Politik

England verschärft Maßnahmen Johnson sieht Briten am Scheideweg

Noch im August ruft Boris Johnson die Menschen in Großbritannien auf, vom Homeoffice ins Büro zurückzukehren. Nun vollzieht der Premier eine Kehrtwende und stellt ein Maßnahmenpaket vor, das die immer schneller werdende Ausbreitung des Virus eindämmen soll.

Aufgrund der sich zuspitzenden Corona-Krise verschärft der britische Premierminister Boris Johnson für England erneut die Schutzvorkehrungen. Pubs und Restaurants müssen ihren Betrieb auf Gäste am Tisch beschränken, wie Johnson vor dem Parlament in London ankündigte. Es gehe aber nicht um einen zweiten Lockdown. Schulen und Universitäten blieben geöffnet, die Wirtschaft solle am Laufen bleiben. Der konservative Regierungschef verband dies aber mit einer Warnung: Alle müssten sich an die Regeln halten. Wenn es nicht gelinge, die sogenannte Reproduktionszahl unter 1 zu drücken, drohten weitere Einschränkungen.

Führende Mediziner des Landes haben gewarnt, die mit Covid-19 verbundene Todesrate drohe innerhalb der nächsten Wochen exponentiell zu steigen, wenn die Regierung untätig bleibe. Die Zahl der Neuinfektionen im Vereinigten Königreich stieg zuletzt binnen 24 Stunden um mindestens 6000. Regierungsberater warnten, die Zahl könnte bis Mitte Oktober 50.000 pro Tag erreichen.

Wie in Spanien, Frankreich und vielen anderen Ländern sei ein gefährlicher Wendepunkt erreicht, sagte Johnson vor dem Unterhaus. Die Regierung ergreife entschlossene und angemessene Maßnahmen und suche eine Balance zwischen dem Schutz von Leben und Jobs. Die neuen Vorgaben sollen voraussichtlich sechs Monate lang gelten.

Lokale schließen früher, Maskenpflicht wird ausgeweitet

Von Donnerstag an müssen Pubs, Bars und Restaurants ab 22 Uhr schließen und sich auf Gäste am Tisch beschränken. Die Pflicht zum Tragen von Mund-Nase-Schutz wird ausgeweitet. Auch in Taxis oder Geschäften soll das Maskentragen künftig verpflichtend sein, genauso wie in Pubs oder Restaurants, wenn man sich gerade nicht an seinem Sitzplatz befindet. Hochzeiten sind nur noch mit 15 Teilnehmern erlaubt.

Außerdem forderte Johnson Arbeitnehmer wieder auf, wenn möglich von zuhause zu arbeiten - eine Kehrtwende, nachdem er wochenlang eine große "Back to Office"-Kampagne ("Zurück ins Büro") propagiert hatte. Gekippt wurde der Plan, ab Oktober in geringen Zahlen Zuschauer etwa in Fußballstadien wieder zuzulassen.

Johnson wendet sich in TV-Ansprache ans Volk

Am Abend will sich Johnson in einer Fernsehansprache an seine Landsleute wenden. Die neuen Maßnahmen gelten für England, da in Schottland, Nordirland und Wales die regionalen Regierungen darüber bestimmen. Nach einem Treffen mit den Ministern der anderen Landesteile kündigte Johnson jedoch an, dort würden ähnliche Maßnahmen getroffen. In Nordirland gelten allerdings bereits deutlich schärfere Regeln.

*Datenschutz

Man werde die schärferen Corona-Maßnahmen streng überprüfen und Geldstrafen verhängen, verkündete Johnson am Dienstag im Londoner Parlament. Die Polizei werde dabei präsenter in den Straßen des Landes sein, gegebenenfalls könne zur Verstärkung auch das Militär eingesetzt werden.

Johnson begründet hohe Corona-Zahlen mit "Freiheitsliebe" der Briten

Johnson trug zudem eine ungewöhnliche Erklärung für die Unterschiede im Infektionsgeschehen zwischen den europäischen Ländern vor. Es gebe "einen wichtigen Unterschied zwischen unserem Land und vielen anderen Ländern der Welt, nämlich dass unser Land ein freiheitsliebendes Land ist", erklärte er. In den vergangenen 300 Jahren sei "praktisch jeder Fortschritt, von der Meinungsfreiheit bis hin zur Demokratie", von Großbritannien ausgegangen, fügte er hinzu. "Es ist sehr schwierig, von der britischen Bevölkerung zu verlangen, dass sie einheitlich die Regeln so befolgt, wie es notwendig ist."

Die Opposition hatte Johnson vorgeworfen, die Zahlen im Königreich seien so hoch, weil - anders als in anderen Ländern - die Kontaktverfolgung und das Testprogramm nicht richtig funktionierten. Johnson wies dies zurück.

Quelle: ntv.de, hul/rts/dpa