Politik

Cicero-Chef im "Duell" Merkel hat "rhetorische Legasthenie"

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Schwennicke (.l) und Jörges (r.) im Gespräch mit Heiner Bremer.

Wird Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen können? Das zu glauben sei "lächerlich", sagt Cicero-Chef Christoph Schwennicke bei n-tv und fordert von der Kanzlerin mehr Mut zur Ehrlichkeit.

Politikjournalist Christoph Schwennicke hat Bundeskanzlerin Merkel vorgeworfen, die Öffentlichkeit über die finanziellen Folgen der griechischen Schuldenkrise im Unklaren zu lassen. "Es ist ja eine Art rhetorische Legasthenie, mit der man sich irgendwie abfinden muss bei Angela Merkel. Sie hat viele Vorzüge, aber das wird sie nicht mehr lernen", sagte der "Cicero"-Chefredakteur in "Das Duell bei n-tv".

Schwennicke glaubt, dass es nach der sich abzeichnenden Einigung auf ein Reformpaket für Griechenland zum Schuldenschnitt kommen wird – auch wenn die Kanzlerin dieses Wort vermeiden werde. "Sie wird das so direkt nicht formulieren", sagte Schwennicke, aber schließlich wisse "jeder, der bei Trost ist, dass die nicht imstande sind, ihre Schulden komplett zurückzuzahlen. [...] So zu tun, als würde jeder Cent da zurückgezahlt: Das ist ja lächerlich."

Über Schuldenschnitt nachdenken

Hans-Ulrich Jörges teilte die Meinung seines Kollegen. "Wenn die griechische Regierung diese Vorleistungen jetzt erbringt, muss man im zweiten Schritt über eine Entschuldung nachdenken", sagte das Mitglied der "Stern"-Chefredaktion. Es sei "ausgeschlossen", dass Griechenland seinen Schuldenberg abbauen könne. Das wisse auch die Kanzlerin – daher werde über eine Streckung der Rückzahlfristen nachgedacht.

"In Berlin wird schon lange darüber geredet, die europäischen Kredite auf 80 Jahre Laufzeit zu verlängern und in dieser Zeit zins- und tilgungsfrei zu stellen. Das ist de facto eine Entschuldung, de jure aber nicht", sagte Jörges. Die Ansprüche blieben zwar auf dem Papier erhalten, "aber im Laufe der Inflation und der Jahre schmilzt das dahin, bis das alle Leute vergessen haben."

Schwennicke forderte die Kanzlerin auf, ehrlich zur Bevölkerung zu sein. "Wenn man jetzt mit den Griechen zu einer Einigung kommt auf der Grundlage, was vorgelegt wurde: dass dann also die Wahrheit wenigstens ein bisschen aufleuchten muss, nämlich dass die Schulden ein wenig gestreckt werden, das gehört dann schon mit dazu", sagte Schwennicke.

Zuschuss für Urlauber

Er brachte in diesem Zusammenhang auch eine indirekte Subventionierung der griechischen Wirtschaft nach dem Vorbild der "Abwrackprämie" ins Gespräch: "Ich könnte mir so was genauso vorstellen in Griechenland. Ich nenne es mal eine Hotelprämie. Also, jemand hier geht ins Reisebüro und schließt einen Vertrag über einen Urlaub in Griechenland ab, kann das nachweisen und kriegt einen Zuschuss. Woher auch immer."

Quelle: ntv.de