Politik

"Sie sind keine Menschen" Kadyrow nennt Schwule "Teufel"

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Kadyrow vor einem Porträt seines Vaters Achmat, der als tschetschenischer Präsident 2004 bei einem Bombenanschlag ums Leben kam.

(Foto: AP)

Offiziell gibt es sie gar nicht in Tschetschenien. Und wenn doch, dann stehen Homosexuelle "zum Verkauf", wie Machthaber Kadyrow nun sagt. "Gott soll sie verdammen", erklärt er in einem Interview. Moskau erkennt darin nichts Ungewöhnliches.

Es hat nicht lange gedauert. Wieder einmal springt Moskau Ramsan Kadyrow, dem Machthaber der Kaukasusrepublik Tschetschenien, bei. Kadyrows Worte seien "aus dem Kontext gerissen", teilte Kremlsprecher Dmitri Peskov mit. Nichts Ungewöhnliches sei gesagt worden, wobei er dann doch zugeben muss, dass es sich um "recht krasse Überlegungen" handele.

So kann man es wohl nennen. In einem Interview mit dem US-Sender HBO, in dem es auch um die Verfolgung Homosexueller in der Republik geht, bezeichnete Tschetscheniens Präsident diese als "Teufel". "Sie stehen zum Verkauf. Sie sind keine Menschen. Gott soll sie für das verdammen, was sie uns vorwerfen. Sie werden sich vor dem Allmächtigen dafür verantworten müssen."

Dabei gibt es laut Kadyrow in Tschetschenien eigentlich gar keine Homosexuellen. Auf die Frage des HBO-Reporters, was er zur Verfolgung und Folter schwuler Männer sagte, lachte Kadyrow und sagte dann: "Das ist Schwachsinn. Wir haben hier keine dieser Leute. Wir haben keine Schwulen. Wenn es welche gibt, bringt sie nach Kanada. Gott sei gepriesen. Bringt sie sehr weit weg von uns, sodass wir sie nicht hier zu Hause haben. Um unser Blut zu reinigen: Wenn es hier irgendwelche gibt, nehmt sie." Dabei strich er sich über seinen langen, blonden Bart.

Im Frühjahr hatte die regierungskritische russische Zeitung "Nowaja Gaseta" berichtet, dass Homosexuelle in Tschetschenien gezielt verfolgt würden. Demnach sollen im Februar Sicherheitskräfte mehr als 100 Männer wegen ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen "nicht traditionellen sexuellen Orientierung" mitgenommen haben. Mindestens zwei seien in der Kaukasusrepublik, in der Kadyrow ein autoritäres Regime errichtet hat, getötet worden.

"Lügen" und "Desinformation"

Schon damals leugnete Kadyrows Sprecher, Alwi Karimow, dass in Tschetschenien Homosexuelle lebten. "Man kann niemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt." Sollte es sie aber geben, müssten sich die Sicherheitsbehörden keine Sorgen um sie machen, denn "ihre Verwandten würden sie schon an einen Ort geschickt haben, von dem sie nie wiederkehren könnten". Berichte über Festnahmen seien "Lügen" und "Desinformation".

Ähnlich äußerte sich Kadyrow später, wie das Internetportal Queer berichtet. "Für Tausende Jahre haben die Menschen nach Regeln gelebt, die von Gott verordnet und von Moral und Ethik diktiert werden." Homosexuelle habe es in Tschetschenien nie gegeben. "Es sei denn, wir sprechen von denen, die sich so bezeichnen, damit sie in den Westen gehen können."

Laut "Nowaja Gaseta" kommt es einem Todesurteil gleich, sich in Tschetschenien offen zu seiner Homosexualität zu bekennen. Seit Langem gibt es immer wieder Berichte über Misshandlungen und Entführungen von Homosexuellen. Auch nach dem Ende des Ramadan soll es in der Kaukasusrepublik Festnahmen gegeben haben. Wie der Präsident der Gruppe Russisches LGBT-Netzwerk, Igor Koschetkow, Ende Juni der Nachrichtenagentur AFP sagte, hätten sich bei ihm Dutzende Betroffene gemeldet.

Koschetkow zufolge wurden bei der Verfolgungskampagne in Tschetschenien sechs schwule Männer getötet, bis zu 400 seien festgenommen und misshandelt worden. Dutzende flohen mittlerweile in andere russische Provinzen, einigen gelang die Flucht ins Ausland. Auch das Land Berlin kündigte an, fünf besonders gefährdeten Schwulen Schutz zu gewähren.

Die Verfolgung hat längst die internationale Ebene erreicht. Bei einem Treffen im Mai erwähnte Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Auch der Europarat drängte, woraufhin die russische Regierung schließlich zusagte, den Vorwürfen nachzugehen. Dabei steht Russland wegen seines Gesetzes gegen "Homosexuellen-Propaganda" selbst am Pranger. Laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte fördert dieses Vorurteile und Schwulenfeindlichkeit im Land. Das erklärt dann vielleicht auch, warum Moskau in Kadyrows Äußerungen "nichts Ungewöhnliches" sieht.

Quelle: ntv.de