Berlin Tag & MachtÖzdemir hat die Hagel-Versicherung, die CDU einen Reh-Unfall
Eine Kolumne von Marie von den Benken
Die CDU wollte den Stuttgarter Landtag im Sturm erobern, bekam aber nur einen Hagelschauer. 27.312 Stimmen später wird plötzlich Cem Özdemir Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Über die Anatomie der ersten Wahl in Deutschland, die von rehbraunen Augen entschieden wurde.
Um für die Kalenderwoche elf den Mann der Woche zu küren, brauchen keine hochbezahlten Meinungsforscher bemüht zu werden. Alle müssten sich einig sein: Der Mann der Woche ist Cem Özdemir. Der Mann, der neuer Ministerpräsident von Baden-Württemberg wird. Gut, Özdemir ist noch nicht offiziell vom Landtag gewählt und der Vorsprung auf seinen CDU-Widersacher Manuel Hagel beträgt nur knapp 27.000 Stimmen. Aber auch ein knapper Sieg ist ein Sieg. Das brachte Konrad Adenauer schon 1949 der Bundesrepublik bei, als er zu ihrem ersten Kanzler gewählt wurde.
Im Fall von Adenauer reichte bei 202 zu 200 Stimmen nämlich exakt diese eine Stimme für die absolute Mehrheit. Diese eine Stimme übrigens gab sich Adenauer damals selbst. Im Vergleich wirkt Özdemirs offizieller 27.312 Zweitstimmen-Vorsprung plötzlich erdrutschartig. Und ja, okay, bevor es jetzt wieder Leserbriefe hagelt, in denen mir erklärt wird, ich hätte Äpfel mit Birnen verglichen: Selbstverständlich handelt es sich bei den 27.312 Stimmen um Stimmen im Rahmen einer Landtagswahl, während es sich bei Adenauers 202 Stimmen um eine Abstimmung im Bundestag handelte. Aber der Bundestag, das habe ich jedenfalls so in der Schule gelernt, ist doch das repräsentative Spiegelbild unserer Gesellschaft, oder?
This Ain't Nothing But a Summer Cem
Wie auch immer, ob nur eine einzige Stimme oder knapp 27.000: Cem Özdemir wird Ministerpräsident. Und das ist keine gewagte Prognose. Es ist reine Mathematik, kombiniert mit politischer Dynamiklogik. Die anhand des Wahlergebnisses rechnerisch einzige Möglichkeit, alternativ irgendwie doch noch den hauchdünn unterlegenen Manuel Hagel zum Ministerpräsidenten zu machen, wäre eine Koalition zwischen CDU und AfD. Und die ist unwahrscheinlicher als eine Staffel "Germany's Next Topmodel" ohne den Satz "ich habe heute leider kein Foto für dich!"
Eine Verbrüderung mit der AfD auf Länderebene wird nämlich unter Friedrich Merz, der Heidi Klum der Christdemokraten, nicht möglich sein. Und das, obwohl der intern gelegentlich als Bob der Brandmauerbaumeister gemobbte Kanzler einen Sieg in Baden-Württemberg vermutlich sogar eingepreist hatte. Nach 15 Jahren unter dem offiziell als grün firmierenden Winfried Kretschmann war die Sehnsucht der Union nach einem Comeback im Stuttgarter Schlossgarten extrem groß. Größer war eigentlich nur noch die Sehnsucht von Alice Weidel, die AfD endlich in ihre erste Regierungskoalition zu manövrieren.
Nun stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt, das jedenfalls sagt der Volksmund, also die Leute, und denen ist die AfD nach eigenen Angaben ja besonders nahe. Gestorben ist besagte Hoffnung jedenfalls nicht aus der Perspektive von Alice Weidel. Die sieht die Chancen auf Regierungsbeteiligung besser denn je. Immerhin errang die AfD zuletzt vor dem Verwaltungsgericht Köln einen Ideologie-Punktsieg und darf aktuell nicht mehr vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Ganzes als "gesichert rechtsextremistisch" eingestuft und behandelt werden. Da sollte die Tür zur CDU doch nunmehr offenstehen.
Oh, du Frohnmaier
Wie nah die AfD in Baden-Württemberg tatsächlich an den Leuten war, darüber kann man streiten. Spitzenkandidat Markus Frohnmaier jedenfalls hatte ein Ergebnis von "25 Prozent plus X" angekündigt und im Taumel grenzenloser Selbstsicherheit einen Umzug aus Berlin zurück nach Stuttgart davon abhängig gemacht, dort wirklich Ministerpräsident zu werden. Spätestens jedoch, als er im heißen Wahlkampfendspurt in die USA flog, um sich bei der MAGA-Bewegung anzubiedern, während Tino Chrupalla und Alice Weidel beim Wahlkampfabschluss in Rottweil allein auf der Bühne standen, konnte man von Identifikation mit den Menschen im sogenannten Ländle nicht mehr unbedingt sprechen. Von Identifikation mit seiner eigenen Parteispitze eigentlich auch nicht. Die 18,8 Prozent, die die AfD dann am Sonntag letztendlich einfuhr, sind zweifelsfrei ungemütlich und bedenklich. Dennoch hätte es schlimmer kommen können. Von "25 plus X" jedenfalls war Frohnmaier weiter entfernt als Berlin vom Titel "Sauberste Stadt Deutschlands".
Das Gegenteil dieser Alle-Optionen-offenhalten-Variante lebte Wahlsieger Cem Özdemir. Obschon amtierender Bundeslandwirtschaftsminister, verzichtete Özdemir vor der Bundestagswahl 2025 auf eine erneute Kandidatur, um sich in Stuttgart voll auf sein Vorhaben zu konzentrieren, neuer Ministerpräsident zu werden. Anders als Frohnmaier, der im Landkreis Böblingen aufgewachsen ist, kehrte Özdemir frühzeitig, ohne Jobgarantie und freudig in sein Heimatbundesland zurück.
Denn Özdemir ist Schwabe. Geboren in Bad Urach. Ein pittoreskes Heilbad, das als schönster Luftkurort östlich von Reutlingen gilt. Seit dieser Woche ist Özdemir zusätzlich der schönste Ministerpräsident südwestlich von Berlin. Jedenfalls, wenn man den Kollegen der "taz" Glauben schenken darf. Die haben kürzlich ein Jugendfoto von Cem Özdemir ausgegraben, auf dem er ein wenig aussieht wie der uneheliche Sohn von Liza Minelli und Eros Ramazzotti. Die "taz" titelte dazu: "Ich werd's nie vergessen. Er hieß Cem. Schwarze Haare. Rehbraune Augen".
Der politische Hagel-Schaden der CDU
Als Schwabe ist Özdemir getreu der "Schaffe, schaffe, Häusle baue"-Mentalität ein sparsamer Zeitgenosse. Entsprechend vorbildlich scheint er auf alle Eventualitäten des Lebens vorbereitet zu sein. Mit Sicherheit hatte er frühzeitig eine (und jetzt aufpassen!) Hagel-Versicherung abgeschlossen. Anders ist es nicht zu erklären, dass CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel auf dem Weg zum fest eingeplanten Wahlerfolg keine Gelegenheit ausließ, seinen eigenen Erfolg zu sabotieren. Sein Credo hieß offenbar "Lieber profillos bleiben, dann macht man auch keine Fehler!" und er lebte es so konsequent, dass ihn am Ende nur knapp 20 Prozent der Baden-Württemberger überhaupt kannten. Zu wichtigen Themen blieb er lieber vage, wirkte oft so dynamisch wie eine Landschildkröte. Begeisterung konnte er damit nicht entfachen.
Und doch war es ausgerechnet ein Interview, das seinem Wahlkampf vermutlich das Genick brach. Die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer hatte gemacht, was eigentlich ein Journalist hätte machen sollen: Ein Video aus dem Jahr 2018 aufgespürt, in dem Hagel über einen Besuch an einer Realschule schwärmt. Sätze wie "Bei einem Anteil von 80 Prozent Mädchen, da gibt es für einen 29-jährigen Abgeordneten schlimmere Termine" brannten sich zunächst in die Schlagzeilen, dann in die Social-Media-Kommentarspalten und schließlich in die Köpfe der Wähler ein. Die Krönung allerdings war seine Hommage an eine damals 16-jährige Schülerin: "Ich werd's nie vergessen, die erste Frage. Sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen." Der Schlüsselsatz, der womöglich zum Wahldesaster wurde, auf jeden Fall aber zur Inspirationsquelle der "taz".
Deine rehbraunen Augen machen mich so sentimental
Dass Zoe Mayer mit ihrer Video-Enthüllung den Wahlkampf allein entschieden hat, ist unwahrscheinlich. Auch wenn die CDU das vehement beteuert. So vehement, dass ausgerechnet Mayer sich jetzt im Zentrum eines Shitstorms wiederfindet. Ein leuchtendes Beispiel dafür, dass der Überbringer einer schlechten Nachricht in Deutschland oftmals intensiver kritisiert wird als ihr Verursacher.
Dass mit der CDU jetzt ausgerechnet die Partei eine "grüne Hetzkampagne" beweint, deren letzter Bundestagswahlkampf weitestgehend aus der hochanalytischen Kampfparole "Annalena Baerbock kann nur gendern, Trampolin springen und Fahrradwege in Peru bauen, aber dafür kein Englisch und keine Quellenangaben" bestand, ist wirklich der Treppenwitz dieser Woche.
Unabhängig davon, wer nun die Hauptschuld an Manuel Hagels entgangenem Wahl-Triumph trägt und wie die Definition einer Schmutzkampagne aussieht: Wir sollten uns einfach darauf einigen, dass erwachsene Männer grundsätzlich davon absehen, Zusammentreffen mit minderjährigen Mädchen schwärmerisch als unvergessliche Begegnung mit "rehbraunen Augen" zu beschreiben. Sogar, wenn man kein Politiker ist.