Politik

Als Umstürzlerin in U-Haft Kolesnikowa wieder in Minsk aufgetaucht

135361493.jpg

Zeigt keine Angst vor Lukaschenko: Maria Kolesnikowa Ende August in Minsk.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Tage war sie verschollen, nun steht fest: Oppositionsführerin Kolesnikowa sitzt in einem Untersuchungsgefängnis in Minsk und muss sich gegen den Vorwurf der versuchten Machtergreifung verteidigen. Mitstreiter loben ihren Mut. Den dürfte auch Diktator Lukaschenko inzwischen fürchten.

Zwei Tage nach ihrer Entführung ist nun klar, wo die festgenommene Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa ist. Sie sei in einem Untersuchungsgefängnis in Minsk, berichteten ihr Anwalt und ihr Vater übereinstimmend. Kolesnikowa sei wegen des Vorwurfs der versuchten Machtergreifung inhaftiert worden, sagte ihr Anwalt. Ihre Wohnung wurde bei einer Razzia aufgebrochen und durchsucht. Auch ihr Vater Alexander Kolesnikow teilte mit, das Ermittlungskomitee von Belarus habe ihn angerufen und ihm die Inhaftierung seiner Tochter mitgeteilt.

Das Ermittlungskomitee bestätigte später die Festnahme Kolesnikowas. Die 38-Jährige war am Montag verschwunden. Sie soll daraufhin von den Behörden zur Ausreise in die Ukraine gedrängt worden sein. Als sie sich weigerte, das Land zu verlassen und ihren Pass zerriss, wurde sie festgenommen. Kolesnikowa ist eines der bekanntesten Gesichter der Demokratiebewegung, die sich gegen den autoritären Staatschef Alexander Lukaschenko stellt. Sie ist im Koordinierungsrat der Opposition, der einen friedlichen Machtwechsel will. Einige Mitarbeiter des Gremiums sind bereits festgenommen oder zur Ausreise gezwungen worden.

Mit Razzien und Festnahmen geht der Machtapparat des belarussischen Staatschefs Lukaschenko seit Tagen gegen die Opposition vor. Maskierte drangen am Morgen in das Hauptquartier der Demokratiebewegung ein, nahmen Computer und Dokumente mit und versiegelten dann die Halle in einem Geschäftszentrum in Minsk. Zudem nahmen die Männer den oppositionellen Anwalt Maxim Snak in Gewahrsam, der als einer der letzten vom Präsidium des Koordinierungsrates der Zivilgesellschaft noch in Freiheit gewesen war.

Mitstreiter loben Kolesnikowas Mut

Tief bestürzt über das Vorgehen gegen ihre Mitstreiter im Präsidium zeigte sich die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. "Lukaschenko verübt Terror gegen sein eigenes Volk", sagte die 72-Jährige gegenüber Journalisten in ihrer Wohnung im Stadtzentrum von Minsk. Sie fühlte sich zudem bedrängt von den Behörden und beklagte eine seit Wochen organisierte Bespitzelung durch den Machtapparat. Auch Diplomaten eilten zur Stelle, weil zeitweilig befürchtet wurde, die weltberühmte Autorin könnte auch festgenommen werden.

Alexijewitsch lobte den Mut der Oppositionsführerin Kolesnikowa. Auch die ins unfreiwillige Exil ins Ausland geflüchtete Ex-Präsidentenkandidatin Swetlana Tichanowskaja bezeichnete Kolesnikowa als eine "Heldin". Die frühere Musikerin, die lange in der Stuttgarter Kulturszene aktiv war, hatte stets betont, keine Angst zu haben und bis zum Schluss gegen Lukaschenko zu kämpfen.

Die Schriftstellerin Alexijewitsch sprach mit Blick auf die täglichen Proteste von einem "Aufstand" gegen Lukaschenko und warnte erneut vor der Gefahr eines Bürgerkriegs. Sie beklagte, dass Hunderte Menschen in Haft säßen. Sie rief den Apparat eindringlich zum Dialog auf, um die Krise zu lösen. Alexijewitsch war wie die meisten anderen Präsidiumsmitglieder des Koordinierungsrates unlängst auch zur Vernehmung vorgeladen worden. Vier von sieben Mitgliedern der Führung sind in Haft, zwei haben das Land auf Druck der Behörden verlassen. Die Schriftstellerin ist die einzige, die noch in Minsk in Freiheit ist. "Erst haben sie uns das Land gestohlen, jetzt greifen sie die Besten von uns auf", sagte sie. Aber es kämen Hunderte andere an ihrer Stelle.

Quelle: ntv.de, mau/dpa