Politik

Fünf Jahre Unabhängigkeit Kämpfe überschatten Südsudans Geburtstag

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SPLA-IO Soldaten sitzen in einem Lager am Rande der Hauptstadt Juba, am Fuße des Jebel Dinka.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit fünf Jahren ist der Südsudan unabhängig. Seit drei Jahren herrscht Bürgerkrieg. Ein unterzeichnetes Friedensabkommen ließ trotzdem die Hoffnung auf Frieden wachsen. Doch der Jahrestag der Unabhänigkeit wird von Kämpfen in der Hauptstadt geprägt.

"Free at last", stand in der Nacht zum 9. Juli 2011 in Leuchtschrift auf einem Uhrturm in der Hauptstadt Juba - "endlich frei". In dem vorausgegangenen Referendum hatten fast 99 Prozent der Menschen für einen unabhängigen Südsudan gestimmt. Heute sind nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 2,3 Millionen Menschen auf der Flucht, dem Land drohen Hunger und Staatspleite. Die Zusammenlegung mit den Rebellen-Truppen stößt auf den Widerwillen der Streitkräfte, die zudem wie auch Beamte schon seit Monaten nicht mehr bezahlt worden sind.

Die Stimmung ist erneut explosiv. Nahe des Präsidentenpalasts waren am Freitagabend Schüsse zu hören, berichtete die Zeitung "Sudan Tribune". Bei den jüngsten Kämpfen sind deutlich mehr als 100 Menschen getötet worden. In die Leichenhalle des wichtigsten staatlichen Krankenhauses im Juba seien mehr als 90 Leichen von Soldaten und Zivilisten eingeliefert worden, teilte ein Arzt des Hospitals mit. Die meisten seien männlich. Der Sender Radio Tamazuj sprach von 109 Leichen im Krankenhaus. Zudem seien mindestens 37 weitere Menschen getötet worden.

Die Kämpfe sollen begonnen haben, während Präsident Salva Kiir sich mit seinem Stellvertreter, dem früheren Rebellenführer Riek Machar, traf. Über mögliche Todesopfer war zunächst nichts bekannt; die Kämpfe hielten noch an. "Wir wissen nicht, wer schießt und warum", sagte ein Sprecher des Militärs. Die verfeindeten Parteien unter ihren Anführern Machar und Kiir hatten zuletzt ein Friedensabkommen unterzeichnet. Im April bildeten sie in der Hauptstadt Juba eine Einheitsregierung. Erst am Donnerstagabend war es wieder einmal zu einem Zusammenstoß von Soldaten und Rebellen gekommen.

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Im Südsudan sind mehr als 2,3 Millionen Menschen auf der Flucht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der jüngste Bürgerkrieg forderte Zehntausende Leben. Streitkräfte der von der Volksgruppe der Dinka dominierten Regierung lieferten sich zunächst heftige Gefechte mit den zumeist von Nuer unterstützten Rebellen in Juba. Später verlegten sich die Auseinandersetzungen vorwiegend in den ölreichen Norden.

Ein Friedensabkommen vom August 2015 sah eine Einheitsregierung vor. Doch erst im April 2016 wurde Machar erneut als Vizepräsident des Landes vereidigt. Mit Kiir als Präsident gibt es damit heute wieder die gleiche Konstellation wie vor wenigen Jahren. Doch wenige haben Vertrauen in die Führung. "Diese Land ist eine tickende Zeitbombe", sagt ein 27 Jahre alter Soldat. Im Alter von 13 Jahren war er den Rebellen beigetreten, die damals für die Unabhängigkeit kämpften - "freiwillig", wie er sagt. Nach Monaten in einem Trainingslager im Busch stand er im Jahr 2000 erstmals an der Front.

Integration ehemaliger Oppositionskämpfer

"Es war furchtbar. Am Ende lagen überall Tote herum." Auch sein bester Freund wurde bei dem Einsatz getötet. Lange hatte der Soldat keinen Kontakt zu seiner Familie. Am 18. November 2002 erhielt er per Funk die Nachricht, dass seine Mutter gestorben sei. Seine Mutter hatte ihn vor der Front gewarnt. Jetzt ist sie tot - und er immer noch Soldat. Nur seine Einstellung zum Militär hat sich verändert. Seit April hat er - wie der Großteil der Militärangehörigen - seinen monatlichen Sold von 1800 südsudanesischen Pfund (SSP) nicht erhalten. Die Integration der ehemaligen Oppositionskämpfer in die Armee lehnt er ab. Den Befehl zu einer Zusammenarbeit würde er verweigern, sagt er: Lieber gehe er wieder in den Busch und schließe sich einer neuen Rebellenbewegung an. "Soldaten bleiben Soldaten", sagt er.

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SPLA-IO Soldaten sitzen in einem Lager am Rande der Hauptstadt Juba, am Fuße des Jebel Dinka, vor ihrer einfachen Lehmhütte.

(Foto: picture alliance / dpa)

Viele Soldaten kennen kein anderes Leben als jenes, das von Drill und und Kampf bestimmt ist. James Kong Chol, Anführer der Rebellentruppen im jüngsten Bürgerkrieg, führt durch eines der drei Lager, in dem insgesamt rund 1400 Ex-Rebellen leben. Das große Areal liegt am Fuße des Berges Jebel Dinka, etwa eine halbe Autostunde von Juba entfernt. Vor ihren Lehmhütten bewachen sie die Süd- und Westseite des Camps mit Handfeuerwaffen und Raketenwerfern. Vor wem? Die Soldaten lachen. "Gegen den Feind." Welchen Feind? "Die Regierungstruppen", sagen sie und blicken über die Hügellandschaft ins Leere.

"Das System ist korrupt"

Die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag wurden aus finanziellen Gründen abgesagt. Nur wenige Tage zuvor waren um die Stadt Wau im Nordwesten des Landes neue Kämpfe ausgebrochen. Etwa 70.000 Menschen sind nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen vor der Gewalt geflohen. Die Vereinten Nationen warnten gleichzeitig, dass rund 4,8 Millionen Menschen - also fast jeder zweite Einwohner - in den nächsten Monaten akut von Hunger bedroht sein werden.

"Wir stehen am Rande des Abgrunds", sagt der Ökonom James Alic Garang. Das südsudanesische Pfund wurde kurz nach Erlangung der Unabhängigkeit mit einem Wert von 2,96 zu einem US-Dollar eingeführt. "Vergangenen Dezember wurde der offizielle Wechselkurs auf 18,5 SSP zu einem Dollar angepasst, um mit den Raten auf dem Schwarzmarkt mitzuhalten. Mitte Juni erhielt man auf der Straße 50 Pfund für einen Dollar." Die Dollarreserven seien so gut wie aufgebraucht, Investoren fehle das Vertrauen in die örtliche Währung, meint Garang. "Das System ist korrupt."

Mit dem Einbruch der Ölproduktion aufgrund der hohen Zahlungen an den Sudan sei der Benzinpreis binnen eines Jahres fast auf ein Zehnfaches angestiegen, erklärt er. Vor den Tankstellen in Juba warten Dutzende Autos auf Benzin - manchmal nur um nach zwei Stunden Wartezeit leer auszugehen. An Straßenecken stehen Jungen mit Plastikkanister und verkaufen Treibstoff zu noch höheren Preisen.

Quelle: n-tv.de, Anna Kerber, dpa