Politik

Alles nur ein Ablenkungsmanöver? Kiew: Kampf um Kinburn-Halbinsel dauert an

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Satellitenaufnahme der Kinburn-Nehrung (großer Kreis) mit der Stadt Cherson (kleiner Kreis).

(Foto: © European Union, Copernicus Sentinel Data 2022)

Nach der Befreiung der Stadt Cherson steuern ukrainische Truppen die Kinburn-Halbinsel am östlichen Ufer des Dnipro an. Einige Militärexperten halten das Vordringen ans jenseitige Dnipro-Ufer für eine Finte. Sie rechnen mit einem Großangriff der Ukraine weiter im Nordosten.

Die ukrainische Armee führt nach eigenen Angaben weiterhin militärische Operationen auf der Halbinsel Kinburn südwestlich der Stadt Cherson durch. Das bestätigte Natalie Humeniuk, Sprecherin des Operationskommandos Süd, in einer Radiosendung, wie das Portal "Ukrajinska Prawda" berichtet. Die Nehrung sei derart schmal, dass dort keine großen Truppenkonzentrationen möglich seien. Nachschub sei nicht so einfach zu organisieren, sagte Humeniuk. Das Wetter – aktuell herrsche starker Wind – würde der Ukraine aber in die Karten spielen. "Sobald Ergebnisse vorliegen, werden wir darüber berichten", fügte Humeniuk an. "Im Moment läuft diese Militäroperation im Stillen ab."

Die etwa fünf Kilometer lange Kinburn-Nehrung liegt an der westlichen Spitze der gleichnamigen Halbinsel im Süden der Ukraine an der Mündung des Flusses Dnipro ins Schwarze Meer. Wegen seiner reichhaltigen Flora und Fauna war das von Dünen bedeckte Gebiet vor dem Krieg bei Touristen sehr beliebt. Russische Truppen hatten die schmale Landzunge gleich zu Beginn der Invasion im Frühjahr erobert. Durch die Kontrolle der Kinburn-Halbinsel konnten sie die Häfen von Cherson und Mykolajiw effektiv blockieren: Die Schifffahrtswege im Bereich der Dnipro-Mündung liegen in Reichweite russischer Geschütze. Seit der Aufgabe von Cherson graben sich Moskaus Verbände am Ostufer des Dnipro ein, wobei die Kinburn-Nehrung die linke Flanke der russischen Abwehrstellungen bildet.

Vergangene Woche teilte Humeniuk mit, dass die Kinburn-Halbinsel jetzt "eine Zone aktiver militärischer Operationen" sei. Zudem veröffentlichte das ukrainische Verteidigungsministerium ein viel beachtetes Video, das ukrainische Soldaten in Schlauchbooten bei der Überquerung des Dnipro zeigen soll. Später meldeten russische Kriegsblogger, ukrainische Einheiten seien auf der Halbinsel gelandet, anschließend hätten Truppen des Kreml das Gefecht aber für sich entschieden. Unklar blieb, ob es sich bei den ukrainischen Angriffen um vereinzelte Kommandoaktionen im feindlichen Hinterland oder um den Beginn einer größeren Offensive handelte.

Ein erfolgreicher Vorstoß über den Dnipro wäre für die russischen Streitkräfte in der Ukraine ein ernstes Problem: Wenn es den Ukrainern gelänge, auf der Halbinsel Fuß zu fassen, wären die russischen Truppen am Dnipro in der Flanke bedroht. Theoretisch könnten ukrainische Verbände dann die hastig errichteten russischen Befestigungen am Dnipro einfach umgehen. Selbst ein direkter Angriff in Richtung Krim wäre dann denkbar.

Der Generalstab in Kiew hält sich zu den möglichen Zielen der Gefechte weiterhin bedeckt. Schafft die Ukraine mit den Angriffen die Voraussetzungen für eine große Landungsoperation, um auch das östliche Ufer des Dnipro von russischen Einheiten zu befreien? Experten halten das bisher für unwahrscheinlich. Der französische General Jérôme Pellistrandi etwa schätzt die Kinburn-Nehrung als ungeeignet ein für große Truppenbewegungen.

Auch für die Stationierung schwerer Artillerie sei das Gelände auf dem schmalen Streifen zwischen Schwarzem Meer und Dnipro-Mündung ungünstig. "Es ist interessant für Operationen von Spezialeinheiten, für kleine Gruppen, die mit amphibischen Guerilla-Taktiken zuschlagen", sagte Pellistrandi der Zeitung "El País". Dazu kommen die Schwierigkeiten bei der Versorgung einer solchen vorgeschobenen Stellung in isolierter Lage: Seiner Ansicht nach sind die Ukrainer noch weit davon entfernt, eine ausreichend große Flotte an Landungsbooten einsetzen zu können, um ausreichend Nachschub für größere Truppenkontingente sicherzustellen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch der deutsche Brigadegeneral Christian Freuding. "Selbst sämtliche Pionier- und amphibischen Fähigkeiten, die die NATO hat, wären nicht ausreichend, um einen Brückenschlag zu vollziehen", teilte der Leiter des Sonderstabes Ukraine im Verteidigungsministerium, in einem Video der Bundeswehr mit.

Beobachter halten es daher eher für wahrscheinlich, dass die ukrainischen Operationen auf der Nehrung ein Ablenkungsmanöver darstellen. Mike Martin, Forscher in der Abteilung Kriegsstudien am Londoner King's College, spekuliert, dass Kiew auf einen Abzug russischer Truppen aus der nordöstlich gelegenen Region Saporischschja hofft, um von dort dann einen Angriff Richtung Krim zu starten. Ähnlich sieht es der finnische Verteidigungsanalyst Robin Häggblom. Er kommt zu dem Schluss, dass die ukrainischen Streitkräfte versuchen werden, eine neue Front in der Region Saporischschja zu eröffnen, ohne ihre eigene Artillerie vom östlichen Dnipro-Ufer wegzubewegen.

Die wahre Stoßrichtung der nächsten ukrainischen Groß-Offensive würde demnach dann auf die Etappenstadt Melitopol zielen. Damit droht für die russischen Militärplaner das nächste Ungemach: Durch die Region um Melitopol ziehen sich die Versorgungslinien für die russischen Kräfte am Dnipro. Und seit der Explosion auf der Krim-Brücke bei Kertsch ist der Landweg im russisch besetzten Süden der Ukraine auch von höchster strategischer Bedeutung für die Verteidigung der Krim.

Quelle: ntv.de

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