Politik

Der "Boss" braucht keinen Schlaf Macron - ein Staatschef im Laufschritt

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Einer von zwei Franzosen ist mit der Arbeit des bisher jüngsten französischen Präsidenten zufrieden.

(Foto: picture alliance / Frank Rumpenh)

Für seine europäische Vision erhält Emmanuel Macron den Aachener Karlspreis 2018. Um die EU neu aufzustellen, benötigt Frankreichs Staatschef zwar die Unterstützung Deutschlands - der 39-Jährige scheut jedoch keinen Alleingang.

Emmanuel Macron hat es eilig. In der westafrikanischen Metropole Ouagadougou debattiert der französische Präsident mit Studenten, am Golf mit Saudi-Arabiens mächtigem Kronprinzen Mohammed bin Salman und im Élyséepalast mit Bürgermeistern aus Savoyen oder der Bretagne. "Frankreich möchte mit allen sprechen", lautet sein Credo.

Ein gutes halbes Jahr nach seinem Amtsantritt ist der 39-jährige Senkrechtstarter scheinbar überall. Auch bei der Trauerfeier für den Rockstar Johnny Hallyday an diesem Samstag wird der jüngste französische Staatspräsident aller Zeiten in der Pariser Madeleine-Kirche das Wort ergreifen. Am Dienstag nächster Woche versammelt er dann über 50 Staats- und Regierungschefs zum Klimagipfel.

"Tempo, Tempo", so oder so ähnlich lautet die Devise. Der Absolvent der Elitehochschule ENA schickt bis 2 oder 3 Uhr morgens SMS-Nachrichten an Regierungsmitglieder, erfuhr die Zeitung "Le Monde". Mitarbeiter nennen Macron, der mit wenig Schlaf auskommt, einfach "the Boss".

Laut einer aktuellen Umfrage ist einer von zwei Franzosen mit Macrons Arbeit zufrieden; das ist deutlich besser als noch vor einigen Monaten, als die Umfragewerte abgestürzt waren. Macron gewann im Frühjahr als Außenseiter die Präsidentenwahl und schaltete in der Endrunde Europafeindin Marine Le Pen von der Front National aus. Macron will hingegen ein starkes und bürgernahes Europa und forderte im September mit seiner Sorbonne-Rede vor allem den wichtigsten EU-Partner Deutschland heraus.

Macron scheut den Alleingang nicht

Er plädierte in der ehrwürdigen Universität für einen gemeinsamen Haushalt der Eurozone, einen Euro-Finanzminister, eine europäische Steuer auf Finanztransaktionen und vieles mehr. Berlin steckt aber immer noch in der Regierungsfindung - und deshalb fehlt bisher eine klare Antwort aus der deutschen Machtzentrale. Macron setzt darauf, dass Kanzlerin Angela Merkel weitermachen kann; aus seinem Umfeld wird eine Präferenz für eine große Koalition mit der SPD signalisiert. Die Verleihung des Karlspreises im kommenden Frühjahr dürfte das Gewicht seiner Pläne noch stärken.

Obwohl der Politjungstar demonstrativ auf die europäischen Partner zugeht, sollte sich nach Ansicht von Beobachtern keiner Illusionen machen. Macron scheut den Alleingang nicht. Als Deutschland und andere EU-Länder mehrheitlich für eine Verlängerung der europäischen Zulassung von Glyphosat um fünf Jahre stimmten, kündigte Paris postwendend an, das höchst umstrittene Unkrautmittel zuhause spätestens in drei Jahren zu verbieten.

Der frühere Wirtschaftsminister und Investmentbanker will sich als Frankreichs mächtigster Mann in kein Schema pressen lassen. Er bricht Tabus - so forderte er unlängst in Burkina Faso, Kulturgüter von Frankreich an Afrika zurückzugegeben. Auch im Privatleben scheut der belesene Arztsohn aus Amiens keine Herausforderung: Gegen Widerstände heiratete er vor zehn Jahren die 64-jährige Französisch- und Lateinlehrerin Brigitte Trogneux. Im Élyséepalast gab er der "Première Dame" einen Rahmen für ihre (unbezahlte) Arbeit - ein Novum in der 1958 geschaffenen Fünften Republik.

Quelle: n-tv.de, lri/dpa