Politik

Was dem Gesundheitssystem fehlt Kaputtgespart oder doch in Bestform?

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Vor Corona wurde das Gesundheitssystem viel kritisiert. In der Krise gibt es viel Lob.

(Foto: picture alliance/dpa)

"Kaputtgespart" sei das deutsche Gesundheitssystem, hieß es vor der Corona-Krise von Kritikern. Doch in der Pandemie sieht das Land aus wie der Klassenbeste. Was stimmt denn nun?

Deutschland macht in der Corona-Krise eine sehr gute Figur. Andere Staaten mit ähnlich vielen bestätigten Corona-Fällen haben teils ein Vielfaches der Todesopfer zu beklagen. Auf der anderen Seite gibt es in Ländern mit einer teils vielfach geringeren Zahl bestätigter Fälle ähnlich viele Todesopfer - oder sogar mehr. Die Pandemie scheint hierzulande einfach weniger tödlich zu verlaufen. Für die Regierung ein Zeichen dafür, in was für einem guten Zustand das deutsche Gesundheitssystem sei. Doch vor der Krise wurde immer wieder kritisiert, das System sei "kaputtgespart" worden.

Wie sich das Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren rein quantitativ entwickelt hat, dokumentieren unterschiedliche Statistiken und Studien - etwa der OECD-Bericht "Gesundheit auf einen Blick" aus dem vergangenen Jahr. Demnach wird in nur zwei Staaten der Welt noch mehr Geld in das Gesundheitswesen gesteckt als in Deutschland: der Schweiz und den Vereinigten Staaten. Zudem ist Deutschland eines der wenigen Länder, in denen seit 2008 der Zuwachs der Gesundheitsausgaben mehr als zwei Prozent betrug. In vielen europäischen Staaten - Portugal, Spanien, Italien, Griechenland, Lettland, Slowenien - wurde in diesem Zeitraum teils dramatisch gekürzt. Deutschland gibt kontinuierlich mehr Geld für das Gesundheitswesen aus. Gemessen in Preisen von 2010 betrugen die Pro-Kopf-Ausgaben im Jahr 1993 rund 2400 Euro. 2017 waren es demnach rund 4000 Euro.

Zumindest aus der Entwicklung der Ausgaben lässt sich auf den ersten Blick also nicht ableiten, dass der Gesundheitssektor in Deutschland "kaputtgespart" worden sei. Auch beim Angebot medizinischer Leistungen liegt Deutschland weit vorne. Die Anzahl von Ärzten pro Einwohner ist Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge nur in fünf EU-Staaten höher. Die Bundesrepublik liegt dabei weit vor Staaten mit vergleichbarer Größe wie Frankreich, Spanien oder Italien. 4,3 Ärzte kommen hierzulande auf 10.000 Einwohner. In Großbritannien sind es 2,8, in den USA 2,6. Zudem hat Deutschland eines der dichtesten Netze von Krankenhäusern in Industrienationen.

Durchschnittlich 80 Krankenhausbetten gab es 2017 pro 10.000 Einwohner - Platz vier weltweit. Bemerkenswert ist auch, dass in Deutschland die Krankenhauskapazitäten in den Jahren nach der Finanzkrise 2008 sogar ausgebaut wurden, während die meisten anderen europäischen Staaten teils drastisch gespart haben. Auch bei einer anderen Kennzahl, die während der Corona-Krise immer wieder genannt wird, deutet nichts auf einen Verfall hin: Mit rund 34 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner liegt Deutschland vor den meisten anderen Staaten. Zum Vergleich: In Großbritannien sind es 6,6.

Auch die USA liegen bei vielen Indikatoren vorn

Auffällig ist aber auch, dass bei einigen dieser eben genannten Indikatoren auch die USA weit vorne liegen. Etwa ist der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt in keinem anderen Land annähernd so hoch wie in den Vereinigten Staaten. Auch die Zahl der Intensivbetten ist höher als in den meisten Industrienationen - abgesehen von Deutschland. In Amerika gibt es exzellente Krankenhäuser und weltweit führende Spezialisten etwa in der Krebstherapie oder für Herztransplantationen. Dennoch hat das Gesundheitssystem der USA einen miserablen Ruf. Es splittert sich in drei Klassen auf. Wenige wohlhabende Menschen können sich eine eigene Krankenversicherung leisten und haben Zugang zu den besten Medizinern des Landes. Rund 153 Millionen US-Bürger sind über ihre Arbeitgeber versichert und zahlen hohe und stetig weiter steigende Beiträge. Rund 30 Millionen Menschen haben gar keine Versicherung.

Kritiker des US-Systems - und davon gibt es viele - sehen den Grund für das extrem teure und dennoch berüchtigte Gesundheitssystem Amerikas in dem grundsätzlich anderen Ansatz. In Europa gibt es flächendeckend ein System der universellen, öffentlichen und solidarisch finanzierten Gesundheitsversorgung. Die USA hingegen sind eine der letzten Industrienationen, die keinen wirklich universellen Zugang hat. Private, miteinander konkurrierende Versicherungen sind die Träger des Systems. Ärzte verlangen höhere Honorare, weil sie oft ein extrem teures Studium refinanzieren müssen. Preise für Medikamente werden in den meisten Staaten Europas gesetzlich geregelt, in den USA entstehen sie durch Verhandlungen zwischen Pharmaunternehmen und Versicherern. In vielerlei Hinsicht ist das US-Gesundheitssystem deutlich stärker an das Prinzip von Angebot und Nachfrage gebunden.

Eine Tendenz in diese Richtung wollen Kritiker auch in Deutschland erkannt haben. Seit Jahren beklagt etwa die Bundesärztekammer, dass die Situation der Krankenhausversorgung durch einen zunehmenden ökonomischen Druck geprägt sei. Ärztliches Handeln müsse zunehmend gegenüber ökonomischen Anfragen gerechtfertigt werden. Die Konfrontation zwischen ökonomischer Argumentation und medizinischer Sichtweise entwickle sich zu einem Problem, warnte die Kammer bereits 2007.

"Ein Reformtrend, der überdacht werden wird"

Tatsächlich ist die Zahl der Krankenhäuser in privater Trägerschaft dem Statistischen Bundesamt zufolge von 15,5 Prozent im Jahr 1992 auf 37,1 Prozent im Jahr 2017 gestiegen - hat sich also mehr als verdoppelt. Die Zahl der Einrichtungen in öffentlicher (Kommunen) oder freigemeinnütziger (etwa Kirchen) Trägerschaft hingegen ist gesunken. Aktuell sind, grob gesagt, ein Drittel der Kliniken in privater, ein Drittel in gemeinnütziger und ein Drittel in staatlicher Hand. Aber sind Privatisierungen und mehr Wettbewerb allein der Herd des Übels? Ist ein komplett staatliches Gesundheitswesen zwangsläufig besser? Das zu 100 Prozent staatliche National Health System (NHS) war einmal so etwas wie eine Ikone des britischen Wohlfahrtsstaates. In der Corona-Krise nun offenbaren sich eklatante Mängel.

Zudem kritisieren viele Mediziner nicht pauschal die Privatisierung. In einem Appell forderten vergangenes Jahr 52 Ärzte-Organisationen mit rund 130.000 Mitgliedern und 1500 einzelne Ärzte eine Überwindung des "Diktats der Ökonomie". Die Kritik richtet sich dabei aber vor allem gegen die Regeln, wie Krankenhäuser finanziert werden. Das Gesetz schreibt vor, dass Patienten und Krankenkassen für den Behandlungsbetrieb aufkommen und die Bundesländer die Infrastruktur der Häuser finanzieren, also Geräte, OP-Säle und teure Geräte wie Tomographen bezahlen. Tatsächlich aber, beklagen Ärzteverbände, reiche das Geld für die Infrastruktur schon lange nicht mehr. Die Folge: Viele Krankenhäuser versuchen, die Geldströme umzulenken. Es werde am Pflegepersonal gespart, zudem werde die Verführung größer, Eingriffe vorzunehmen, um die Erträge zu erhöhen. Die Politik sei gefragt, eben diese Regeln zu ändern, lautet die Kritik.

Zudem setzte das Abrechnungssystem keine Anreize für einen hohen Personalschlüssel. Persönliche Zuwendung und gute Betreuung werden nicht belohnt. Der Beruf des Krankenpflegers war über Jahre derart unattraktiv, dass der Fachkräftemangel nur schwer auszugleichen ist. Auch Ärzte hält es wegen der hohen Arbeitsbelastung oft nicht lange in den Kliniken.

Von "kaputtgespart" jedoch will auch Georg Baum, Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, nicht sprechen. "Aber wir sind unterfinanziert", sagt er ntv.de. Es mangele im Wesentlichen im eben genannten Bereich der Investitionen. "Die Länder zahlen knapp drei Milliarden Euro, wir bräuchten aber sechs." Jüngst sei die Unterversorgung bei den Investitionen sehr deutlich geworden, als viele deutsche Krankenhäuser in der Corona-Krise viele neue und teure Anlagen beschaffen mussten - die vielfach benötigten Beatmungsgeräte.

Baum glaubt aber, dass die aktuelle Krise zu einem Paradigmenwechsel führen könne. "Es muss eine postpandemische Neuorientierung stattfinden", sagt er. Dazu nennt er zwei Beispiele. Kurz vor Ausbruch der Pandemie habe Gesundheitsminister Jens Spahn den Vorschlag gemacht, die Zahl der Notfallstellen drastisch zu reduzieren. Im vergangenen Jahr kam zudem eine Bertelsmann-Studie zu dem Ergebnis, dass rund die Hälfte der deutschen Krankenhäuser überflüssig sei. Baum glaubt nicht, dass über derartige Szenarien künftig noch viel gesprochen werde. "Die Ausdünnung von Krankenhäusern war ein Reformtrend, der überdacht werden wird", sagt er. "Die Vorrangigkeit der Daseinsvorsorge vor der ökonomischen Notwendigkeit wird in der Krise sichtbar."

Quelle: ntv.de

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