Politik

Journalistin will nicht fliehen Owssjannikowa fürchtet um ihre Sicherheit

Ihr TV-Sturm macht die russische Journalistin Owssjannikowa berühmt. Verurteilt wurde sie bereits dafür, doch ihr droht noch eine viel härtere Strafe. Die 44-Jährige sorgt sich um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder. Russland verlassen will sie aber nicht.

Die russische TV-Journalistin Marina Owssjannikowa ist nach ihrem Protest vor laufenden Kameras gegen den Krieg in der Ukraine äußerst besorgt um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder. "Ich glaube an das, was ich getan habe, aber ich verstehe jetzt das Ausmaß der Probleme, mit denen ich zu tun haben werde", sagte sie in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. "Natürlich bin ich äußerst besorgt um meine Sicherheit." Sie habe aber nicht vor, aus Russland zu fliehen.

"Ich fühle mich absolut nicht wie eine Heldin ... Ich möchte wirklich das Gefühl haben, dass dieses Opfer nicht umsonst war und dass die Menschen ihre Augen öffnen werden", sagte sie. Sie hoffe, dass die russische Bevölkerung Kriegspropaganda genauer hinterfrage. Owsjannikowa bekannte sich vor Gericht nicht schuldig. "Ich erkenne meine Schuld nicht an", sagte sie. "Ich bin überzeugt, dass Russland ein Verbrechen begeht."

Die Journalistin hatte sich am Montagabend während einer Nachrichten-Live-Sendung des staatlichen TV-Senders Kanal "Wremja" (Eins) mit einem Plakat hinter Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewa gestellt, auf dem sie zum Ende des Kriegs aufruft und vor Propaganda warnt. "Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen. Russen sind gegen Krieg", hatte sie geschrieben. "Nein zum Krieg!" rief Owssjannikowa, bevor die Sendung unterbrochen und ein anderer Beitrag eingeblendet wurde.

Dafür wurde sie am Dienstag zu einer Geldstrafe verurteilt. 30.000 Rubel (etwa 226 Euro) Ordnungsstrafe muss die 44-Jährige zahlen. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete den Vorfall als "Rowdytum", die Senderleitung müsse sich darum kümmern. Nicht einmal Staatsmedien kamen umhin, wegen der großen Öffentlichkeit darüber zu berichten. Der Vorgang gilt in dem fast militärisch streng geregelten Sendebetrieb des Staatsfernsehens mit kremltreuen und sehr gut bezahlten Propagandisten als beispielloser Vorgang.

"Das Verhör dauerte mehr als 14 Stunden, ich durfte weder meine Familie noch Freunde kontaktieren, mir wurde der Zugang zu einem Anwalt verweigert", sagte sie der BBC. Mitwisser oder Helfer habe sie nicht gehabt: "Es war meine Antikriegsentscheidung. Ich habe diese Entscheidung selbst getroffen, weil ich es nicht mag, dass Russland diese Invasion beginnt. Es war wirklich schrecklich."

Schwerere Strafe droht

Trotz der schnellen Verurteilung droht Owssjannikowa weiterhin eine Anklage auf Grundlage des neuen Mediengesetzes, fürchtet ihr Anwalt Daniil Berman. Dieses könnte sich auch auf ihr Twitter-Video beziehen, dass sie vor ihrer Aktion im Fernsehen veröffentlicht hatte. Dort hatte sie gesagt, dass ihr Vater Ukrainer und ihre Mutter Russin sei. Russland sei der Aggressor, "eine Person, Wladimir Putin," trage "die alleinige Verantwortung für diese Aggression". Und weiter: "Ich schäme mich, dass ich mir erlaubt habe, Lügen vom Fernsehbildschirm zu erzählen. Ich schäme mich, dass ich zugelassen habe, dass Russen in Zombies verwandelt wurden", erklärte sie. "Wir haben diesem unmenschlichen Regime nur schweigend zugesehen."

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Die oberste staatliche Ermittlungsbehörde Russlands ermittelt gegen Owssjannikowa - wegen des Vorwurfs der öffentlichen Verbreitung "falscher" Informationen über das russische Militär. Verbunden mit dem neuen Mediengesetz, das nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine verabschiedet wurde, drohen ihr bis zu 15 Jahre Gefängnis.

Frankreichs Präsident Macron hatte der 44-Jährigen Schutz angeboten. "Wir werden selbstverständlich diplomatische Schritte einleiten, um Ihrer Kollegin Schutz zu gewähren, entweder in der Botschaft oder im Asyl", sagte Macron am Dienstag auf die Frage eines französischen Journalisten. Er werde diese Lösung sehr direkt und konkret in seinem nächsten Gespräch mit Kremlchef Wladimir Putin vorschlagen. "Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass wir so schnell wie möglich vollständige Klarheit über ihre persönliche Situation und ihre Möglichkeit, ihre Arbeit fortzusetzen, erhalten." Dieses Angebot kommt für Owssjannikowa aber offenbar nicht infrage.

Quelle: ntv.de, ara/rts/dpa

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