Politik

Gefechte in der Ostukraine Kita-Personal nach Granatentreffer terrorisiert

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Glatter Durchschuss zum Sportraum der Kita: Zum Glück waren die Kinder gerade beim Frühstück.

(Foto: picture alliance / AA)

Das erste Opfer des Krieges ist die Seelenruhe: Als russische Granaten einen Kindergarten in der Ostukraine treffen, durchleben Eltern und Erzieher Stunden der Angst. Nur durch Zufall sind die Kinder gerade in einem anderen Raum, als ein Geschoss die Außenwand durchlöchert.

Natalia Slessarewa steht noch immer unter Schock. Der Arbeitsort der Erzieherin, der Kindergarten "Skaska" (Märchen) im ostukrainischen Ort Stanyzia-Luhanska, wurde am Donnerstag bombardiert. "Im Moment der Explosion waren die Kinder gerade beim Frühstück", erzählt Slessarewa. Eine Granate durchschlug eine Wand im Sportraum. In der Mauer mit der bunten Kindertapete klafft ein großes Loch, zwischen Turngeräten und Bällen liegen Ziegelsteine. "Das Geschoss schlug gegen 9 Uhr ein. Ich war in der Waschküche. Die Druckwelle schleuderte mich gegen die Tür. Ich spürte meine rechte Kopfseite nicht mehr", berichtet Slessarewa.

20 Kinder waren zu diesem Zeitpunkt in der Kantine. Nach dem Frühstück stand Sport auf dem Stundenplan der Kita. "Wäre die Granate 15 Minuten später explodiert, hätten die Folgen katastrophal sein können", sagt Slessarewa. Tatsächlich gelang es den Erwachsenen aber, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Drei Mitarbeiter wurden verletzt. Normalerweise besuchen 57 Kinder die Einrichtung. Wegen der Corona-Pandemie waren an diesem Tag die meisten von ihnen jedoch zu Hause geblieben.

Stanyzia-Luhanska liegt an der Frontlinie im Osten des Landes, wo die ukrainische Armee gegen prorussische Separatisten kämpft. 32 Granateinschläge meldeten die Streitkräfte am Donnerstag, in manchen Teilen des Ortes fiel der Strom aus. Eine Granate traf den Spielplatz des Kindergartens und hinterließ einen trichterförmigen Krater zwischen den beiden Rutschen.

"Ich konnte mich nicht beruhigen"

Bewohner von Stanyzia-Luhanska versetzte der Beschuss in Angst und Schrecken. Nachdem sie von der Explosion in der Kita erfahren hatte, wollte Natalia so schnell wie möglich zu ihrem zwei Jahre alten Sohn. "Mein Mann und ich sind mit dem Auto losgerast, um das Kind zu holen", sagt die 38-Jährige, die ihren Nachnamen nicht preisgeben möchte. "Ich hatte große Angst. In diesem Kindergarten gibt es keinen Luftschutzbunker, nur dicke Mauern. Ich konnte mich nicht beruhigen." Auch an anderer Stelle sind die Folgen des Angriffs zu sehen. Die Wucht der Explosionen ließ Fensterscheiben zerbersten, nun ersetzen Plastiktüten das Glas. "Vor Neujahr war es ruhig, aber jetzt haben sie die Angriffe intensiviert", sagt ein Mann, der auf seinem Balkon im zweiten Stock Glassplitter aufsammelt.

Seit 2014 kämpfen im Osten der Ukraine pro-russische Separatisten gegen die ukrainische Armee, mehr als 14.000 Menschen wurden bereits getötet. Wegen des derzeitigen russischen Truppenaufmarsches an der ukrainischen Grenze wachsen die Befürchtungen, dass sich der Konflikt auf weitere Teile der Ukraine ausweiten könnte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte den Angriff auf Stanyzia-Luhanska als "Provokation". Die Separatisten hingegen werfen der ukrainischen Armee vor, ihren Beschuss mit schweren Waffen zu verstärken, um den Konflikt "in eine Eskalation zu treiben".

"Es ist eine Tragödie, aber zum Glück gab es keine Opfer", sagt Slessarewa. Nach diesem Donnerstag hat die Mitarbeiterin des Kindergartens von Stanyzia-Luhanska nur einen Wunsch: "Dass der Krieg aufhört".

Quelle: ntv.de, Yulia Silina, AFP

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