Politik

Janine Wissler in Erklärungsnot MeToo-Vorwürfe bei Linken-Landesverband aufgedeckt

276678793.jpg

Seit wann wusste Janine Wissler von den Vorwürfen gegen ihren früheren Lebensgefährten?

(Foto: picture alliance / Flashpic)

Der frühere Landesvorstand der hessischen Linken soll vor einigen Jahren gegenüber einer Minderjährigen sexuell übergriffig gewesen sein. Es handelt sich laut einem Medienbericht um den Ex-Partner der heutigen Bundesvorsitzenden Wissler. Der Mann bestreitet die Anschuldigungen.

In der hessischen Linken soll es über Jahre zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Das berichtet der "Spiegel". Zu den Beschuldigten zählt dem Magazin zufolge auch Adrian G., der ehemalige Partner der Bundesvorsitzenden Janine Wissler. Der Mann, früherer Landesvorstand in Hessen, soll sich in den Jahren 2018 und 2019 übergriffig gegenüber einer jungen Parteinovizin verhalten haben. Die heute 22-jährige Frau, mit der er eine Affäre unterhielt, wirft ihm unter anderem vor, sie als Minderjährige beim Sex gefilmt zu haben.

In dem Bericht heißt es, G. sei eines Nachts zudem über den Balkon in ihre Wohnung eingestiegen. Über diese Nachstellung habe die Betroffene die damalige Fraktionsvorsitzende im Hessischen Landtag, Janine Wissler, bereits 2018 per Mail informiert. Wissler äußerte sich auf Anfrage des Magazins nicht konkret dazu, gab demnach aber an, die junge Frau habe sie nicht über "sexuelle Übergriffe" informiert und sie auch nicht aufgefordert, einzugreifen. Der Mann bestreitet die Anschuldigungen.

Wissler erklärte dem "Spiegel" zufolge, sie habe sich sofort an den Landesverband gewandt und offenbart, "welche persönliche Verknüpfung es zu ihr geben könnte", nachdem im vergangenen November erstmals Gerüchte über G.s mutmaßliches Fehlverhalten auf Instagram bekannt wurden. Zu Beginn des Jahres habe sie darum gebeten, dass sich eine "Vertrauensgruppe" innerhalb des Parteivorstands des Falls annehmen solle. Ob sie der Partei offengelegt hat, dass sie bereits 2018 von dem Vorwurf der nächtlichen Nachstellung gegen ihren Ex-Partner G. Kenntnis erlangte, lassen laut dem Medienbericht sowohl Wissler als auch die Partei offen.

Nachdem die Vorwürfe gegen G. aufgetaucht waren, äußerten sich auch andere mutmaßliche Betroffene, heißt es weiter. Jakob Hammes, Bundessprecher der Linksjugend Solid gibt an, 25 Personen beschuldigten ihm gegenüber mehr als 30 Männer aus der Linken, darunter auch Bundespolitiker. Der Wiesbadener Kreisvorsitzende wird von dem Magazin mit den Worten zitiert: "Leider hatten wir bislang keine Strukturen, an die sich Betroffene wenden können. Das ist ein Missstand, der uns schmerzlich bewusst geworden ist." Man suche nun nach "professionellen Wegen, um einen sensiblen und sachgerechten Umgang" mit dem Thema zu finden. Der hessische Landesvorstand hat dem "Spiegel" zufolge inzwischen einen neuen Verhaltenskodex verabschiedet, zudem sollen Awareness-Strukturen etabliert werden.

"Schlag in das Gesicht der gesamten Bewegung"

Als Reaktion auf den "Spiegel"-Bericht erklärte der geschäftsführende Landesvorstand am heutigen Freitag in Wiesbaden: "Wir nehmen die aufgeworfenen Anschuldigungen sehr ernst." Die Partei habe Ende November 2021 Kenntnis davon bekommen und seitdem begonnen, "diese auf allen Ebenen aufzuarbeiten". Wissler wandte sich entschieden dagegen, dass "mir unterstellt wird, ich hätte irgendjemanden geschützt". Bei Twitter wurden die Vorwürfe unter dem Hashtag "#linkemetoo" diskutiert.

Wissler erklärte inzwischen, eine von den Übergriffen betroffene Frau habe ihr 2018 mitgeteilt, "dass sie ein sexuelles Verhältnis zu meinem damaligen Partner hatte." Nach dieser Offenbarung habe sie die Beziehung beendet. Bei keinem der darauf folgenden Kontakte mit ihr "wurde der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs oder der sexuellen Gewalt erhoben", so Wissler. Auch sei sie nicht um Hilfe gebeten worden. In dem anderen Fall habe sie im November 2021 einen Instagram-Screenshot zugeschickt bekommen, erklärte Wissler. Darin habe eine ihr nicht persönlich bekannte junge Frau angegeben, "dass sie vor einigen Jahren durch ein Mitglied der Wiesbadener Linken sexuell missbraucht und durch ein Mitglied der Wiesbadener SPD sexuell belästigt worden sei".

Wissler betonte, sie nehme Vorwürfe von sexueller Belästigung, sexueller Gewalt und Missbrauch sehr ernst und habe sofort gehandelt, als ihr derartige Vorwürfe bekannt geworden seien. Der Parteivorstand habe im Oktober 2021 eine Vertrauensgruppe eingesetzt, als Hilfsinstanz für Betroffene. "Sexualisierte Gewalt und Sexismus dürfen in unserer Partei keinen Platz haben", hieß es in der Stellungnahme des hessischen Landesvorstands. Der Vorwurf des Täterschutzes werde zurückgewiesen. So seien Betroffenen Gespräche angeboten und "ein umfangreicher Verhaltenskodex" beschlossen worden. Der Kreisverband Wiesbaden organisiere einen Workshop zum Thema "Sexismus-Sensibilisierung". Zur nächsten Sitzung des Landesvorstands am 30. April sei die Berufung einer oder mehrerer Vertrauenspersonen geplant.

Die Linksjugend Solid sprach von einem "Schlag in das Gesicht der gesamten Bewegung" und forderte einen "glaubwürdigen feministischen Wandel in der Partei". Linksjugend-Bundessprecher Hammes forderte zudem "den Rücktritt aller beteiligten Personen, die Täter sind oder von den Taten wussten und diese gedeckt haben".

Quelle: ntv.de, fzö/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen