Politik

Hagel und CDU verlieren WahlEs lag nicht nur an diesem einen Video

08.03.2026, 19:23 Uhr RTL01231-1Von Volker Petersen
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Knapp verloren: Manuel Hagel konnte die CDU trotz deutlichen Zge (Foto: picture alliance/dpa)

Rund zwei Jahre lag die CDU in Umfragen in Führung, doch an diesem Sonntag folgt die Ernüchterung. Mit ihrem Spitzenkandidaten Hagel läuft die Partei nur als Zweite ins Ziel. Das hat nicht nur mit einem alten Video zu tun.

Dieses verdammte Video, werden nun manche denken. Hat es Manuel Hagel und der CDU den Wahlsieg in Baden-Württemberg gekostet? Geholfen hat es jedenfalls nicht: Darin hatte Hagel vor acht Jahren vom Besuch einer Schulklasse und den Fragen eines Mädchens namens Eva und ihren rehbraunen Augen erzählt. Und vorher leicht grinsend gesagt, es gebe für einen 29-jährigen Politiker Schlimmeres, als vor eine vornehmlich mit Mädchen besetzte Schulklasse zu treten.

Das Video schlug ein wie eine Bombe, vor allem das Timing war für Hagel und die CDU übel. Denn ein sehr großer Teil der Wähler entscheidet sich erst kurz vor Schluss für eine Partei. Noch Ende der Woche sollen einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zufolge knapp ein Drittel noch unentschieden gewesen sein. Wenn dann dieses Rehbraune-Augen-Video das erste ist, was man von einem Spitzenkandidaten mitbekommt, ist das keine Werbung in eigener Sache.

Dann gab es auf den letzten Metern noch ein Schulvideo, das nicht gut für Hagel lief. Für einen ARD-Beitrag besuchte er eine Gemeinschaftsschule und reagierte genervt auf eine Lehrerin, die Hagel mit kritischen Fragen torpedierte und ihn auch an die Tafel zur Erklärung des Treibhauseffektes schickte. Wo er etwas unbeholfen agierte und sich anschließend in Form von Internet-Wortmeldungen anhören musste, das Phänomen nicht richtig erklärt zu haben.

Bundestrend half Hagel nicht

Doch Özdemirs Aufholjagd nur auf solche Rückschläge zurückzuführen, greift zu kurz. Der Grünen-Kandidat erwies sich als Wahlkampfschlachtross, das unermüdlich von Termin zu Termin hetzte und dabei nie den Glauben verlor. Sein Glück: Die Anti-Ampel- und Anti-Grünen-Stimmung in Deutschland verblasst. Mittlerweile ärgern sich viele über die neue Regierung in Berlin - und die ist CDU-geführt. Auch wenn die sich in bundesweiten Umfragen zuletzt stabilisierte, war Bundeskanzler Friedrich Merz sicher keine Rückenwindmaschine. Er ist so unbeliebt wie sein Vorgänger Olaf Scholz zu seinen schlechtesten Zeiten.

Stattdessen flogen aus der Bundes-CDU und ihrem Umfeld Anfang des Jahres, als der Wahlkampf in die heiße Phase ging, einige Knüppel zwischen Hagels Beine. Stichwort: Lifestyle-Teilzeit. Die Forderung der CDU-Mittelstandsvereinigung MIT, das Recht auf Teilzeitarbeit einzuschränken, löste eine tagelange Debatte aus. Insbesondere die Grünen behaupteten, die CDU wolle das Recht auf Teilzeit insgesamt abschaffen. Hagel protestierte, ebenso wie Gordon Schnieder, CDU-Spitzenkandidat in Rheinland-Pfalz, und die Bundes-CDU entschärfte den Antrag vor dem Bundesparteitag in Stuttgart.

Doch der Geist war aus der Flasche, an dem Punkt ging es nur noch um Schadensbegrenzung. Das Gleiche galt für die Forderung des CDU-Wirtschaftsrates, den Leistungskatalog der Krankenkassen drastisch zu beschneiden und etwa Zahnarztbesuche komplett herauszunehmen. Der Wirtschaftsrat ist nicht einmal eine Parteiorganisation, aber wenn "CDU" darübersteht, muss man sich nicht wundern, wenn diese Unternehmervereinigung mit der Partei in Verbindung gebracht wird.

AfD versprach einfache Lösungen

Eigentlich hatte Hagel versucht, die Wirtschaft in den Mittelpunkt seines Wahlkampfs zu stellen und mit Plänen für die Rettung der baden-württembergischen Industrie zu punkten. Die ist der Stolz des Ländle, doch nach Massenentlassungen bei Bosch und Gewinnschwund bei Daimler geht auch im Südwesten die Angst um. Abstiegsangst hilft aber meist der AfD, die mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmeier versprach, beispielsweise mit neuen Kernkraftwerken schnell für günstigere Energie sorgen zu können - was Hagel zu Recht mit dem Verweis auf jahrelange Bauzeiten zurückwies.

Währenddessen inszenierte sich Özdemir als bester Freund der Wirtschaft, distanzierte sich von den Grünen im Europa-Parlament, die das Mercosur-Abkommen weiter verzögert hatten, und begrüßte obendrein die Lockerung des EU-weiten De-facto-Verbrennerverbotes. Er zeigte eine beflissene Kenntnis der neuesten Mercedes-Modelle - und profitierte von dem Vertrauen, das der bisherige Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann aufgebaut hat. In dessen Fußstapfen als Ober-Pragmatiker und Ober-Realo hat er offenbar viele überzeugt.

Nicht zuletzt war es ein Risiko, einen weitgehend unbekannten und sehr jungen Kandidaten aufzustellen. So jung wie Hagel ist noch nie jemand in Deutschland Ministerpräsident geworden. Was nicht heißt, dass der 37-Jährige keine Erfahrung hätte. Er ist schon seit Jahren in der Landespolitik unterwegs, ist in der Union gut vernetzt, kennt als ehemaliger Sparkassendirektor auch die Wirtschaft und als dreifacher Vater die Sorgen und Nöte von Familien. Zumindest auf dem Papier ist das eine gute Mischung. Und trotzdem hatte Hagel bis zum Schluss mit mangelnder Bekanntheit zu kämpfen.

Zu Ende ist seine Karriere allerdings auch nicht, für ihn bricht ein neues Kapitel an. Er dürfte einen Posten in der künftigen grün-schwarzen Koalition sicher haben. Ob er sich darüber heute freuen kann, ist eine andere Frage.

Quelle: ntv.de

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