Politik

Vergifteter Putin-Gegner Nato fordert Ermittlungen im Fall Nawalny

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Alexej Nawalny wird derzeit in Berlin behandelt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Fall des Kreml-Kritikers Nawalny werden Rufe nach einer unabhängigen Untersuchung lauter. Auch die Nato fordert nun Ermittlungen. Der Kreml hingegen zeigt sich zwar besorgt über den Zustand des Patienten, bremst die Aufklärung aber weiter aus.

Die Nato hat sich den Forderungen nach einer lückenlosen Aufklärung der mutmaßlichen Vergiftung des Kremlkritikers Alexej Nawalny angeschlossen. "Was wir jetzt brauchen, ist eine transparente Ermittlung, um herauszufinden, was passiert ist", sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Rande eines Treffens der EU-Verteidigungsminister in Berlin. Es gebe keinen Grund, an den Untersuchungsergebnissen der Ärzte zu zweifeln. Es müsse sichergestellt werden, dass die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden.

Die Nato mache sich "natürlich" Sorgen um Nawalny, sagte Stoltenberg in Berlin. "Ich wünsche ihm eine schnelle Genesung und begrüße die Bemühungen Deutschlands, ihm zu helfen". Stoltenberg fügte hinzu, er sehe "keinen Grund", die Befunde der deutschen Ärzte in Zweifel zu ziehen.

Auch der britische Premierminister Boris Johnson äußerte sich zum Fall: "Wir brauchen eine vollständige, transparente Untersuchung", sagte Johnson. "Die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden, und das Vereinigte Königreich wird sich den internationalen Bemühungen anschließen, um für Gerechtigkeit zu sorgen." Vor der britischen Regierung und der Nato hatten bereits die Bundesregierung, die EU und die US-Botschaft in Moskau eine transparente Untersuchung gefordert.

Nawalny wird seit Samstag in der Berliner Charité behandelt, nachdem der prominente Kritiker von Präsident Wladimir Putin auf einem Inlandsflug zusammengebrochen und zunächst in einem Krankenhaus im sibirischen Omsk behandelt worden war. Nawalnys Umfeld nimmt an, dass er durch einen Tee vergiftet wurde, den er kurz vor dem Abflug getrunken hatte. Die Berliner Ärzte hatten erklärt, sie gingen davon aus, dass der Oppositionelle vergiftet worden sei. Darauf wiesen klinische Befunde hin. Nawalny liegt seit fast einer Woche im Koma. Seit Samstag wird er in Berlin behandelt, zuvor hatten ihn Unterstützer von Russland nach Deutschland gebracht. Nawalny ist seit Jahren einer der bekanntesten Widersacher von Kremlchef Wladimir Putin.

Kreml will keine Verschlechterung der Beziehungen

Der Kreml rechnet aber wegen des Falls nicht mit einer weiteren Verschlechterung der Beziehungen zum Westen. "Natürlich wollen wir das nicht. Zweitens gibt es keinen Grund dafür", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. "Auch wir haben Interesse festzustellen, was mit dem Patienten passiert ist, aber das können wir noch nicht", meinte Peskow. Noch wisse man nicht, ob und welche Substanzen in Nawalnys Körper waren.

Am Vortag hatte der Kreml-Sprecher gesagt, ermittelt werde erst dann, wenn der Kremlkritiker vergiftet worden sei. Die russische Staatsführung hatte die Testergebnisse der Berliner Charité in Zweifel gezogen und sich über die "Eile" der deutschen Ärzte gewundert, das Wort "Vergiftung" zu benutzen.

Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker des Präsidenten Wladimir Putin. Auf den 44-Jährigen wurden schon mehrere Anschläge verübt, er wurde auch öfter festgenommen. Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau sind etwa wegen des Hackerangriffs auf den Bundestag und den Mord im Kleinen Tiergarten in Berlin belastet.

Auch die Beziehungen zwischen London und Moskau sind wegen zwei Vergiftungsfällen in Großbritannien stark angespannt. 2006 war der frühere russische Agent und Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko im Exil in London an einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium gestorben. 2018 wurden der Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia im englischen Salisbury dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok ausgesetzt. Beide entgingen nur knapp dem Tod.

Quelle: ntv.de, bea/dpa/AFP