Politik

"Eine angenehme Frau" Merkel besucht die Heimat Templin

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Die Bundesrepublik wirkt hier sehr weit weg: Merkel will in Templin nicht nach dem Wahlkampf gefragt werden. Bürgermeister Tabbert lacht ausgelassen.

(Foto: REUTERS)

Die Kanzlerin hat in der Uckermark ihre Wurzeln, ein Wochenendhaus und viele Kindheitserinnerungen. Der Bürgermeister von der Linkspartei empfängt sie voller Freude.

Vom Kanzleramt geht's nach Templin: Übt Angela Merkel schon mal für den Ruhestand? Mitten in der heißen Wahlkampfphase um ihre Nachfolge nimmt sich die Kanzlerin am Nachmittag jedenfalls ausgiebig Zeit, um ihre Heimatstadt in der Uckermark zu beehren. Rede des Bürgermeisters, Kindergedichte, die Europahymne auf dem Akkordeon, Grundsteinlegung für eine Kita. Und der Höhepunkt: das Pflanzen einer Linde im Bürgergarten der Kleinstadt. Es ist die Linde Nummer 7015, Bürgermeister Detlef Tabbert hat mitgezählt. Der Baum ist das Wahrzeichen Templins.

Merkel ist ein Kind dieser Stadt, auch wenn die CDU-Politikerin als Tochter des Pastors Horst Kasner in Hamburg geboren wurde. Die Familie siedelte von der Bundesrepublik in die DDR über und zog später nach Templin. Hier lebte Merkel von 1957 bis 1973, bevor sie in Leipzig studierte und später in Berlin arbeitete. Bis heute hat sie eine Datsche in der Nähe des Kurortes, der zwar nur 16.000 Einwohner zählt, aber mit 377 Quadratkilometern flächenmäßig die achtgrößte Stadt der Republik ist. 2019 wurde Merkel Ehrenbürgerin.

All das schwingt mit an diesem Nachmittag im Bürgergarten, wo der Besuch aus Berlin tatsächlich eine Menge Bürger anzieht, es mögen 200 sein hinter einem roten Absperrband. Die Menschen beschweren sich zwar, dass die Kameraleute und Journalisten ihnen die Sicht versperren, aber sie freuen sich doch, als die Kanzlerin darüber spricht, wie sehr ihr Herz an Templin hängt. Die Stadt habe ja schon einiges erlebt, sagt Merkel - hier wird das 750. Stadtjubiläum begangen, da bietet sich ein Rückblick an.

"Hier sind meine Wurzeln"

"Auch die Jahrzehnte der DDR konnten nicht ohne Folgen bleiben", führt die Kanzlerin aus. "Ich bin ja hier aufgewachsen, von 1957 bis zum Abitur. Ich weiß, wovon ich rede." Aber trotz aller staatlichen Gängelung, habe sie viele gute Erinnerungen an ihre Kindheit. "Es wird immer so bleiben, hier komme ich her, hier sind meine Wurzeln und sie werden hier auch immer sein", sagt Merkel, inzwischen 67 Jahre alt. Und etwas später: "Ich habe während meiner politischen Arbeit viele Länder dieser Welt bereisen und kennenlernen können. Aber dass ich heute als Ehrenbürgerin meiner nun über 750 Jahre alten Heimatstadt Templin hier bei Ihnen sein darf, das erfüllt mich mit Stolz."

Die Bundespolitik wirkt schon sehr weit weg in diesem Moment. Ein Journalist versucht es mit Fragen nach Armin Laschet, dem CDU-Kanzlerkandidaten, und dessen Wahlkampf. Doch Merkel hat in 16 Jahren Kanzlerschaft gelernt, zu ignorieren. Nur die Pandemie ist kurz Thema: Merkel appelliert an die Templiner, sich impfen zu lassen. Das war's.

Corona war auch der Grund, warum Merkel ausgerechnet etwa zwei Wochen vor der Bundestagswahl diesen entspannten Nachmittag in der Provinz verbringt. Eigentlich sollte die Kanzlerin zum 750. Stadtjubiläum im April 2020 kommen. Wegen der Pandemie habe man dies zweimal verschoben. "Das ist der dritte Versuch", erzählt Bürgermeister Tabbert von der Linkspartei schon vorab. "Es freut uns, dass sie sich in diesen bewegten Zeiten die Zeit nimmt."

"Sie hat jetzt nichts mehr zu sagen"

Bald, wenn die neue Bundesregierung gebildet ist, dürfte Merkel für Templin noch mehr Zeit haben. Auf die Frage, ob sie künftig häufiger kommen werde, antwortet sie immerhin knapp: "Bestimmt." Und es scheint so, als hätten viele ihrer Mitbürger nichts dagegen - halb Templin scheint die Kanzlerin ohnehin aus dem örtlichen Edeka, vom Grillplatz oder aus einer Kinovorstellung zu kennen. "Für mich ist die Frau Merkel definitiv vom Menschlichen her beeindruckend, was sie geschafft hat", sagt die 64-jährige Sylweli Stork, die mittags auf dem kleinen Marktplatz der Stadt mit ihrer Enkelin für eine Rostbratwurst ansteht. "Eine angenehme Frau."

Politisch gilt das für die Templiner Rentnerin allerdings nicht mehr. Der Wahl-O-Mat hat die frühere CDU-Wählerin eher in Richtung Linkspartei oder SPD platziert - sehr zur Überraschung der Frau, die vor sechs Jahren von Würzburg nach Templin zog. "Als Mensch würde ich sie sofort wiederwählen, als Politikerin nicht mehr", sagt Stork. "Dass sie jetzt die Politik verlässt, ist total zu verstehen, weil, sie will auch mal ihre Ruhe haben, ne? Und sie hat jetzt wirklich nichts mehr zu sagen." Das sei traurig - aber wahr.

Quelle: ntv.de, Verena Schmitt-Roschmann, dpa

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