Politik

Studie: 1200 Euro Grundeinkommen "Keine einzige Person ist faul geworden"

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Jeder zweite Deutsche kann sich die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens vorstellen.

(Foto: imago stock&people)

Der Verein "Mein Grundeinkommen" macht ein Angebot, das niemand ablehnen kann: Drei Jahre lang sollen 120 Menschen ohne Gegenleistung jeden Monat 1200 Euro bekommen. Wie läuft das Pilotprojekt ab? Was spricht für und was gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Was würden Sie dafür geben, jeden Monat 1200 Euro vom Staat zu kassieren? Ganz egal, ob Sie arbeiten gehen oder nur auf der Couch sitzen, ob Sie reich geerbt haben oder hoch verschuldet sind? Der Berliner Verein "Mein Grundeinkommen" verlangt nur eine Bewerbung: Gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Wissenschaftlern der Uni Köln und des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern bereitet er die erste deutsche Langzeitstudie vor, um zu klären, wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf die Menschen und ihren Alltag auswirkt.

"Vor sechs Jahren bin ich mit der Idee um die Ecke gekommen, das bedingungslose Grundeinkommen aus der Diskussion herauszuholen und einfach mal praktisch auszuprobieren", erzählt Michael Bohmeyer, einer der Initiatoren des Pilotprojekts, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". In den vergangenen Jahren hat er mit seinem Verein "Mein Grundeinkommen" bereits über 650 Menschen bedingungslos Einkommen gezahlt: 1000 Euro im Monat, ein Jahr lang. Bewerben konnte sich jeder, die glücklichen Gewinner wurden ausgelost. "Wir haben viele Erkenntnisse gesammelt, die uns überrascht haben. Wir haben gemerkt, dass dieses Grundeinkommen in der Praxis anders wirkt, als es in der Debatte behandelt wird. Keine einzige Person ist faul geworden. Viele haben eine Weiterbildung gemacht, einige sogar den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, weil sie nun die Sicherheit im Rücken hatten", so Bohmeyer.

Was aber passiert, wenn Menschen über Jahre hinweg bedingungslos Geld erhalten? Drei Jahre lang werden 120 Menschen gleichzeitig monatlich 1200 Euro bekommen. Macht das bedingungslose Einkommen sie produktiver? Macht es sie vielleicht sogar gesünder? Das sind die Fragen, die die Wissenschaft in den kommenden Jahren mit der Langzeitstudie beantworten will.

Schon fast zwei Millionen Bewerber

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Michael Bohmeyer ist einer der Initiatoren der Studie.

(Foto: Pilotprojekt Grundeinkommen)

Das Interesse daran ist riesig. Schon drei Tage nach Start der Bewerbungsphase wurde die Mindestbewerberzahl von einer Million Menschen geknackt. Nach einer Woche haben bereits über 1,6 Millionen ihren Hut in den Ring geworfen. Wer sich bewerben möchte, muss bloß einen kurzen Fragebogen mit Fragen zu Alter, schulischer Ausbildung und Einkommenssituation ausfüllen. "Daraus werden die Wissenschaftler eine Gruppe herausfiltern, wo die Datenlage besonders gut ist. 20.000 Menschen kommen in die engere Auswahl, müssen dann einen weiteren Fragebogen ausfüllen", erklärt Bohmeyer. Am Ende werden 1500 Finalisten ausgewählt, von denen 120 drei Jahre lang Grundeinkommen ausgezahlt bekommen. Die anderen 1380 Personen dienen als Vergleichsgruppe ohne Grundeinkommen. "Durch dieses Verfahren können wir eindeutig nachweisen, dass die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen aufs Grundeinkommen zurückzuführen sind."

Wer in der Grundeinkommens- und wer in der Vergleichsgruppe landet, wird vom Zufallsgenerator bestimmt. Im Frühjahr 2021 soll dann die eigentliche Studie beginnen. Während der drei Jahre Laufzeit müssen die Teilnehmer alle sechs Monate Online-Fragebögen ausfüllen. Bei einigen wenigen geht die Forschung etwas weiter, sie müssen tiefgehende Interviews führen und Haarproben abgeben. "Unsere Frage ist: Wie verändert Grundeinkommen die Gesellschaft? Dafür wollen wir Indizien sammeln, und zwar für alle Aspekte", sagt Bohmeyer und meint damit soziale Beziehungen, politische Einstellungen, die Burnout-Quote, aber auch das Verhalten in Klimafragen. "Und wir wollen uns auch die kognitiven Fähigkeiten der Leute angucken", verrät er. Auf diese Weise wollen die Forscher die Theorie überprüfen, wonach Menschen bessere Entscheidungen treffen, wenn sie weniger gestresst sind.

Seit einigen Jahren hat die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen an Fahrt aufgenommen. In einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2019 heißt es, etwa jeder zweite Deutsche fände die Idee gut. Besonders junge Menschen befürworten es, allen Bürgern steuerfrei eine Summe X pro Monat zu zahlen - unabhängig von ihrer individuellen Lebens- und Einkommenssituation. Eine Bedarfsprüfung gäbe es beim bedingungslosen Grundeinkommen nicht, das Geld bekämen alle: Millionäre, Rentner, Arbeiter, Studenten, Obdachlose.

Wenn sich zu Beginn der Studie deutliche Effekte zeigen, soll 2022 parallel eine zweite beginnen. Dann sollen Teilnehmer, die weniger als 1200 Euro Einkommen haben, auf diese Summe aufgestockt werden. Damit wollen die Forscher herausfinden, wie stark die Effekte des Grundeinkommens sind, wenn es statt deutlich mehr Geld nur mehr Sicherheit gibt. Und in einer dritten Studie, die 2023 beginnen soll, bekommen Teilnehmer wiederum 1200 Euro, allerdings wird das Geld mit einer simulierten Steuer von 50 Prozent auf alle sonstigen Einkünfte verrechnet und nur die Differenz ausgezahlt. Das soll helfen, Ideen für ein realistisches Finanzierungskonzept zu finden.

Kritik nicht nur an Finanzierung

Die Finanzierung ist einer der großen Kritikpunkte am bedingungslosen Grundeinkommen. Auf 83 Millionen Einwohner gerechnet würde es den deutschen Staat fast eine Billion Euro im Jahr kosten, wenn vom Baby bis zum Greis jeder 1000 Euro bekäme. Das wären - Stand jetzt - zwei Drittel der gesamten jährlichen deutschen Staatsausgaben.

"Es kursiert in der Debatte die etwas abstruse Vorstellung, dass das Grundeinkommen bedeutet, alle Menschen hätten einfach 1200 Euro mehr. So ein Konzept gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Wenn das Geld einfach gedruckt würde, gäbe es Inflation, und der Effekt wäre wieder dahin. Grundeinkommen heißt nicht mehr Geld, sondern grundsätzliches Geld", verweist Bohmeyer darauf, dass im Gegenzug die Steuern steigen müssten. Am Ende hätte "der Großteil der Gesellschaft relativ gleich viel Geld wie heute". Die Einführung von bedingungslosem Grundeinkommen wäre eher eine riesige Steuerreform.

Kritiker befürchten aber, dass am Ende vor allem die Mittelschicht geschröpft würde. Reiche bekämen etwas weniger, im Gegenzug aber ihr soziales Gewissen beruhigt. Ärmere würden profitieren, die Mittelschicht zahlt. Gewonnen wäre dann, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt betrifft, wenig. Bedingungsloses Einkommen würde zudem die Motivation von Menschen bremsen und diese letztendlich sogar unglücklicher machen, sagen Gegner der Idee. Auch viele Ökonomen sind vom Konzept nicht überzeugt. Das Grundeinkommen könne sogar eine Spaltung der Gesellschaft befeuern und soziale Mobilität verhindern, weil es weniger statt mehr Anreize gebe, zu arbeiten.

Das Team um Michael Bohmeyer will diese und andere Erkenntnisse aber schwarz auf weiß haben, belegt mit Zahlen und echten Menschen: "Ein Erfolg wäre das Projekt, wenn wir einen Trend erkennen, wie ein Grundeinkommen wirkt. Ob das nun positiv oder negativ ist, würde ich gerne der politischen Debatte überlassen."

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Quelle: ntv.de