Politik

Staudamm-Streit mit Äthiopien "Nil hat für Ägypten immense Bedeutung"

Der Nil gilt als Lebensader für den Nordosten Afrikas, besonders die Entwicklung von Ägypten ist untrennbar mit dem Nil verbunden. Fast 97 Prozent seines Wasserbedarfs deckt der Wüstenstaat mit dem Nilwasser ab. Doch weil Äthiopien im Blauen Nil seit fast einem Jahrzehnt einen gigantischen Staudamm baut, ist ein ebenso großer Streit um das Wasser des Stroms entbrannt. Nicole Hirt vom Giga-Institut für Afrika-Studien erklärt im ntv.de-Interview, auf welch altes Recht sich Ägypten beruft, welch gute Argumente wiederum Äthiopien auf seiner Seite hat und warum ein Krieg trotz der verbalen Scharmützel unwahrscheinlich ist.

ntv.de: Welche Bedeutung hat der Nil für Äthiopien und für Ägypten?

Nicole Hirt: Dazu muss man sich erst einmal mit der geografischen Lage beschäftigen. Der Nil entspringt einmal als Weißer Nil und als Blauer Nil, um dann in Khartum, im Sudan, in den eigentlichen Nil zusammenzulaufen, von wo aus er weiter nach Ägypten fließt. Dort hat der Nil eine immense Bedeutung, weil er die einzig nennenswerte Wasserquelle für die Landwirtschaft ist. Für Äthiopien hat der Blaue Nil wiederum auch eine große Bedeutung, aber in geringerem Maße.

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Nicole Hirt vom Giga-Institut für Afrika-Studien.

Warum baut Äthiopien jetzt einen großen Staudamm im Blauen Nil?

Es geht vor allem darum, Elektrizität zu produzieren. Äthiopien hat mittlerweile etwa 110 Millionen Einwohner und die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren stärker gewachsen, weshalb jetzt Elektrizität gebraucht wird. Das ist die Argumentation. Aber ich denke auch, dass es darum geht, mit dem Projekt nationale Größe und Stärke zu demonstrieren. Das Projekt heißt nicht umsonst Grand Ethiopian Renaissance Dam.

Warum ist Ägypten so vehement gegen den Damm?

Von ägyptischer Seite wird befürchtet, dass die Flutung des Stausees dazu führen könnte, dass in Ägypten, etwa 2.000 Kilometer stromabwärts, weniger Nilwasser ankommt. In Ägypten herrscht ohnehin schon Wasserknappheit, weil dort die Bevölkerung wächst und etwa 100 Millionen Menschen auf das Wasser des Nils angewiesen sind.

Auf welches Recht pocht Ägypten?

Es gab in der Vergangenheit verschiedene Abkommen zwischen den Anrainerstaaten des Nils, also zwischen Ägypten, dem Sudan, Äthiopien und anderen. Da ging es immer wieder um bestimmte Quoten an Wasser, die den einzelnen Ländern zustehen. Aktuell beruft sich Ägypten vor allem auf ein altes Abkommen aus der Kolonialzeit, welches fast das gesamte Nilwasser Ägypten und dem Sudan zuspricht. Von Äthiopien war damals keine Rede.

Aber eine Einigung im Streit um das Wasser ist nicht in Sicht.

Aktuell nicht. Es gab immer wieder Verhandlungen, wo immer wieder neu beraten wurde: Wie viel Wasser steht jedem zu? Wie viel Wasser darf Äthiopien mit seinem Stausee abgreifen? Die Weltbank hat vermittelt, die USA haben vermittelt. Aber das Thema ist auch innenpolitisch in den jeweiligen Ländern hochbrisant. Deshalb gibt es derzeit eine Pattsituation und es ist überhaupt nicht klar, wie es weitergehen soll.

Wieder was gelernt

Das Interview mit Nicole Hirt ist für unseren Podcast "Wieder was gelernt" entstanden. Die Ausgabe "Ägypten und Äthiopien streiten um den Nil" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Ganz aufzuhalten ist das Projekt nicht mehr?

Nein, dafür hat es schon zu viele Milliarden verschlungen. Es wird seit fast zehn Jahren gebaut und steht mittlerweile kurz vor der Vollendung. 2022 soll der Staudamm komplett fertig sein. Es gibt sogar schon Turbinen, die einsatzfähig sind und Elektrizität generieren können. Jetzt ist die Frage: Wie schnell darf das geschehen? Dass das Projekt noch gestoppt wird, ist sehr unwahrscheinlich.

Man könnte ja auch sagen, dass Äthiopien nur das macht, was Ägypten schon vor Jahrzehnten gemacht hat.

Jedenfalls hat Ägypten schon in den 1960er Jahren mit sowjetischer Hilfe den Assuan-Staudamm gebaut. Auch das war damals ein umstrittenes Großprojekt, das aber bis heute existiert und teilweise den Wasserstand des Nils reguliert. Ägypten ging es damals ebenfalls darum, Elektrizität zu gewinnen. Heutzutage gibt es in Ägypten keinen Elektrizitätsmangel mehr. Ganz im Gegensatz zu Äthiopien, wo ständig der Strom ausfällt.

Welche Rolle spielt der Sudan, an dessen Grenze der Staudamm gebaut wird?

Der Sudan ist gespalten. Äthiopien hat dem Sudan zugesichert, dass er günstig Elektrizität aus Äthiopien bekommt, wenn die Turbinen laufen. Das ist natürlich attraktiv für den Sudan. Und im Gegensatz zu Ägypten gibt es im Sudan auch keinen Wassermangel, sondern häufig Überschwemmungen. Das könnte durch den Damm sogar besser reguliert werden. Aber die politische Situation im Sudan ist extrem zerfahren, nachdem der alte Diktator Omar al-Baschir gestürzt wurde. Die Zivilregierung steht eher an der Seite von Äthiopien, während das Militär traditionell eher mit Ägypten sympathisiert.

Wie geht es jetzt weiter? Droht eine Eskalation?

Es ging in den vergangenen Monaten teilweise verbal recht hart zu. Ägypten und Äthiopien haben gegenseitig mit Krieg gedroht. Aber ein Krieg wäre allein schon strategisch schwer denkbar, weil die Sahara zwischen beiden Ländern liegt. Natürlich könnte Ägypten theoretisch den Damm bombardieren, aber das erscheint relativ unwahrscheinlich, weil das von der internationalen Gemeinschaft auch nicht positiv aufgenommen werden würde. Trotz aller Schwierigkeiten läuft es auf eine Verhandlungslösung hinaus.

Wie könnte die Lösung aussehen?

Die einzig praktikable Lösung wäre es, den Stausee langsamer als geplant zu befüllen. Dann könnte man erst mal beobachten, wie sich das über die Jahre auf die Wasserversorgung in Ägypten auswirkt.

Quelle: ntv.de