich denke, dass es weitere Demos geben wird. Weil wir keine Wahl haben, aber weil es auch neue politische Häftlinge geben wird. Deswegen wird es weitere Kundgebungen geben. Und ich hoffe, dass wir weiterhin zusammenstehen und einander helfen.

Woran arbeiten Sie abseits der Demos?

Vor fünf Jahren haben wir unsere "Media Zone" gestartet. Aus diesem kleinen Medium, das über Folter und Festnahmen, politische Verfolgung und Bedingungen in den Gefängnissen berichtete, ist eine der bekanntesten Seiten im russischen Internet geworden. Wir sind unter den Top Ten der russischen Medien, neben großen Fernsehkanälen mit riesigen Budgets. Ich habe ein Buch geschrieben über mein Leben hinter Gittern. Dieses Buch war auch die Grundlage für ein Konzert. Wir erzählen von den politischen Häftlingen, die jetzt einsitzen und wir sammeln Geld. Zum Beispiel haben wir 5000 Euro für Anarchisten gesammelt, die mit Elektroschocks gefoltert wurden.

Mit Maria Aljochina sprachen Anna Leontjewa, Peter Leontjew und Rainer Munz. Übersetzt von Peter Leontjew

Quelle: n-tv.de

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