Politik

Airport als letzte Hoffnung Kabul: Menschen fallen von Flugzeugen

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Menschen klammern sich beim Start eines Fliegers an der Bordwand fest.

(Foto: Twitter/Mukhtarwafayee)

Noch haben die Taliban den Hamid-Karsai-Flughafen nicht genommen. Zu einem Kampf kommt es indessen schon. Auf dem Rollfeld spielen sich Szenen der Verzweiflung ab. Nicht nur das Personal westlicher Länder will das Land verlassen. Für Afghanen ist der Flughafen die letzte Chance, zu entkommen.

Es sind Bilder der puren Verzweiflung vom Flughafen in Kabul: Hunderte Männer rennen neben einem davon rollenden Flugzeug der US Air Force her - einige versuchen sogar noch, sich daran festzuklammern. Anderswo versuchen hunderte Menschen, sich in ein Frachtflugzeug zu zwängen. Wieder anderswo am Flughafen drängen Menschen eine Fluggastbrücke hoch, die sich unter der Last bereits biegt. Viele Menschen hängen von den Seiten herunter. Einige von ihnen werden fallen und sterben. Die Nachrichtenagentur AP berichtet von sieben Menschen, die im Chaos am Flughafen ums Leben kommen.

Die Videos auf den Online-Plattformen zeigen die traumatischen Szenen. Die Afghanen nehmen die Gefahr in Kauf wegen dem, was außerhalb der Flughafenmauern droht: Die Hauptstadt Kabul, die noch vor kurzem als relativ sicherer Ort in Afghanistan galt, ist in die Hände der radikalislamischen Taliban gefallen. 20 Jahre, nachdem die USA die Miliz vertrieben hatten, patrouillieren deren Kämpfer wieder offen durch die Straßen.

Auch wenn es auf dem Flughafen schon zu Schießereien kam und US-Sicherheitskräfte dort zwei Männer mit Waffen getötet haben, ist der Flughafen eben noch nicht von den Taliban erobert worden. Deswegen und weil die Landgrenzen von den Taliban kontrolliert werden, ist er der letzte Ort der Hoffnung für viele: Über ihn wollen westliche Länder ihre Mitarbeiter und Ortskräfte ausfliegen. Nicht zuletzt symbolisiert er für viele Afghanen die Möglichkeit, nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul, nach dem Fall der letzten Großstadt, noch aus dem Land zu kommen.

Anders als die westlichen Botschaftsmitarbeiter und afghanischen Ortskräfte, die für die westlichen Regierungen gearbeitet haben, haben die meisten Menschen auf dem Rollfeld weder Visa noch Tickets für die Flucht. Viele der Menschen werden durch Gerüchte oder Falschmeldungen im Netz angezogen. "Ich habe auf Facebook gelesen, dass Kanada Asylanträge aus Afghanistan annimmt", sagt ein Mann, der nach eigenen Angaben Soldat in der afghanischen Armee war. Er sei deshalb in Gefahr: "Die Taliban haben es definitiv auf mich abgesehen", sagt er.

Die US-Soldaten haben auf dem Rollfeld Panzerwagen und Maschinengewehre in Position gebracht. Mit Stacheldraht versuchen sie, die Menschen zurückzuhalten. Augenzeugen berichten von Schüssen in die Luft, mit denen die Soldaten die aufgebrachten Massen unter Kontrolle zu halten versuchen. "Ich habe Angst. Sie feuern viele Schüsse in die Luft", sagt ein Mann. "Ich habe gesehen, wie ein junges Mädchen überfahren und getötet wurde", berichtet er weiter. Die Deutsche Botschaft in Kabul rät unterdessen Menschen, die nicht von ihr kontaktiert worden seien, davon ab, zum Flughafen zu kommen. Es sei gefährlich.

Um den Flughafen herum ist es schon zu Kampfhandlungen gekommen. Dass einige der Taliban-Kämpfer auch vor der Konfrontation mit den US-Soldaten nicht zurückschrecken, zeigt ein Bericht des Portals "Business Insider", das aus einem Kanzleramts-Protokoll zitiert: Demnach griffen Taliban-Kämpfer am späten Sonntagnachmittag den militärischen Teil des Flughafens an. Der Angriff sei von US- und türkischen Soldaten abgewehrt worden.

Während der Angriff lief, befanden sich laut "Business Insider" etwa 70 Deutsche, darunter Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, von Sicherheitsdiensten und der Bundespolizei, im militärischen Teil des Flughafens. Wegen des Angriffs wurde ihr Evakuierungsflug offenbar über Stunden verschoben. Später am Montagabend mitteleuropäischer Zeit wurde der Flugverkehr vorübergehend ganz ausgesetzt. US-Soldaten würden gemeinsam mit Soldaten aus der Türkei und anderen Staaten versuchen, das Gebiet "methodisch" zu räumen, sagte ein Pentagon-Sprecher.

Zwei Militärtransporter der Bundeswehr vom Typ A400M konnten den Flughafen schon vorher ohnehin nicht anfliegen wegen des schieren Chaos vor Ort. Sie landeten im aserbaidschanischen Baku zwischen. Eine der Maschinen startete dann von dort nach Kabul, um sich im Luftraum für eine Landung bereitzuhalten, wenn das Flugfeld dafür wieder freigegeben wird. Es scheint: nach dem reinen Prinzip Hoffnung. Das Prinzip, welches auch viele Afghanen antreibt, über die Flughafenmauern zu klettern, sich an Transportmaschinen zu klammern, jede mögliche Fläche und Kerbe an der äußeren Bordwand zu nutzen, um mit dem Flugzeug abzuheben.

Sinnbild des Falles von Afghanistan

Der Hamid-Karsai-Flughafen ist das Sinnbild des Falls von Kabul - nicht die Bilder von Hubschraubern über der US-Botschaft, ähnlich den ikonischen Bildern vom Fall von Saigon 1975. Denn während er für viele der letzte Ort der Hoffnung ist, trägt er auch das in seinem Namen, was viele Kritiker als ausschlaggebend für die gegenwärtige Situation Afghanistans sehen. Der Flughafen ist benannt nach Hamid Karsai, der zum ersten Staatspräsidenten Afghanistans nach dem Sturz der ersten Talibanherrschaft zwischen 1996 und 2001 wurde. Zu seinen Ehren. Kritiker werfen Karsai hingegen Korruption und Vetternwirtschaft vor als ein Präsident, der von den USA auserkoren und ins Amt gehoben wurde.

Die Umbenennung des Flughafens wurde 2014 vom afghanischen Parlament beschlossen und vom Kabinett von Karsais Nachfolger Aschraf Ghani genehmigt. Dieser floh nach Angaben der russischen Botschaft in Kabul nun mit vier Wagen und einem Hubschrauber voller Geld aus dem Land. Ghani habe demnach noch Geld zurücklassen müssen, da nicht alles hineingepasst hätte. "Vier Autos waren voll mit Geld. Sie versuchten, einen weiteren Teil des Geldes in einen Hubschrauber zu stopfen, aber es passte nicht alles hinein. Und ein Teil des Geldes blieb auf der Rollbahn liegen", zitiert die russische Nachrichtenagentur RIA Botschaftssprecher Nikita Ischtschenko. So liegen auf einer Rollbahn Geldscheine, auf einer anderen Menschen.

Quelle: ntv.de, mpe/dpa/AFP

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